IMMERGUT FESTIVAL am 26. und 27. Mai 2006 in Neustrelitz

[b]
Convallaria Majalis und ich beim Immergut.



Sonntagmorgen, als alles vorbei war, die ersten Besucher ihre Zelte verstauten und gen Heimat aufbrachen; als auf dem Festivalgelände die Aufräumarbeiten in vollem Gange waren, drehte ich, wie immer wachen Auges, meine Runden vor dem, was wenige Stunden vorher noch die Bühne war. Das Wetter war ziemlich ungemütlich, weshalb ich gerade meinen Spaziergang abbrechen und zum Auto zurückkehren wollte, als ich sie plötzlich vor mir sah.
Etwa zwanzig Meter vor der Bühne und exakt mittig – in bester Zuschauerposition also – stand sie aufrecht und in der Blüte ihrer Jugend vor mir. Ich zögerte keinen Moment sie anzusprechen und sagte:“Hallo Convallaria Majalis!“. Kein berauschender Anfang, ich weiß, aber immerhin besser als dieses „Ich kenn dich irgendwoher“-Gefasel. Convallaria schien wenig überrascht und antwortete sehr souverän: „Du kannst Maiglöckchen zu mir sagen.“
Ich kniete mich zu ihr nieder – man muss wissen, dass ich knapp zehn Mal größer bin als sie – und wir redeten, dem Regen zum Trotz, weiter. Mein hervorragendes Gedächtnis erlaubt mir, dieses Gespräch im Folgenden originalgetreu wiederzugeben.



Ecke: Wie lange stehst du schon hier?
[b]Maiglöckchen: Ich bin vor einiger Zeit aufgestanden, weil mich der Sonnenschein und die Wärme nicht weiter schlafen ließen. Dann stand ich hier und fand es so schön, dass ich wie angewurzelt verharrte.[/b]
E: Und du bist ganz alleine hier?
[i](Ich merkte sofort, mit dieser Frage ihren wunden Punkt getroffen zu haben, was mir – wir sind ja nicht bei Axel Springer – sehr leid tat. Eine Maiglöckchenträne, für ungeschulte Augen von den Regentropfen kaum zu unterscheiden, wanderte ihren Körper herab in Richtung Boden.) Dann fasste sie sich wieder und antwortete mit zittriger Stimme:[/i]
[b]M: Meine Eltern habe ich nie kennen gelernt, man sagte mir aber, dass sie einige hundert Meter entfernt von hier wohnen.
Ich stand mit ein paar Freunden und Geschwistern hier und genoss die Ruhe und den häufigen Regen. Vor ein paar Tagen wurde es plötzlich hektisch um uns herum. Große Autos kamen und bauten Buden und eine Bühne auf. [/b]
[i](Ich war mir vorher nicht sicher, ob im Wald lebende Maiglöckchen Autos, Buden und Bühnen erkennen, wenn diese in ihrer Nähe auftauchen. Nun besteht Gewissheit.)[/i]
[b]Auch viele Menschen gingen plötzlich an uns vorbei, einige blieben sogar direkt neben mir stehen. Zeitweise war es hier so voll, dass ich nichts außer Schuhen sehen konnte. Als sich der Trubel dann kurzzeitig legte, waren alle außer mir verschwunden. Seitdem schaue ich mich, wann immer ich freie Sicht habe, um und rufe nach ihnen, bisher vergebens. Weißt du wo sie sein können? [/b]
E: Leider nicht. Ich hoffe aber, dass ihnen nichts passiert ist.
[b]M: Das hoffe ich auch. [/b]
E: Weißt du überhaupt was es mit dem Trubel auf sich hatte?
[b]M: Ja. Ich bin zwar leider zu klein um inmitten der großen Menschen viel zu sehen, wir Convallaria sind aber hervorragende Zuhörer. [/b]
E: Und was hast du so mitbekommen?
[b]M: Also am Freitag, als es hier voller wurde, stand eine ganze Weile eine Frau neben mir und hat sich unterhalten. Sie war glücklich hier zu sein und nannte das Geschehen Immergut-Festival. Sie war vorher in einem Zelt und hat sich irgendetwas mit Blumen angesehen, die ihr sehr gut gefallen haben. [/b]
E: FLOWERPORNOES? ([i]Können pommersche Blumen etwa Englisch?[/i])
[b]M: Genau, so hieß das. Sie fand es aufregend, die einmal live zu sehen. Sie kannte sie bisher nur von CDs. Ansonsten habe ich von der Zeltbühne leider kaum etwas mitbekommen. [/b]
E: Und was hat dir auf der Hauptbühne besonders gefallen?
[b]M: Grundsätzlich nicht allzu viel. Ich hatte die ganze Zeit höllische Angst, dass mich jemand tritt. Nachdem ich aber gut mit Bier gegossen wurde, ging die Angst weg. [/b]
E: In deinem Alter schon Bier?
[b]M: Hatte ich eine Wahl? Außerdem sind meine Eltern ja nicht in der Nähe. [/b]
([i]Schon kicherte das Maiglöckchen wieder.[/i])
[b]Nachdem die Frau weg war wurde es hier wieder ganz schön laut. ART BRUT wurde sehr oft gerufen, es gab wohl irgendein Bild zu sehen. [/b]
E: Nein, so heißt die Band.



