HOUSE OF LIGHT – Berliner Act des Monats Mai 2009


„Ich habe versucht, von der Musik wegzukommen und gemerkt, dass es nicht geht…“



House Of Light

Update: HOUSE OF LIGHT am Freitag, 04.03.11 live im NBI/ Kulturbrauerei (w/ DIEGO)

Der Frühling hat Einzug gehalten in Berlin und Justin de Vries ist mit Sicherheit der Einzige, der sich an diesem sonnigen Nachmittag einen schweren Wollmantel über die Schultern geworfen hat. Temperaturen, bei denen sich der Berliner einem Großteil seiner Klamotten entledigt, vermögen einen waschechten Australier eben nicht wirklich zu erwärmen. „Das Wetter“, antwortet Justin dann auch, als ich ihn frage, was er an Australien vermisst. „Und den Wohlstand“, fügt er hinzu und lacht.

Justin ist Bandgründer und Mastermind der deutsch-australischen Band HOUSE OF LIGHT. Ich treffe ihn und Keyboarderin Lena im geschichtsträchtigen Mauerpark, der bis vor zwei Jahrzehnten nicht nur zwei Länder, sondern zwei Ideologien voneinander trennte – bis zur Wende vor genau 20 Jahren. „Ich heiße Wende mit Nachnamen“, freut sich Lena, die einzige Nicht-Australierin der Band. Komplettiert wird die Aussie-Connection durch Bassist Mark und Drummer Chris, die heute nicht dabei sein können. Was sie nach Berlin verschlagen hat, will ich zunächst wissen.

Justin: Ich liebe Berlin. Ich habe mal versucht, hier wegzukommen. Aber ich bin immer wieder zurückgekommen. Hier passieren eine Menge verrückter Sachen – genug, dass ich mich nie langweile.

popmonitor.berlin: Wie bist Du mit den anderen Australiern als Band zusammengekommen. War das Zufall?
Justin: Im Grunde ja. Markus und ich hatten einen gemeinsamen Freund in Australien. Ich habe ihn angerufen und gefragt: Hast Du Lust auf eine Band? Und er hat gesagt: Ja, klar. Dann ist er ‚rüber gekommen, wir haben ein wenig gespielt und dann hatten wir eine Band.

popmonitor.berlin: Jetzt erscheint bald das Album. Erzählt etwas darüber.
Justin: Es ist so eine Art Dark-Psychedelic-Pop-Album und wird wahrscheinlich Inferno heißen. Es ist fast fertig und erscheint vielleicht schon nächsten Monat. Wir machen uns gerade Gedanken um ein Label, aber da können wir noch nichts Genaues sagen.
Lena: Es ist auf jeden Fall ein sehr spannendes Projekt. Alles ist so spontan.

popmonitor.berlin: Wie funktionieren die Proben? Bringt Justin die fertigen Songs mit in den Proberaum oder arbeitet Ihr gemeinsam an Ideen?
Justin: Die meisten Songs bringe ich eigentlich fertig mit und zeige dann allen, was sie spielen sollen. Meistens werfe ich aber bis zur nächsten Probe alles wieder über den Haufen. Manchmal sage ich sogar erst am Abend eines Auftritts, dass sich jetzt die Akkorde geändert haben.
Lena: Wie gesagt, alles ist spontan. Ich lege mich da gar nicht mehr fest. Das hat keinen Sinn.

popmonitor.berlin: Als Einflüsse für Eure Musik nennt Ihr solche Künstler wie Nick Cave, Einstürzende Neubauten oder Velvet Underground. Was inspiriert Euch abseits der Musik?
Justin: Bücher. Manchmal auch Filme. Zum Beispiel ‚Der Fänger im Roggen‘ oder ‚Herr der Fliegen‘.

