Get Well Soon – Séance

GET WELL SOON, die nunmehr seit 20 Jahren existieren, können es nicht lassen. Das diesjährige Album Minus The Magic vom Mai wirkte wie eine Abkehr von spröden Alternative-Popwelten zurück zum Indierock. Doch nun wird schon wieder ein Album veröffentlicht, das mit der düsteren Ästhetik anzeigt, wieder eigenartige Popmusik zu bieten.

Und der erste Song von Séance, „Goth 101“, bestätigt diese Annahme. Zwar werden hier kein Gothic-Klänge gespielt, dafür aber Percussions. Schräge Chöre begleiten den ruhigen Gesang von KONSTANTIN GROPPER. Er singt davon, in eine Sekte aufgenommen worden zu sein, genauer in eine spiritistische Vereinigung, wie das Musikvideo zu „Holiday In Lily Dale“ darstellt. Spiritismus? Im 18.-20. Jahrhundert versuchten manche amerikanische Gruppen, das Christentum mit esoterischen und psychologischen Theorien zu einer Wissenschaft umzuformen, an die man glauben konnte. Reinkarnation, Geisterkontakte und andere Ideen wurden zu Glaubensinhalten.

Wohliger Grusel soll sich also einstellen, während die warmen Melodien mit Bass und Elektronik vorbeifließen. Besonders schön ist „Nothing Is Lost“, eine Erinnerung an das einst vergangene Weihnachten. Beeindruckend ist diese Liebeserklärung, die in einem Internet-Avatar festgehalten wird.

Die Platte ist abwechslungsreicher als ihre Vorgänger: „⁠⁠IBM7094 & HAL 9000 & Me“ klingt zum Beispiel wie ein Kirchenkonzert von ferne und in „Witness Impact“ kehrt auch der Italo-Western-Sound der 2010er wieder.

Ein überraschender Schifffahrtsfolksong ist „The Wreck of the Deutschland“: Gemeint ist hier wohl das Panzerschiff, das Hitler 1939 lieber in „Lützow“ umbenennen ließ, um zu vermeiden, dass es bei einem Verlust medial vom Feind propagandistisch ausgeschlachtet werden könnte. Dass es 1945 vor Anker abgeschossen wurde, könnte als Symbol für die heutige außenpolitische Schwäche Deutschlands oder des Westens gelesen werden. Der schicke Elektropopper „Siri, What Ruined the West?“ weist darauf hin.

Gropper hat seine verrätselten Texte verfeinert und liefert etwa im slowjazzigen „Unanswered Questions“ eine Gedankenschau, die zu nichts führt. Statt sich zu erklären, verschließt sich der Künstler hinter Andeutungen, sodass auch eine Auseinandersetzung mit der KI wie „You Need Me“ ernst und undurchsichtig wirkt. Hier wird das Herr-Knecht-Verhältnis zwischen der scheinbar allmächtigen Technologie zum lohnabhängigen Menschen umgedreht. Die Programme brauchen uns, denn ohne unseren Input wären sie leer und erzeugen das tote Internet. Die Streicher bauen Gropper einen dramatischen Horizont, der die KI einschüchtern sollte.

 

GET WELL SOON
Séance
(Scarlet Beast Records/Recordjet/Edel)
VÖ: 30.10.2026

www.youwillgetwellsoon.com

Live

24.01.27, Hamburg, Mojo Club
25.01.27, Frankfurt/Main, Zoom Saal
26.01.27, Heidelberg, Karlstorbahnhof
27.01.27, Köln, Gloria
28.01.27, Münster, Sputnikhalle
29.01.27, Leipzig, Felsenkeller
30.01.27, Hannover, Kulturzentrum Faust
31.01.27, Berlin, Huxleys Neue Welt
02.02.27, München, Ampere
05.02.27, Schorndorf, Club Manufaktur

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