[b]M: Das macht Sinn. Die müssen auch sehr gut gewesen sein, ich habe viel Begeisterung mitbekommen. Es wurde auch ganz schön viel gesprungen – und ich war noch nüchtern… [/b]
E: …ich auch…
[b]M: …zum Glück sind sie aber immer neben mir gelandet.
Ach ja, viel gelacht wurde während des Konzertes auch. Ich hab den Grund aber nicht genau mitbekommen. [/b]
E: Da kann ich einspringen, das weiß ich noch sehr genau. EDDIE ARGOS, der Sänger von ART BRUT, der während des Konzerts auch durchs Publikum spaziert ist, hatte die oft wiederholte Zeile „ART BRUT, Top Of The Pops“ um weitere Bands des Festivals erweitert. Unter anderem auch um BLUMFELD und TOMTE. Nun hat er die beiden Namen natürlich englisch ausgesprochen, sang also „TOMTI“ und „BLAMFELD“, was natürlich für viel Applaus und Lachen sorgte.
[b]M: Verstehe. BLUMFELD haben danach gespielt. Ich mag den Namen. [/b]
E: Kann ich mir vorstellen. Und wie hat dir die Musik gefallen?
[b]M: Fand ich sehr schön. Sie passte zum Namen. Zart wie eine Blühte und doch hart und rau wie Stängel und Blätter. [/b]
E: Das klingt schon etwas kitschig.
[b]M: Während des Konzertes habe ich jemanden reden gehört, der Blumfeld auch ziemlich kitschig fand. Ich find das aber unsinnig. Natürlichkeit ist von Kitsch doch soweit entfernt, wie ich von einer Palme. [/b]
E: Ich meinte auch deinen Vergleich, Recht hast du aber trotzdem. Und was ist dann passiert?
[b]M: Danach fand ich’s hier nicht besonders toll. Viele Menschen sind aber voll abgegangen. [/b]
E: Das war dann sicher das Konzert der YEAH YEAH YEAHS. Da bestand der Reiz eher in der Mischung aus Musik und Show. KAREN O. sprang wie eine verrücktgewordene Voodoopuppe über die aufregend beleuchtete Bühne. Das war schon beeindruckend.



