Interview mit JEANS TEAM


Das Berliner Duo im Interview über das anstehende neue Album, elektronische Volksmusik und wie es das Nacktflitzen für sich entdeckte.



Sechs Jahre, in Plattenfirmendenke eine Ewigkeit. Doch sechs Jahre ist es her, dass JEANS TEAM, die am Freitag (23.03.) anlässlich der großen Geburtstagsparty auf popmonitor.de). Seitdem ist die Band vom Quartett zum Ausgangs-Duo zurück geschrumpft und ihr genial durchgeknallter Supporter Patrick Wagner (Surrogat) musste mit seinem Indie-Label Lousville Records kapitulieren. Ein Abwärtstrend? Nicht wirklich. Mit den Künstlern der Party-Maschine Audiolith ist in der Zwischenzeit eine ganz neue Electropunk-Generation nachgewachsen, die es ohne JEANS TEAM so nicht gäbe.

Jeans Team „TOTES KINO“ Music Video from ALKOMERZ on Vimeo.

Und seit 2010 veröffentlichen Reimo Herfort und Franz Schütte – nach Touren in China, den USA und Rußland – über ihr eigenes Label Alkomerz zumindest wieder Single-Nachschub. „“, „Bomberjäckchen“ – drei Singles mit dem ganz eigen abstrakten Jeans-Team-Witz sind seitdem erschienen. Dazu drei unterschiedlich spektakuläre Videos. Da einzelne Songs auf Dauer aber nicht genügend Aufmerksamkeit generieren, wird es in Kürze ein neues Album geben. Wohin die Reise nach 17 Bandjahren geht und was sonst so ansteht, verrieten Reimo und Franz kurz bevor sie im Shade, dem neuen Etablissement von Berlins Club-Paten Conny Opper als Tracht & Prügel auflegten. Getrunken wurde Selters, Berliner Pilsner und Rotwein.

popmonitor.berlin: „GANZ ISOLIERT, IN EINEM KLEINEN FERIENHÄUSCHEN AUF DEM LAND“ – SO HABT IHR VERGANGENES JAHR DIE GEPLANTEN AUFNAHMEN ZUM NEUEN ALBUM ANGEKÜNDIGT. HABT IHR DAS DURCHGEZOGEN UND KAM WAS BEI RUM?

Franz: Oh ja. Wir wollten an einen Ort, an dem wir gut drauf kommen. Dann haben wir einfach unseren Studiokram eingepackt und sind von Berlin raus ins Brandenburgische gezogen. An einen See. Den ganzen Sommer lang.

Reimo: Alle jammerten, der Sommer sei so miserabel gewesen. Ich fand ihn großartig. Sonne, Schwimmen, Boot fahren. Und wenn es regnete, was ja oft der Fall war, dann sind wir rein und haben gearbeitet.

Franz: Ich bin generell dafür, das mit „Unter der Woche“ und „Wochenende“ aufzulösen. Man sollte rausgehen, wenn die Sonne scheint und arbeiten, wenn einem das Wetter nicht gefällt.

HATTET IHR AUF EUREM LANDSITZ BESUCHER? VIELLEICHT SOGAR LEUTE, DIE AUF DER PLATTE MITAUFTAUCHEN?

Franz: Es haben sich einige Leute angekündigt, die dann gar nicht gekommen sind. Aber wir wollten ja auch Ruhe. In Berlin finden wir die im Sommer nicht. Da sind immer Freunde von irgendwo auf der Welt in der Stadt und du wirst ständig irgendwohin eingeladen.

Reimo: Kollaborationen sind aber eh nicht unser Ding. Wir sind ja keine Mucker, sondern eher punkmäßig unterwegs. „Rumjamen“, das liegt uns sehr fern. Wir haben halt ’ne Idee und machen die dann. Dabei unterhalen wir uns sehr viel über die Musik, die wir machen.

BEIM LETZTEN ALBUM WAR DAS JEANS TEAM NOCH ZU VIERT. BEUDEUTET WENIGER BAND AUTOMATISCH MEHR MUSIKALISCHER MINIMALISMUS?

Reimo: In unserem Fall schon. Wir haben diesmal ganz viele Sachen von Anfang an weggeschnitten. Keine Gitarren. Kein Schlagzeug. Auch keine Beats, die sich anhören als wäre da ein Schlagzeug. Beim neuen Album war uns wichtig, dass die Leute das, was sie auf Platte hören, auch auf der Bühne bekommen. Und dass die neuen Stücke homogen klingen. Also nicht: Erst kommt das Rocklied und dann das Elektronik-Lied.

Franz: Bei der letzten Platte hatten wir ein riesen Glaubwürdigkeitsproblem. Uns ist der Gitarrist abgesprungen und dann hat das Publikum bei den neuen Live-Versionen von Gitarren-Songs wie „Das Zelt“ natürlich erstmal enttäuscht geguckt. Jetzt sind wir zu zweit und wollen auch gar nicht nach zwölf klingen.

ANLÄSSLICH EURER JÜNGSTEN SINGLE „BOMBERJÄCKCHEN“ HABT IHR EURE FANS GEBETEN, FOTOS VON SICH UND IHREN BOMBERJACKEN ZU SCHICKEN. HABEN SICH VIELE GEOUTET?

Reimo: (lacht) So ganz hat das nicht geklappt. Ich hätte mir mehr Einsendungen gewünscht, um ein richtig schönes Collage-Video zu basteln. Aber der Song ist ein Hit, auch wenn man ihn in der heutigen Zeit eher nicht im Radio spielt.

