HIGHFIELD FESTIVAL 18. bis 20. August 2006 am Stausee Hohenfelden bei Erfurt

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Riesenparty mit den BEATSTEAKS, reichlich geklauten Songs und einem Unwetter.



Zum neunten Mal fand vor der wunderschönen Naturkulisse des Stausees Hohenfelden in Thüringen das Highfield Festival statt und 22 000 Besucher folgten der Einladung der Veranstalter. Hauptmotivation fürs Kommen waren aber freilich die Bands. Am Freitagnachmittag gab es eine kleine Werkschau kanadischer Musik, an der die WEAKERTHANS und BROKEN SOCIAL SCENE teilnahmen. Beide konnten mehr als nur überzeugen. Die WEAKERTHANS erhielten Bläserunterstützung durch BSS, wobei diese ohne FEIST (soweit ich erkennen konnte) und ohne AMY MILLAN selbst Personalnot hatte. Aber auch dezimiert ist diese Band das Beste, was man seinen Ohren antun kann.



(Foto: Daniela Döbler)

Manch einer will aber gar nicht, dass ihm das Ohr massiert wird und freut sich eher auf etwas Rotziges mit Pose. Für derlei Besucher waren die EAGLES OF DEATH METAL, die im Anschluss spielten, oder die noch etwas später auftretenden COHEED AND CAMBRIA das Richtige. Dazwischen gab’s PANIC! AT THE DISCO, die eher mittelmäßig aufspielten und ziemlich vermessen RADIOHEADS ‚Karma Police‘ coverten.

Das Thema „Ich spiele liebe die Songs anderer“ zog sich übrigens durch das gesamte Festival.

Auch der Headliner des Freitags, die BEATSTEAKS, erfreuten die Fans nicht nur mit Eigenkompositionen. Unter anderem wurde der QOTSA-Kracher ‚No One Knows‘ mit Surfrhythmen über den Stausee gejagt und der „beste Rocksong aller Zeiten“ (ARNIM), ‚Sabotage‘ von den BEASTIE BOYS, gecovert. Dass sie bei ihrem einzigen Auftritt in Deutschland den Headliner-Status zu Recht genossen, zeigte sich deutlich am Publikum. Allerorten waren Besucher in BEATSTEAKS-Merch gekleidet und die Stimmung erreichte während dieses Konzertes den absoluten Höhepunkt. Die Band musste das Konzert sogar mehrmals unterbrechen, damit die ersten Reihen ohne ernste Verletzungen wieder aufstehen konnten. Zur selben Zeit war der Zeltplatz – mangels Zeugen nur eine naheliegende Vermutung – ausgestorben. Als krönenden Abschluss gab’s in der Zugabe noch ‚Hey Du!‘ zu hören und der Freitag war Geschichte.

Hin zum Samstag, zurück zum Covern: Die interessanteste Frage während der ersten Samstagsbands war: „Von wem ist das?“. Die Antworten sind meist recht einfach. ZOX versuchten sich an den PIXIES und fragten ‚Where Is My Mind?‘ Einzig richtige Antwort: „Shame on you!“. Witzig waren dagegen Intro und Outro der ansonsten unspannenden CKY, die mit DAVID HASSELHOFFs ‚Looking For Freedom‘ (wir Deutschen mögen’s ja) auf, und mit ‚I Will Always Love You‘ von WHITNEY HOUSTON von der Bühne gingen. Die DRESDEN DOLLS gaben unter anderem GRAUZONEs ‚Eisbär‘ und, sieben Stunden vor dem Original, ‚Every Day I Love You Less And Less‘ von den KAISER CHIEFS zum Besten.

Am Nachmittag betrat bei strahlendem Sonnenschein eine Band die Bühne, deren Sänger das Publikum mit „Hallo, wir sind TOMTE aus Hamburg“ begrüßte. Beim Sänger handelte es sich aber keineswegs um THEES UHLMANN, sondern um MARCUS WIEBUSCH, der sich dafür revanchierte, dass THEES im Vorjahr den gleichen Satz mit KETTCAR brachte. Beim letzten Konzert für längere Zeit wollten KETTCAR, so schien es, noch mal soviel wie möglich spielen. Nach jedem Lied trieb MARCUS seine Mitstreiter an, keine Zeit mit Gitarrenstimmen oder längeren Ansagen zu verschwenden. Non Stop Powerpop, wie man so schön sagt. Das Publikum wusste das zu schätzen und tat alles dafür, dass die Band die Konzerte bald vermissen möge. Als kleine Zugabe spielte MARCUS noch ‚Balu‘ als Akustikversion, was auf beiden Seiten des Bühnengrabens zu Rührung führte.



(Foto: Daniela Döbler)

Gecovert haben KETTCAR aber nicht; deren Pensum blieb für FETTES BROT übrig, wobei es in diesem Zusammenhang wohl eher „extrem zitieren“ heißt. Fast alle ihre Hits sangen die drei über fremde Songs, die die eigens mitgebrachte Liveband im Hintergrund intonierte. So gab es unter anderem RAGE AGAINST THE MACHINE, THE CLASH, ROD STEWART, LOS DEL RÍO, BOBBY McFERRIN und REEL 2 REEL als Songgrundlage zu hören. Dass eine solche Show beim Publikum gut ankommt, versteht sich von selbst.