[b]M: Schade dass mir so was verborgen bleibt. Nach denen wurde es hier ruhig, aber aus dem Zelt kam, wenn auch ziemlich leise, sehr schöne Musik. Hätte ich gern lauter gehört. Dafür konnte ich hier ein bisschen entspannen. [/b]
E: Die Musik aus dem Zelt war zum entspannen auch sehr gut geeignet. Zuerst spielten GREGOR SAMSA und verzauberten mit ihrer schwermütigen, meist instrumentalen Musik all die, die bereit waren, sich verzaubern zu lassen…
[b]M: …ich war einer von denen. [/b]
E: Ich auch. Und dann gab’s noch PHANTOM/GHOST, die das Beste ihrer drei Alben präsentierten. Zwar wurden die Songs stellenweise ungewohnt ruppig vorgetragen, die Atmosphäre stimmte aber trotzdem. Danach wurden besonders Feierwütige noch vom KARRERAKLUB beschallt.
[b]M: Und einige lagen hier draußen auf der Wiese. Neben mir hat einer verdammt laut geschnarcht. [/b]
E: Das bleibt nicht aus.
[b]M: Hast du denn noch getanzt? [/b]
E: Ein bisschen. Dann bin ich aber in mein Zelt gegangen und habe…
[b]M: …geschnarcht! [/b]
E: Nein, völlig geräuschlos geschlafen. Und du? Konntest du schlafen?
[b]M: Natürlich nicht. Der Sommer fängt doch gerade erst an, ich bin noch hellwach. Nur etwas verkatert war ich nach all dem Bier. [/b]
E: Und am Samstag, was hat dir da besonders gut gefallen? Ich kam leider erst etwas später auf das Gelände.
[b]M: FOTOS fand ich sehr schön und auch AMY MILLAN und JASON COLLETT waren gut. [/b]
E: Auch KEVIN DREW von der BROKEN SOCIAL SCENE war von den FOTOS sehr begeistert und tat das, auch wenn er sich beim Namen nicht mehr ganz sicher war und ihn mit dem eines berühmten Bildbearbeitungsprogramms verwechselte, lauthals kund.
[b]M: Am besten fand ich aber, dass es geregnet hat. Das half gegen den Kater. [/b]
E: Ich glaube, dass das die meisten Besucher anders empfunden haben.
[b]M: Ja, die sind dann auch alle ins Zelt gerannt…[/b]
E: … und haben OKKERVIL RIVER angesehen. Mit umfangreicher Instrumentierung ließen sie die großen Gefühle aufleben und begeisterten das Publikum vollends. Sie ließen sich auch von MIA.s Soundcheck nicht aus dem Takt bringen.
[b]M: Die haben danach hier gespielt, fand ich aber nicht so toll. Die Sängerin hat immer so gekreischt und ich wurde ständig mit schwarz-rot-goldenen Fahnen geschlagen. [/b]
E: Du übertreibst.
[b]M: Ein bisschen. [/b]
E: Hast du auch etwas von DIE REGIERUNG mitbekommen?
[b]M: Nein. Waren deswegen so viele Fahnen hier? [/b]
E: Die Fahnen waren schon wegen MIA. hier, nach denen DIE REGIERUNG im Zelt gespielt hat. Ähnlich wie TOM LIWA und seine FLOWERPORNOES hat auch TILMAN ROSSMY seine Band DIE REGIERUNG nach Jahren der Trennung wieder auferstehen lassen.
[b]M: Und das ist gut? [/b]
E: Und wie. TILMAN ist zwar auch solo bzw. mit Quartett immer einen Besuch wert und hat hier vor drei Jahren auch schon für Begeisterung gesorgt, DIE REGIERUNG hat aber viele der Immergutbesucher, mich eingeschlossen, in ihrer Jugend geprägt, und das dann mal live zu sehen ist ein wahres Highlight.
[b]M: Das ging auch ganz schön lange. [/b]
E: Die Zuschauer wollten sie ja gar nicht mehr von der Bühne lassen. DIE REGIERUNG hatten bereits eine mit viel Applaus honorierte Zugabe gespielt, aber das Publikum wollte noch mehr. Über zehn Minuten lang wurde weiter gejubelt und gerufen, bis der Stagemanager schließlich einlenkte und einer für Festivals sehr untypischen zweiten Zugabe zustimmte.
[b]M: Und dann waren alle glücklich. [/b]
E: Ganz genau. Auch TOMTE haben gewartet, bis DIE REGIERUNG fertig ist und erst dann auf der Hauptbühne begonnen.
[b]M: Da war’s vielleicht voll. [/b]
E: Mein Beileid. TOMTE konnten auch vollends begeistern. Nicht mehr ganz nüchtern, aber wie immer sehr unterhaltsam. Bei ‚Schreit den Namen meiner Mutter‘ stand DENNIS BECKER plötzlich ohne Gitarre auf der Bühne und tanzte einfach nur, was entweder nicht mit seinen Bandkollegen abgesprochen, oder sehr gut als Spontanaktion inszeniert war.
[b]M: Und was haben sie sonst noch gespielt? [/b]
E: Das ging quer durch ihre letzten drei Alben. Es war schön, mal wieder ‚Mit dem Mofa nach England‘ zu hören. Und das abschließende ‚Die Schönheit der Chance‘ lies alle glücklich auseinander gehen.
[b]M: Viele blieben aber trotzdem hier stehen. [/b]
E: Die haben dann etwas Zuckersüßes verpasst. FEIST war nach AMY MILLAN und JASON COLLETT die letzte aus dem BROKEN-SOCIAL-SCENE-Bund, die noch solo zu bestaunen war. Und staunen konnte man wirklich. Allein mit Stimme und Gitarre – in den ersten Reihen natürlich auch mit ihrem Aussehen – schaffte sie es, das volle Zelt in ihren Bann zu ziehen. Wie viel Gefühl diese Frau in ihre Stimme legen kann ist atemberaubend. Das Gedränge im Zelt übrigens auch.
[b]M: Du stehst wenigstens nicht in 20 cm Höhe und musst die ganze Zeit einen Tritt auf den Kopf befürchten. Das Gedränge hier nahm nach FEIST, wen wundert’s, noch mal kräftig zu. [/b]
E: Da bin ich mitschuldig. Nach Feist galt es natürlich, schnellstmöglich zur Hauptbühne zu gehen und den Headliner des Festivals zu erleben: BROKEN SOCIAL SCENE.