Franz: „Bomberjäckchen“ ist ein Überhit. Zumindest nach allem, was wir empfinden. Es hat sich aber herausgestellt, dass wir wieder mal grandios daneben liegen, was den generellen Geschmack betrifft. Vielleicht versteht man das Lied in zehn Jahren. Ich finde, es ist ein Befreiungsschlag. Eine Groteske. Ein Modelied über eine Jacke, die jahrzehntelang ein Spalter war.

UND WIESO SPIELT DAS NIEMAND?

Franz: Musik fürs Radio muss heute möglichst unpolitisch sein. Haltung zeigen ist nicht mehr gewünscht. Ich denke, in den Achtzigern zum Beispiel hat man noch viel mehr nach verrückten Phänomenen gesucht, die etwas Eigenes anbieten. Früher zählten Idee und Haltung. Heute zählt es mehr, ob einer gut ist im Gesang oder an der Gitarre. So etwas interessiert mich zum Beispiel überhaupt nicht.

Reimo: Instrumentalmusik wird auch kaum mehr gespielt im Radio. Acid-House und so weiter, in den Neunzigern war das noch völlig normal.

Franz: Leider wurde ganz viel wegrationalisiert. In der Radiolandschaft wurden ganze Bereiche tot gelegt. Gut, im Internet findest du alles. Aber das ist nicht so sexy. Wenn alles immer erreichbar ist, geht was verloren.

IM „BOMBERJÄCKCHEN“-VIDEO ZUR REMIX-VERSION VON TECHNO-LEGENDE MARC ARCADIPANE RENNT UND FAHRT IHR NACKT, EINGEHÜLLT NUR IN EURE BOMBERJACKEN, DURCH BERLIN. MUTIG!

Franz: Das hat meine Tochter auch gesagt. Aber das war eben so eine typisch entspannte Idee, die wir von unserem Sommer auf dem Land mitgebracht haben.

Reimo: Klar, in Brandenburg bist du ja eh die ganze Zeit nackt. (lacht)

Franz: Die Idee mit dem Nacktflitzen ist sehr einfach, passt aber gut zum Thema. Und ein großes Budget brauchten wir dafür auch nicht.

WENN MAN DIE DREI NEUESTEN SINGLES ZUSAMMEN NIMMT, HAT MAN WOHL SCHON EINE UNGEFÄHRE VORSTELLUNG, WIE EIN JEANS-TEAM-ALBUM 2012 KLINGEN KÖNNTE. ABER BESCHREIBT DOCH BITTE MAL SELBST, WAS UNS DA ERWARTET!

Reimo: Viel Text. Da wird man dran knabbern müssen. Die Lieder sind eingängig, aber nicht dumm.

Franz: Alles ist sehr auf dem Boden. Ich finde es aber auch total lustig.

Reimo: Es ist nicht cool.

Franz: Indie ist es auch nicht.

Reimo: Elektronische Volksmusik – aber richtig bitter.

Franz: Omas Kriegsgesundgetränk!

WIE BITTE?

Franz: Na, meine Großmutter hatte früher immer einen Spezialschnaps, sie nannte ihn „Schwedentrunk“. Das hat unmöglich geschmeckt, danach gings einem aber besser.

Reimo: Genau so ist unsere Platte. Die reinste Verjüngungskur.

Franz: Ich würde sagen: Es ist eine Partyplatte.

Reimo: Absolut. Wenn deine Freunde alle besoffen sind, dann holst du sie raus.

HABT IHR EUCH MUSIKALISCH INSPIRIEREN LASSEN FÜR DIE AUFNAHMEN ODER HABT IHR EINEN TANK AN VERRÜCKTHEITEN, AUS DEM ALLES HERAUSSPRUDELT?

Franz: Acid-Sachen haben wir viel gehört. Besonders einen Sampler von Warp, „Influences“ hieß der. Wirkliche Einflüsse waren aber auch Henry Badowski und Elli & Jacno, beides aus den Achtzigern.

Reimo: Hinzu kommt natürlich total viel Vogelgezwitscher.

EURE KOMPROMISSLOSIGKEIT ERINNERT AN DIE EURES EHEMALIGEN LABELCHEFS PATRICK WAGNER. DER HÄTTE MIA UND WIR SIND HELDEN AUF SEINEM LABEL HABEN KÖNNEN, LEHNTE ABER AB UND ERKLÄRTE SPÄTER: „WENN MICH ETWAS INHALTLICH NICHT INTERESSIERT, DANN IST ES MIR EGAL, OB DAS ZEHN MILLIONEN PLATTEN VERKAUFT.“

Reimo: Der Witz an Musik soll doch sein, dass man aus dem Nichts Energie bastelt. Wir wollen lost sein, ohne Understatement zu betreiben. Wir wollen ein kraftvolles Nichts erschaffen.

Franz: Auf die Frage, was Musik ist, hat Helge Schneider mal geantwortet: „Ich spiele einen Ton – schon ist er weg.“ So muss es sein.

JEANS TEAM im Rahmen der Party „5 Jahre Popmonitor“ am Freitag, 23.03. live im Rosi’s (w/ UhOh, Camera + Joe Hansn)

www.jeansteam.de
www.alkomerz.com

Fotos © Jeans Team
Autor: [EMAIL=bernd.skischally@popmonitor.de?Subject=Kontakt von der Website]Bernd Skischally[/EMAIL]

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