popmonitor.berlin: ‚Lord of the Flies‘ ist auch der Titel eines Eurer Songs. Ist das ein Symbol für Euer Bandleben: Ist in einer Band zu sein so ähnlich wie auf einer einsamen Insel zu sein? Wird das manchmal genauso schwierig?
Justin: Bisher fand ich es leicht. Bis auf unseren ehemaligen Drummer, der sehr chaotisch war, noch chaotischer als ich. Manchmal ist es sogar wie in einer Familie.
Lena: Wir ergänzen uns eigentlich ganz gut. Justin ist etwas verplant und ich bin ganz bodenständig und versuche immer, alles zu organisieren. Ich bin erst zwei Monate dabei, darum kann ich gar nicht so viel dazu sagen. Aber es ist cool und abwechslungsreich und ich hoffe, lange dabei zu bleiben.

popmonitor.berlin: Einer Eurer Songs heißt ‚New York‘. Was verbindet Ihr damit?
Justin: Ich war mal für ein paar Tage in New York und ich wurde richtig depressiv. Da habe ich ‚New York‘ in zehn Minuten geschrieben und dann wieder vergessen. Später wurde es dann einer unserer Songs.

popmonitor.berlin: Ein anderer Song heißt ‚Naked in a Dream‘. Hast Du häufig Alpträume?
Justin: Ich glaube, viele Leute haben so etwas schon mal geträumt – ich wahrscheinlich auch. Aber eigentlich mag ich einfach die Idee, nackt im Traum zu sein.
Lena: Ich habe das noch nie geträumt. Ich verliere im Traum immer meine Zähne. Das ist ein Scheiß-Gefühl.
Justin: Das habe ich auch oft gehabt, das hat mit Unsicherheit zu tun. Es gibt bei uns definitiv eine starke psychologische Komponente in den Songs. Ich habe in Australien Psychologie studiert und interessiere mich für Freud und Jung.

popmonitor.berlin: Worum geht es in dem Song ’21st Century Prayer‘? Bist Du religiös?
Justin: Ich würde sagen: spirituell. In dem Song geht es um einen höheren Zustand des Daseins, den man einmal hatte und den man wieder erreichen möchte. Aber man hat gleichzeitig Angst davor.

popmonitor.berlin: Einige Eurer Songs werden im australischen Radio gespielt, demnächst auch hier in Deutschland. Welche Songs sind das?
Justin: Ich denke ‚House of Love‘, ‚New York‘ und vielleicht ‚Fly Bird Fly‘. Das werden wohl die Singles sein. Wir haben einfach Leuten etwas geschickt und denen hat das gefallen.

popmonitor.berlin: Ich habe gehört, Ihr habt gerade ein Video gedreht. Erzählt mir davon.
Justin: Das war aufregend und lustig. Wir haben Folie an die Wände unseres Proberaums gepackt, die Nebelmaschine angeworfen und so ein glitzerndes Glam-Video gedreht.
Lena: Das ist das Coole am Drugstore in Schöneberg, wo unser Proberaum ist: Man darf alles benutzen, mit Lichtern rumspielen und so weiter. Dann kam auch noch ein Gewitter und es gab eine ganz besondere Atmosphäre. Später haben wir die Instrumente getauscht und geposed. Das hat großen Spaß gemacht – wie eigentlich alles mit der Band.



Justin De Vries

popmonitor.berlin: Warum macht ihr überhaupt Musik? Was bedeutet Euch das?
Lena: Ich spiele Gitarre seit ich acht bin, und seitdem war Musikmachen für mich gar nicht mehr wegzudenken, das hält mich am Leben. Andere schreiben Tagebuch, wenn sie traurig sind. Ich schreibe dann eben einen Song. Musik ist Kunst, Gefühl und Kommunizieren. Und Auftreten ist eh der Kick schlechthin.
Justin: Ich habe als Teenager mit der Musik angefangen. Später in Irland habe ich mir als Straßenmusiker damit mein Überleben gesichert. Ich habe irgendwann einmal versucht, von der Musik wegzukommen und gemerkt, dass es nicht geht. Und eigentlich weiß ich auch gar nicht, was ich sonst tun soll.