[b]M: Wurden sie dieser Rolle gerecht? [/b]
E: Aber natürlich. Schon vor zwei Jahren haben die Kanadier viele, die die Band bis dato nicht kannten, schlichtweg umgehauen. Und auch gestern war es wieder fantastisch.
[b]M: Und ging auch ganz schön lang. [/b]
E: Für einige etwas zu lang. Zumal sie erst mit reichlich Verspätung begonnen hatten und dann anstatt der geplanten 75 Minuten ganze 120 gespielt haben. Ich mochte aber keine einzige Minute des Konzerts missen. Schon die Platten der BROKEN SOCIAL SCENE sind Meisterwerke, aber live gibt’s wirklich nichts besseres als diesen Haufen von Perfektionisten.
[b]M: Seit dieses Konzert zu ende ist, ist auch das Gedränge hier vorbei. Jetzt sind wieder die Autos da und bauen alles wieder ab. [/b]
E: Bald ist es hier wieder so ruhig wie vor ein paar Tagen.
[b]M: Meinst du, dass meine Freunde dann wieder kommen. [/b]
E: Das glaube ich kaum. Ich kann dich aber zu anderen Maiglöckchen bringen, vielleicht freundest du dich ja mit denen an.
[b]M: Das wär’ nett. [/b]

Ich grub sie also aus und ging mit ihr an den Waldrand. Dort stand eine ganze Kolonie sich duschender Maiglöckchen, neben denen ich ihr ein Loch grub und sie wieder einpflanzte. Sie bedankte sich bei mir und fragte, ob ich mal wieder vorbei käme. „Selbstverständlich!“ antwortete ich, „im nächsten Mai geht’s wieder von vorne los und ich bin, wie schon seit dem ersten Immergut Festival, dabei.“ „Ach ja“, platzte es noch aus mir heraus, „wusstest du eigentlich, dass das Immergut Festival in diesem Jahr ganz im Zeichen der Maiglöckchen stand?“. Aber sie reagierte schon nicht mehr. Sie hatte sich, wie es schien, sehr schnell mit den anderen Maiglöckchen angefreundet, und wenn Maiglöckchen miteinander reden ist das wie bei Schwaben: Für Außenstehende nicht nachvollziehbar.

www.immergutrocken.de

Autor: [EMAIL=alexander.eckstein@b-i-b.de?Subject=Kontakt von der Website]Alexander Eckstein [/EMAIL]

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