FANTOMAS am 10.05. 2004 im SO36

Nietzsche sagte einmal ‚Gott ist tot‘ … und wer will’s ihm verdenken, denn er bekam ja nie die Chance, einen FANTOMAS-Gig live zu erleben.

Als gläubiger Jünger machte man sich also auf, um die Meister abstruser Songstrukturen im SO36 ihre Messe abhalten zu sehen. Dort angekommen stellte man erst einmal fest, dass der Einlass von 19 auf 20 Uhr verschoben worden war, was nur einen Schluss zuließ … keine Vorband. Halb so schlimm, da das Fassungsvermögen eines Jeden eh arg strapaziert werden dürfte.

Ab 20 Uhr entschlossen sich die Messdiener des SO36 dann, das wartende Volk aus dem reinigenden Regen in den Tempel zu lassen. Dort konnte man sich erst einmal an diversen Aufbauten auf der Bühne ergötzen, und allein die Vorstellung, dass alles, was da ums Schlagzeug so aufgebaut war, auch benutzt werden sollte, sprengte jede Vorstellungskraft. Der analoge Schrein aus mehreren Mikrophonen und einem Sammelsurium aus Kabeln, die sich zu einem Knäuel zusammenfügten, um ins Ungewisse zu verlaufen, tat sein Übriges dazu. Diese Ungewissheit war es auch, welche schon im Vorfeld für Spannung sorgte. Was haben sich Mike Patton, Dave Lombardo, Tervor Dunn und Buzz Osbourne für diesen Abend vorgenommen? Werden sie nur das neue Album zelebrieren oder uns mit Versatzstücken aus allen Dreien beglücken/quälen, wird MIKE uns wieder mal auf seine unnachahmliche Weise beschimpfen? (… „you Germans … all i can see are Guano Apes!“) Man konnte es nicht wissen. Außerdem war von vornherein klar, dass das, was heute auf dieser Bühne stattfinden wird, keine demokratische Entscheidung darstellt, denn wie der geneigte PATTON Fan weiß, ist FANTOMAS „The Brainchild“ des wohl besten alternativen Vokalisten, der derzeit diesen Planeten bewohnt, und dieser lässt sich da nur allzu ungern hineinreden.

Die angespannte musikalische Orientierungslosigkeit eines Jeden in der prallgefüllten Kirche des Rocks sollte mit dem Herunterfahren der Pink Floyd- Countryversionen-CD ein Ende finden. Da standen sie nun, die vier Propheten: Im Vordergrund wie gewohnt LOMBARDO und PATTON und im Hintergrund ein wenig zu Statisten degradiert KING BUZZO und DUNN. Es begann. Die ersten 20 Minuten waren geprägt vom neuen Longplayer, welcher live sehr viel mehr Power aufzuweisen hatte, und die Interaktion zwischen PATTON und LOMBARDO schon hier des einen oder anderen Jüngers Mund offen hielt. Plötzlich Cut, ‚Rosemaries Baby‘, ab da war klar, wir werden mehr zu hören bekommen als ‚Deliriun Cordia‘. Von nun ab wechselten sich die drei Alben ineinander und übereinander ab, und es war klar, dass uns der absolut soundstrukturelle Wahnsinn begegnen sollte.

FANTOMAS mit Worten erklären zu wollen, ist, wie zu Architektur tanzen zu wollen. Wer die kongeniale Führung PATTONs durch die einzelnen Passagen nie live erlebt hat, wird diese Band nicht begreifen können, denn alles, was sich auf der CD so zufällig anhört, bekommt plötzlich einen völlig durchstrukturierten Sinn, und ein Gedankte manifestiert sich … sollte das wirklich alles live gespielt sein? … sollte so etwas möglich sein? … lasst es von mir gesagt sein … es war … und es ist nicht zu fassen.
Der Vokalist stets mit weit aufgerissenen Augen zwischen stoischer Ruhe und wildem Gezucke hin und her gerissen, dabei seine Mitstreiter anweisend, welcher Cut in der nächsten Hundertstelsekunde anstehen wird. Wildes Geschrei gepaart mit sakralem Gehauche, klingende Hihatflächen werden durchbrochen von berstenden DoubleBass -Attacken ohne auch nur eine Sekunde unkoordiniert zu wirken. Plötzlich Pause. „Don´t touch that Dial“ hieß es, ward verschwunden und auch 20 Minuten nicht mehr gesehen, um mit Jubelstürmen wieder empfangen zu werden.

Teil Zwei dieses Geniestreichs war weder besser noch schlechter, auch nicht anders als auf seine eh schon abstruse, geniale Art. Wie sollte der perfekt arrangierte Wahnsinn noch getoppt oder unterboten werden? Hypnotisiert und dauergrinsend ließ ich den Rest auf mich wirken, und selbst die zweiminütige Rückkopplungsorgie PATTONs konnte diesen dämlichen Gesichtsausdruck nicht aus meiner Visage verbannen. Fast taub, freute mich besonders auf das Aufgreifen von ‚Simply Beautiful‘ und ‚Chariot Choogle‘, welches auch den Schlusspunkt setzte. Das darauffolgende toben der Massen war selbst von einem MIKE PATTON nicht zu ignorieren, und man empfahl sich mit ‚The Godfather‘ fürs nächste Mal, schimpfte nicht, sondern bedankte sich artig, um dann wie eine Erscheinung der Allmächtigen in den Katakomben zu verschwinden.

Für alle, die nicht da waren … ihr habt mein Mitgefühl. Bleibt noch die Frage: Hatte TREVOR DUNN den Iro auch schon vor der Pause?

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