popmonitor.berlin: Ich habe gehört, einer Eurer Ex-Drummer hat während eines Auftritts einen Nervenzusammenbruch erlitten.
Justin: Er ist am Tag vor dem Auftritt betrunken auf seinen Rücken gefallen und musste ins Krankenhaus. Am nächsten Tag war er zwar dabei, aber er hat kein Lied zu Ende gespielt. Irgendwann ist er dann ans Mikrofon gegangen und hat etwas erzählt über Drogen und dass alle mehr davon nehmen sollten. Das war unser letzter Gig mit ihm.

popmonitor.berlin: Ist es ungesund, Mitglied bei HOUSE OF LIGHT zu sein?
Justin: Lena hat es überlebt.
Lena: Zwei Monate lang bis jetzt. Aber solange ich nicht ans Telefon gehe…



popmonitor.berlin: Bitte beendet folgende Sätze: HOUSE OF LIGHT ist „die bislang wichtigste Gruppe ihre Genres in diesem Jahrhundert“ (aus der HOL-Presseinfo), weil…
Lena: (lacht) …die Band so organisch und immer in Bewegung ist und weil Justin unvergleichbar ist. Er hat einfach Stil. So, genug der Lobhudelei.
Justin:…weil wir etwas machen, was gemacht werden muss. Und wir machen es mit viel Verständnis für die New-Wave-Achtziger-Tradition und die Sechziger, die uns beeinflussen.

popmonitor.berlin: In einer besseren Welt wäre HOUSE OF LIGHT…
Lena: …ein Leuchtturm in der See.
Justin: …im Besitz eines guten Soundmannes (lacht).

popmonitor.berlin: Wenn HOUSE OF LIGHT ein Land wäre, welches?
Justin: Ich mag die Arktis. Auch wenn das kein Land ist.

popmonitor.berlin: Und wenn HOUSE OF LIGHT ein Buch wäre?
Lena: Ich mag diese Kinderbücher, wo beim Aufklappen etwas hochkommt.
Justin: Ein Buch, das erst noch geschrieben werden müsste. Oder ein Wörterbuch.

popmonitor.berlin: Könnt Ihr Euch vorstellen, auf einer einsamen Trauminsel in der Südsee zu leben?
Lena: Da würde ich auf Dauer depressiv werden. Ich brauche auch die Stadt, das ist mein Lebensraum.
Justin: Wenn ich eine Gitarre mitnehmen darf, gefällt mir das vielleicht eine Woche lang. Dann würde mir auch etwas fehlen: diese neurotische Energie der Stadt, von der ich zehre.

popmonitor.berlin: Was können wir für die Zukunft von HOUSE OF LIGHT erwarten? Ist bereits ein neues Album geplant?
Justin: Wir haben noch viele Songs und werden auf jeden Fall neue Alben nachlegen. Für dieses Jahr planen wir Auftritte in anderen Ländern – zum Beispiel in Usbekistan: Irgendein Sultan oder Prinz wollte wohl eine Rockband und hat uns eingeladen.

popmonitor.berlin: Ihr spielt zuvor am 15. Mai bei popmonitor.berlin.live. Was versprecht ihr Euch von dem Auftritt dort?
Justin: Wir hoffen, dass wir dort viele unserer Freunde sehen. Bei unseren letzten Auftritten in Berlin hatten wir immer starke Konkurrenz: Einmal hat Iggy Pop gespielt, ein anderes Mal Radiohead, und da sind die Leute natürlich lieber hingegangen.

popmonitor.berlin: Wisst Ihr, wer Euch diesmal die Zuschauer streitig macht?
Justin: Ja, aber das verraten wir nicht.

www.myspace.com/houseoflight

Fotos © Christian Bierwirth, House Of Light
Autor: [EMAIL=arne.wellding@popmonitor.de?Subject=Kontakt von der Website]Arne Wellding[/EMAIL]

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