Nach dem Konzert von FETTES BROT hatten die Veranstalter die unschöne Mitteilung einer Unwetterwarnung für das Publikum. Man sollte sich noch mal vergewissern, dass die Zelte auch gut festgemacht und alle wichtigen wasserempfindlichen Gegenstände gut verwahrt seien. Gegen Ende des nicht sonderlich aufregenden SEEED-Konzerts setzte der Regen schließlich ein, und was sich da entlud, reichte zwar nicht an die Wassermengen des diesjährigen Hurricane Festivals heran, war aber doch erheblich. Sämtliche mit Vordach gesegneten Bier- und Verpflegungsstände wurden zu echten Publikumsmagneten. Egal in welche Richtung man blickte, überall gab es wunderschöne, aber in Anbetracht der Situation doch auch beängstigende Blitze. Bis zum Konzert der KAISER CHIEFS hatte sich das Gewitter aber wieder gelegt, lediglich der Regen arbeitete weiter an der längst existierenden Schlammwanne „Festivalgelände“. Die Tatsache, dass alle Besucher gleichermaßen nass und bis zu den Ohren mit Schlamm bespritzt waren, trieb die Stimmung in die Höhe und das Publikum dazu, sich durch Bewegung das aufkommende Frösteln zu vertreiben. Die KAISER CHIEFS, vor allem deren Sänger RICKY WILSON, sind für solche Momente die perfekte Band und spielten ein sagenhaft gutes Konzert, gegen dessen Ende sich RICKY gegen das Crowd-surfing Verbot auflehnte und zwei Songs lang über den Köpfen der Besucher sang.



(Foto: Zahn/ Sickboyz)

Nachdem einige Besucher die Umbaupause mit Schlammbädern überbrückten und dafür auch reichlich Szenenapplaus erhaschten, gaben WIR SIND HELDEN ihr letztes Konzert vor JUDITHs Babypause. Sympathisch, aber wenig fesselnd.

Am Sonntagvormittag zeigten sich VIRGINA JETZT! mal wieder zurück auf großer Bühne, vor der sich schon überraschend viele Besucher versammelt hatten. Am Abend zuvor hatten sie schon beim Populario Festival gespielt, was zu so früher Stunde natürlich noch nicht verdaut war. Dennoch machte es Spaß, die Jungs mal wieder live zu sehen.

Die anschließend – also auch verdammt früh spielenden TV ON THE RADIO schienen auch noch etwas mit der Müdigkeit zu kämpfen. Ihre Klasse, auf die im Laufe des Festivals auch BEATSTEAKS-ARNIM und MASSIVE-ATTACK-ROBERT hingewiesen hatten, blitzte zwar durch, der Funke wollte aber einfach nicht überspringen. Ganz ähnlich sah es auch für NADA SURF aus, die auf so großen Bühnen schon häufiger trotz ihrer unbestrittenen Gabe, grandiose Melodien zu kreieren, etwas verloren wirkten. Dass den SPORTFREUNDEN STILLER so etwas passiert ist, liegt – wenn überhaupt – einige Jahre zurück. Neben der FIFA und Italien sind sie wohl der dritte Gewinner der Fußballweltmeisterschaft. Sie brauchen nur eine Zahl zu sagen, schon verlieren einige Tausend, dem Vernehmen nach recht gestandene Menschen, TOKIO-HOTEL-mäßig den Verstand. So auch beim Highfield, sechs Wochen nach dem Finale. Dies nahm teilweise sogar die Gestalt von „Deutschland, Deutschland!“-Rufen an, die im Stadion okay, während einer WM erträglich, hier aber unangebracht und dämlich waren. Zumindest für den Umgang damit muss man den SPORTFREUNDEN und im Speziellen deren Schlagzeuger FLO dann doch Respekt zollen, da er diese Rufe mit der ‚Ode An Die Freude‘ auf Keyboard beantwortete.



(Foto: Zahn/ Sickboyz)

Die zwischenzeitlich auch für Sonntag ausgerufene Unwetterwarnung konnte nach dem Konzert aufgehoben werden, und so blieb es bis zum abschließenden Auftritt von MASSIVE ATTACK trocken und größtenteils sonnig.

Während die britischen TripHopper bei früheren Festivals so manches Mal wegen „zu ruhig“ nur auf durchwachsene Resonanz stießen, zeigten sie sich diesmal von ihrer rockigeren, teilweise schon ohrenbetäubenden Seite. Melancholische Klassiker wie ‚Teardrop‘ wurden dennoch nicht aufgespart. Auch die Lichtshow – eine bunte LED-Wand – und die zahlreichen GastsängerInnen sorgte für einen wirklich gelungenen Ausklang eines immer wieder gemütlichen Festivals. Diese Gemütlichkeit, dass sei an dieser Stelle noch ausdrücklich erwähnt, liegt nicht zuletzt am ansonsten aus der Mode gekommenen 1-Bühnen-Konzept. Jeder Besucher kann zwischen den Konzerten eine halbe Stunde Pause gebrauchen und diese auch sinnvoll verbringen, und selbst wenn er es nicht kann, ist Däumchendrehen allemal besser, als sich zwischen THE HIVES, ADAM GREEN und den SHOUT OUT LOUDS entscheiden zu müssen, wie etwa beim Hurricane.

www.highfield.de

Autor: [EMAIL=alexander.eckstein@b-i-b.de?Subject=Kontakt von der Website]Alexander Eckstein [/EMAIL]

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