Interview mit Jason Stollsteimer von THE VON BONDIES

THE VON BONDIES waren für zwei Showcases in Deutschland, um Presse und Fans ihr neues Album Pawne Shoppe Heart vorzustellen, das im März in Deutschland erscheinen wird.

Wenn der zierliche Sänger Marke Frauenversteher so vor einem sitzt und erzählt, kann man sich gar nicht vorstellen, dass jemand derart aggressiv auf ihn reagieren könnte, wie es offensichtlich Jack White von den WHITE STRIPES getan hat. Aber – de facto wurde der Sehnerv von Jason Stollsteimer’s rechten Auge bei der Schlägerei durchtrennt. Auf das Thema angesprochen, schießen ihm sofort Tränen der Wut in die Augen und die Stimme wird brüchig. Er redet nicht gerne über den Vorfall, sagt nur, seine körperliche Verfassung sei nicht die Beste zur Zeit.

Aber ansonsten ist er guter Dinge. Beim neuen Label Sire/Warner fühlt sich die Band gut aufgehoben und in guter Gesellschaft, die NME-Tour in England war ausverkauft und im Mai steht eine längere Tour bevor. Jason erzählt:

Pawn Shoppe Heart wurde im April 2003 aufgenommen, es ist also schon seit einem Jahr fertig. Aber es gab keine Eile, es herauszubringen, da gerade zu viele andere Bands auf Warner neue Alben veröffentlichten. Warner ist für den Vertrieb zuständig und zahlt alles. Aber eigentlich sind wir auf Sire Records. Ein tolles Label: THE RAMONES, THE TALKING HEADS, MADONNA. Wir sind die erste Band seit fünfzehn Jahren, die wieder direkt von Sire gesigned wurde. Seymour Stein, der sozusagen Sire Records ist, hat uns in Amsterdam gesehen und sagte, uns live spielen zu sehen hat ihn dazu ermuntert, sein Label neu zu beleben.“

Dann war es wohl ein großer Unterschied, die Aufnahmen zu Pawn Shoppe Heart im Vergleich zu Lack of Communication?
Oh ja. Es ist traurig, aber für Lack of Communication hatten wir einen Tag zum Aufnehmen und einen Tag zum Mischen. Es gab keine Produktion – einfach direkt auf’s Band und das war’s dann. Für das neue Album hatten wir vier Wochen, was immer noch nicht viel Zeit ist, verglichen mit THE HIVES zum Beispiel. Die nehmen sich schon über ein Jahr Zeit. Aber unsere Songs waren im Prinzip schon fertig, ehe wir ins Studio gingen. Wir mussten nichts mehr schreiben.

Wer hat das Album produziert?
Jerry Harrison von den Talking Heads. Er war klasse.

Wie ging die NME-Tour in England?
Super. Hallen mit 5.000er Kapazität waren ausverkauft. Man konnte allerdings richtig zuschauen, wie die Leute kamen und gingen, weil so viele verschiedene Arten von Musik gespielt wurden. FRANZ FERDINAND eröffneten immer den Abend, dann kamen wir, dann THE RAPTURE, dann FUNERAL FOR A FRIEND und eigentlich hätte jede Band Headliner sein können. Aber es gab Leute, die THE RAPTURE oder uns nicht sehen wollten und so war es ein reges Kommen und Gehen.

Wie habt ihr Euch mit den anderen Bands verstanden?
Sehr gut. Wir sind jeden Abend ausgegangen. Wir verstehen uns eigentlich immer mit allen wenn wir auf Tour sind.

Erzähle doch bitte ein wenig zur Entstehung der Band.
Wir kommen alle aus kleinen Vororten von Detroit, bis auf Carrie, sie wurde in Kalifornien geboren. Aber wir kennen uns, seit dem wir sieben Jahre alt sind und sind zusammen aufgewachsen. Marcie und ich gründeten eine Band, als wir 19 waren. Nicht diese, obwohl sie dann zu dieser Band wurde.
Don kam als nächster zur Band und als letztes stieß Carrie hinzu, das war ca. drei Monate bevor wir Lack of Commucation aufnahmen. Sie wusste nicht ein mal, wie man Bass spielt. Als Marcie und ich anfingen, waren wir sechs Jahre alt und ganz schrecklich. Ich konnte nicht mal eine Gitarre stimmen. Anfangs haute ich einfach nur auf die Saiten und brüllte herum. Wir haben also einen langen Weg hinter uns.
Ich hasste Musik. Ich wollte auch nie in einer Band sein. Die Musik, die angesagt war, als ich ein Kind war, mochte ich nicht. Das einzige, was man sich anhören konnte, waren NIRVANA und MUDHONEY und so, aber sonst kann man sagen, Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger war alles Scheisse bis auf die Grunge-Sache, obwohl die dann auch cheesy wurde. Und dann kamen New Metal und Emo und das hat mir alles gar nicht gefallen.
Weil wir also nichts hatten, womit wir uns identifizieren konnten, gründeten wir unsere eigene Band um die Musik zu machen, die uns gefällt. Und die ist inspiriert von 60s-Soul. Nicht Blues. Viele sagen Blues, aber ich hasse den Blues. Ich habe nie John Lee Hooker oder ähnliches gehört. Und moderner Soul ist auch ganz schlecht – das ist nicht Soul, das ist ‚Corporate Rock‘.

