FM BELFAST am 04.06.12 im Astra Kulturhaus.


Schmerzfrei.



Erster Eindruck: Alle Menschen sind so groß hier. Der Anteil an Isländern ist wahnsinnig hoch. Schlussfolgerung: Sind Isländer überdurchschnittlich groß? Die Frage lass ich hier mal so stehen, Erklärungen oder Belehrungen nehme ich gerne entgegen. Jedenfalls sind viele fröhlich angezogene Mädchen und sehr stylisch gekleidete Jungs hier. Einige Island-Fähnchen, Reykjavik-T-Shirts und zu meiner Verwunderung, keine Trolle. Und BJÖRK ist auch nicht da.

FM BELFAST und ein ganzes Batallion an bunten Luftballons entern die Bühne und schnell wird klar, wohin die Reise geht: das wird ne ganz harte Nummer. Der Look: Aua. Ist das jetzt ironisch oder erstgemeint? Alle Hipster-Zutaten wie Hosenträger, Karottenhose und der Versuch eines Schnauzbarts sind da, aber irgendwie ist da im Verlauf des Stylingvorgangs etwas (bewusst?) schief gelaufen. FM BELFAST sehen so aus wie eine Mischung aus meinem ehemaligen Fahrlehrer Horst und Gemeinschaftskunde-Referendar Falk. Und die habe ich zuletzt Mitte der Neunziger Jahre auf dem Dorf in Südwestdeutschland gesehen. Deren Modeverständnis scheint hier auf der Bühne weiterzuleben – zumindest bei den männlichen Bandmitgliedern. Sängerin Lóa bedient stattdessen das Wikingerinnen-Klischee. Langes, wallendes Haar, eher kräftig als zart, und die kugelrunden Augen erinnern mich tatsächlich an die von Ylva, der Mutter von Wicki (sind Isländer Wikinger? Zumindest wurde Island von Wikingern entdeckt, sagt Wiki(!)pedia). Gehüllt hat sich Lóa in ein unförmiges Etwas, das sie aussehen lässt wie etwa eine Hohepriesterin oder Gospelchormitglied beim Auftritt im Einkaufscenter.

Meine anfängliche Skepsis setzt sich weiter fort, als die ersten visuellen Eindrücke verarbeitet sind und das Musikprogramm in Gang kommt. FM BELFAST haben einige wirklich wunderschöne Lieder, wie Stripes oder I can feel love. Davon merke ich aber nichts – stattdessen habe ich das Gefühl, auf der Kirmes zu sein und höre schon „die nächste Runde geht los, wer steigt ein“ – SCOOTER und DR. ALBAN sind natürlich auch dabei. „Klingt alles wie zu Hause“, sagt Julie, und die kommt aus den Niederlanden. Es kommt noch schlimmer. FM BELFAST sampeln und covern, was das Zeug hält. Aus dem kuriosen Sammelsurium konnte ich mit Welcome to the Jungle eines der grausamsten Guns N‘ Roses-Cover ausmachen, ein Fight for your right to Party, das Adam Yauch, Gott hab ihn selig, sicherlich ein paar unruhige Momente auf seiner Wolke beschert hat, die bisher harmloseste Interpretation von RAGE AGAINST THE MACHINEs Killing in the name of und das thematisch schon eher passende Pump up the jam von TECHNOTRONIC. Ich bin genervt, auch von Animationsanweisungen wie: „Wir gehen jetzt alle auf den Boden, springen dann wieder hoch und dann wird’s totaaaaaal lustig“ – das hatte ich zuletzt mit 16 beim DIE ÄRZTE KONZERT in Freiburg – oder mit 14 im Cluburlaub auf Malle.

Was dann passiert, kann ich nicht rational erklären. Plötzlich ertappe ich meine Begleitung Julie, wie sie vom angestrengten Herumstehen mit verschränkten Armen zum leichten Mitwippen übergegangen ist und ihre Bewegungen immer schneller und ausladender werden. Zum Analysieren der Situation bleibt keine Zeit, denn Sekunden später tue ich es ihr und – der tobenden, kreischenden und schwitzenden – Meute gleich und springe und tanze, wie ich es sonst nur ab einem Promillespiegel von 2,0 tue. Ich bin jetzt wieder 17, höre offiziell PEARL JAM und NIRVANA und habe eine heimliche Liebe zum EURODANCE, die ich aber niemals zugeben würde. Vielleicht ist das das Rezept von FM BELFAST: die sind so wahnsinnig uncool, dass man sich – zumindest für einen Moment – auch nicht mehr drum schert, ob man vielleicht lächerlich (möglich) oder unhip (ziemlich sicher) rüberkommt.

Entgegen meiner anfänglichen Disserei kommen auch die Hits dabei gut rum. Underwear ist live noch besser als auf dem Album, die Version von I don’t want to go to sleep either ist fast schon legendär. Am Schluss bin ich einer von ihnen – und als die Luftballons und Girlanden im Publikum verteilt werden, will ich plötzlich auch was davon abhaben. Fehlen nur noch Clowns und Topfschlagen, dann wäre der Kindergeburtstag perfekt. Hoch soll’n sie leben – die einzige Headlinershow, die FM BELFAST dieses Jahr gegeben haben, war eine große Party und ich bin ganz schön froh, dass wir eingeladen waren.

http://www.fmbelfast.com
http://www.myspace.com/fmbelfast

Autor: [EMAIL=sandra.wickert@popmonitor.de?Subject=Kontakt von der Website]Sandra Wickert[/EMAIL]

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