GRIZZLY BEAR am 11.11.2009 im Postbahnhof


Der Sog überwältigter Zurückhaltung.



GRIZZLY BEAR, kleine Welten aus sich selbst heraus, kleine Welten für sich. Bedachtsam gehaltene Gefühlsnovellen, Ergriffenheit, die einem nie ergriffen vorkommt. Bewegungen, Flüsse, einer Entwicklung unterworfen, einmal von starkem Strom gegen Felsen geprescht, bei schwachem Strom nur ein intimes Rinnen, in dem sich das Glitzern verspielter Sonnenstrahlen bricht.

Fünf Jahre und vier Alben, in denen die US-amerikanische Band damit auf unsere Apperzeption einwirkte. Wie aber verhält es sich, wird stille und unbeteiligte Distanz des Hörens durch den Einbezug in das musikalische Erleben ausgetauscht, das Plätschern des Flusses also nicht nur vom Felsenrand beobachtet, sondern man selbst zu einer kleinen Mikrobe in den Rauschen des Gewässers? Selbiges Gewässer befindet sich auf einer kleinen Insel an der nordamerikanischen Küste, auf der „Veckatimest“, das heute im Berliner Postbahnhof fließt.

Der Beginn der anfänglichen Strömung liegt am „Southern Point“, und man wird untergetaucht von diesem überschwänglichen Eindruck mannigfaltiger Organismen- starke Tiefenerosion, die einem in den Flüssen des Veckatimest begegnet. Gitarre, Gitarre, Chöre, übereinander geschichtet, Flöten, Glockenspiel, Schlagzeug, Rhythmuswechsel, eine inflationäre Reizeinwirkung, ohne zu überfluten. Doch in dem Abstand zwischen Quelle und Mündung ist der Charakter des Flusses den Einwirkungen von Abfluss, Gefälle und Geologie unterworfen. Ein natürliches Fließgewässer ist kein statisches, sondern ein dynamisches System. Wenig später wird man an das Prallufer, genannt „Lullabye“, geschwemmt – die Außenseite des Flussufers, wo Zeuge eines atemberaubenden Schauspiels zu werden man das Glück hat: Glühwürmchen, unzählige, kleine Glühwürmchen, und eine partielle Reduzierung der Einflüsse. Glühwürmchen, die in ihrer Einfachheit jedoch nicht minder schön sind, sondern mit ihrem Glanz, der sich auf der noch feuchten Mikroben-Hautoberfläche spiegelt, eine Stimmung mysteriös-träumerischen Dunstes erzeugen.

Zurück im Mittellauf des Gewässers verringert sich das Gefälle, gröbere Substanzen setzen sich ab, während feinere weiter transportiert werden und somit scharenweise Verzweigungen im Flussbett entstehen. Spielerische Arme aus vokalen Ablagerungen, und wieder: die Unzählbarkeit instrumentaler Schichtung, die durch Kraft des fließenden Gewässers wieder zusammengeführt wird. Nach ausgedehnter Fließzeit schließlich befindet sich die klangliche Lautmalerei im Küstenbereich und der Einfluss des Brackwassers macht sich im Fluss bemerkbar.

GRIZZLY BEAR, Blütezeiten von Opulenz, Zurückhaltung, überwältigte Zurückhaltung. Und nach ausgiebiger Spielzeit eine Erschöpfung, die gleichzeitig jeglicher Entkräftung entbehrt.

http://www.grizzly-bear.net
http://www.myspace.com/grizzlybear

Autor: [EMAIL=lisa.forster@popmonitor.de?Subject=Kontakt von der Website]Lisa Forster[/EMAIL]

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