Ist es Zufall oder Absicht, dass ihr zwei Mädchen in der Band habt?
Alle meine Freunde sind Mädchen. Ich weiß auch nicht, woran das liegt, aber es war schon immer so. Frauen hängen einfach schon immer gerne mit mir ab – manchmal war es auch körperlich. Aber nicht mit den beiden – diese beiden sind Freundinnen. Ich kann gut zuhören und bin kein Macho, das wird es vermutlich sein.

Was denkst du, ist der Unterschied zu einer All-Boys-Band?
Ich weiss es nicht. Ich war nie in einer All-Boys-Band. In meiner aller ersten Band waren alle Mädchen, außer ich und so ging das immer weiter. Es war nicht so ausgedacht, aber die Mädels waren einfach meine Freunde. Wir wussten alle nicht, wie man ein Instrument spielt, wollten aber in einer Band sein und machten immer weiter. Aber es war nie so: ‚Lasst uns Frauen in die Band holen, um Platten zu verkaufen.‘
Grundsätzlich gibt es größere Egos in Männerbands und solche Probleme haben wir nicht und das ist gut. In Detroit spielen eine Menge Frauen in Bands und an einem Instrument – die Gründungsmitglieder der DETROIT COBRAS sind Frauen, die DIRTBOMBS haben eine weibliche Bassistin, die WHITE STRIPES haben eine weibliche Schlagzeugerin, und es gibt zahlreiche All-Girls-Bands – also fast jede Band in Detroit hat ein weibliches Bandmitglied. Wir haben einfach so viele Frauen in Detroit. Das ist schön für die Männer dort!

Was war eure Strategie zu Beginn?
Touren, touren, touren! Und sich keine Gedanken darum machen, ob man gesigned wird oder nicht. Wir haben für 2.000 Euro ein Album aufgenommen und sind damit weltweit auf Tour gegangen. Das haben wir alles selbst bezahlt.

Wie habt Ihr das Geld zusammen bekommen?
Wir hatten alle Jobs. Don hat für ein Automagazin geschrieben, Marcie hat als Friseurin gearbeitet, ich habe bei in einer Bowlingbahn gearbeitet. Wir haben gespart und dann zwei Jahre lang live gespielt. Dann wurde uns ein Plattenvertrag angeboten.

Und jetzt könnt ihr davon leben?
Najaaaaaa, wir brauchen ja auch nicht viel. Ich habe kein Auto, ich habe nicht viel Geld, das Einzige, das ‚rausspringt ist die Miete.

Aber du bist kaum zu Hause.
Nein, aber meine Frau. Ich bin mit meiner High-School-Liebe verheiratet. Wir sind zusammen, seit dem wir 16 Jahre alt sind.

Wie sind die weiteren Tourpläne?
Wir spielen in Deutschland zwei kleine Shows, die hauptsächlich für die Presse sind. In den ersten beiden Mai-Wochen kommen wir dann wieder auf Europa-Tour. Da kommen wir auch sicher wieder hierher nach Berlin. Obwohl ich über Hamburg und Berlin sagen muss – die Leute bewegen sich nicht!!! Man sollte doch meinen, dass sie sich freuen, wenn eine Band live für sie spielt. Es ist total komisch – hinterher kommen immer alle an und sagen ‚Es war eine tolle Show, tut mir Leid, dass niemand getanzt hat.‘

Ich kam gerade an einer Attac-Demo vorbei. (wie sich hinterher herausstellte handelte es sich um Dreharbeiten zu ‚Bourne Identity II‘) Wie steht ihr zu Politik?
Meine Texte sind nicht politisch. Sie sind eher für’s Herz. Nicht unbedingt über Frauen, aber einfach über Dinge, die ich erlebt habe. Und ich habe irgendwie nichts politisches erlebt. Ich habe zwar in Europa gesehen, dass es große kulturelle Unterschiede gibt, die sich politisch auswirken, aber ich selbst bin nicht in einer politisch-interessierten Familie aufgewachsen. Meine Familie arbeitet sehr hart und ist relativ arm. Nur reiche Familien sprechen über Politik, weil sie sich darüber ärgern, dass sie in eine höhere Steuerklasse gerutscht sind und dann wütend auf die Regierung sind. Das gab es in meiner Familie nicht. Wir haben darüber gesprochen, wie es der Familie geht. Das war auch besser. Ich meine, die Regierung in den USA ist ziemlich… …. interessant…

Interessant??? Was hältst du denn von eurem Präsidenten?
Naja, ich habe nicht für ihn gewählt. Aber er wird wieder gewinnen. Es gibt einfach keinen geeigneten Gegenkandidaten mit genügend Personality. Es gibt nicht genügend Leute, um ihn aus dem Amt zu jagen und nicht genügend Leute, die wählen gehen. Weil sie denken, es macht keinen Unterschied, ob sie nun wählen gehen oder nicht. Ich habe die Einstellung auch – ob ich jetzt wählen gehe oder nicht, es macht keinen Unterschied. Ich meine, wenn alle meine Freunde für einen bestimmten Kandidaten stimmen und er kommt dann trotzdem nicht ins Amt, dann macht es doch keinen Unterschied.

Naja, aber….
Ich weiß, es ist die falsche Einstellung. Aber woher sollen wir zum Beispiel wissen, ob unsere Stimmen überhaupt gezählt werden?

Nun denn… ich wünsche Euch einen neuen Präsidenten und vor allem, dass sich die Leute heute Abend bewegen.
Danke schön, dass wünsche ich mir auch.

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