HKW – Krieg singen | Holger Schulze

Laibach
Laibach

Schlachtgesänge, Heldenlieder, Märsche – Musik kam in Kriegszeiten schon immer eine tragende Rolle zu. Doch wie weit reicht ihre Instrumentalisierung und Militarisierung bis in die Gegenwart? Dieser Frage geht das Haus der Kulturen der Welt (HKW) in Berlin vom 14. bis 17. Januar mit den Thementagen Krieg singen nach.

Im Rahmen des Großprojekts 100 Jahre Gegenwart reflektieren ExpertInnen, KünstlerInnen und MusikerInnen wie LAIBACH oder HAUSCHKA Zusammenhänge von Klang und Gewalt – mit Workshops, Gesprächsrunden, Installationen, Performances und Konzerten. So setzt sich Hate Radio mit der Hasskampagne des ruandischen Rundfunks 1994 auseinander, der den Genozid an der Minderheit der Tutsi befeuerte. Zahlreiche weitere Projekte machen Aufnahmen wie Propagandalieder aus der Zeit des Vietnamkriegs, Wilhelms des Zweiten oder Adolf Hitlers erfahrbar.

Kuratiert wird das Projekt von DETLEF DIEDERICHSEN sowie HOLGER SCHULZE – Leiter des Sound Studies Lab an der Humboldt-Universität zu Berlin. Popmonitor traf den Professor kurz nach den Attentaten von Paris, die angesichts des Themas auch für unser Interview sogleich Fragen aufwerfen…

Auf der einen Seite untermalt Musik hassgeladene Propaganda-Videos wie die des IS, andererseits trauern und verbünden sich derzeit Menschen mit Musik gegen den Terror. Gibt es eine einfache Erklärung für diese ambivalente Natur der Musik, Herr Schulze?

Nein, aber man kann anders ansetzen: Oft wird gesagt, Musik sei nur für die freudvollen Momente gedacht. Das ist Quatsch! Musik findet überall statt, wo Menschen Intensives erleben, und wird auch in  kriegerischen Situationen eingesetzt. Es gibt ein altes Klischee: Böse Menschen kennen keine Lieder. Diese Behauptung ist fahrlässig. Besonders Soldaten, Krieger und Terroristen haben ihre Lieder. Kriegsmusik ist ein Teil unserer Kulturgeschichte.

Würden Sie sagen, das Kriegerische liegt in der DNA von Musik?

Ich bin bei dieser Formulierung hin- und hergerissen, aber wie Sie sagten: Es liegt eine emotionale Kraft vor, die genutzt wird, um Täter vorzubereiten und Menschen zum Krieg aufzuhetzen, damit sie berufsmäßig töten.

Wie reflektiert Krieg singen diesen Aspekt der Musik?

Wie bei Böse Musik, Unmenschliche Musik und Doofe Musik stellen wir nicht nur Beispiele auf. Wir suchen explizit Genres heraus und verarbeiten sie künstlerisch. Beispiele wären Dokumentationen zu Liedern von Rebellen aus Sierra Leone oder Bearbeitungen japanischer Militärmusik für Kinder im Zweiten Weltkrieg.

Erkennt man beim Vergleich hassschürender Musik ein klares Schema hinsichtlich der Verwendung volkstümlicher Tonfolgen und Opernklischees?

Ja, das ist das Beschwörende daran. Musik, die aufhetzen soll, ist aus ihrer Absicht heraus populistisch und muss mit dem Populären spielen. Populäre Formen des Volkslieds und historischer Popmusik werden aufgegriffen und verarbeitet. Textlich werden Helden Feinde gegenübergestellt. Man trauert um Opfer, stilisiert die vermeintliche Kriegssache, generiert Hass.

Mit dem Projekt Songs of Heroes widmet sich Tri Minh vietnamesischen Propagandaliedern mit ironischer Distanz. Da stellt sich die Frage: Darf man über das Groteske im Grausamen lachen?

Darüber haben wir vorab viel geredet. Das sind natürlich unglaublich sensible Materialien. Andererseits haben wir eine historische Distanz und sehen deswegen das Groteske. Wichtig ist dabei nur, dass man sich der Existenz des Ganzen bewusst ist. Für die Künstler ist das auch eine emotionale Herausforderung. Sie wissen selbst, wie grenzwertig das ist.

Benötigt man eine gewisse Faszination für das Abscheuliche, um intensiv mit dem Thema arbeiten zu können?

Gewissermaßen! Die Faszination, die darin liegt, ist ambivalent. Man kann sagen, dass man die Musik verabscheut, aber in jeder Kultur gibt es Musiker wie Techniker, die sich genau dafür wertgeschätzt fühlen. Das ist verstörend, aber man muss sich dem zuwenden statt alles zu negieren und sich in diese ambivalente Faszination hineinbegeben.

Welche Mittel hat die Musik, um ihrer eigenen Militarisierung entgegenzuwirken?

Pop nutzt militärische Produktionstechniken. Es müsste eine Demilitarisierung geben, sprich: Man müsste speziell Friedensmusik produzieren und daraus eine alternative Form der Popkultur entwickeln. Ich kann mir vorstellen, dass sich ein Bedürfnis dafür entwickeln wird und die Frage in den nächsten Jahren vermehrt gestellt wird.

Mit welchem Gefühl sollen BesucherInnen das HKW verlassen?

Mir ist Bewusstmachung wichtig. Alles steht immer unter dem Schatten von Postkolonisation und Erstem Weltkrieg: Konflikte in Europa wie die im Nahen Osten. Die Geschichte gegenwärtiger Kriege kann über viele Wege bis zu hundert Jahre zurückgeführt werden. Ich wünsche mir, dass am Ende jedem klar ist: Das existiert wirklich im Hier und Jetzt – dass die Menschen darüber nachdenken, wie sie selbst dazu stehen und dass jeder aufmerksamer wird.

Das volle Programm der Thementage findet sich hier:

www.hkw.de/de/programm/projekte/2016/krieg_singen

KRIEG SINGEN
14.01. – 17.01.2016
Haus der Kulturen der Welt

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