Interview mit MIA

„Die Musik die kommt, die kommt.“
Songs haben ein Eigenleben bei der Band MIA. Sie sind über die Musik Freunde geworden. Ein Interview mit Mieze, Bob und Gunnar.

BiB: Wie und wann habt ihr angefangen?
Mieze: Das war 1997. Da haben sich vier Leute getroffen, die dieselbe Absicht hatten, nämlich zusammen Musik zu machen, eine Band zu haben und zu spielen. Und das war auch erst mal das, was uns verbunden hat, diese Lust am Spielen, die Lust am Musik machen und diese Lust, Dinge auszuprobieren. Es gab einfach keine Grenzen, keine Beschränkungen – wir hatten stundenlange Sessions und waren und sind sehr, sehr frei in unserer Musik. Eigentlich haben wir uns auch darüber kennen gelernt. Es war also nicht so, dass wir seit zehn Jahren befreundet waren und dann gesagt haben ‚Kommt wir machen zusammen Musik‘, sondern wir sind über die Musik Freunde geworden. Das ist das was uns miteinander verbindet.
Wir hatten wechselnde Schlagzeuger, eine kleine Odyssee, jede Band wird das gut kennen, entweder fehlt der Bassist, der Gitarrist oder der Schlagzeuger. Aber ich hatte so ein bisschen das Gefühl, wir haben uns deshalb so viel Zeit gelassen, weil wir Gunnar gesucht haben. Gunnar ist vor zwei Jahren zu uns gekommen und ist deshalb immer noch so’n bisschen der Neue, aber auf eine positive Art und Weise. Er ist auch der Älteste und bringt so die Erde – er erdet uns ein bisschen.
Wir arbeiten seit 1998 mit unserem Label R.O.T. zusammen, da war von Anfang an eine sehr, sehr enge Zusammenarbeit da. Ich erzähle das deshalb im selben Rutsch mit der Bandgeschichte, weil ich finde, dass das drei Leute sind, die ganz immens dazu gehören. Die für mich auch dazugehören, wenn ich von ‚uns‘ rede, denn das sind Leute, die mit uns bis spät in die Nacht die Zeit aufbringen, über ein Video oder über ein Cover zu reden oder über Ideen die wir haben. Die haben die Vision, als Katalysator zwischen einer Band und einer Plattenfirma zu fungieren, so dass eine junge Band, auch wenn sie nicht viel Ahnung vom Plattenbusiness hat, eine Plattform kriegt, Musik zu machen und sich zu entwickeln. Ohne den Druck von außen, sondern nur unter dem Druck, den sie sich selber macht, nämlich gute Musik zu machen.

BiB: War von Anfang an klar, welche musikalische Richtung ihr einschlagt, oder habt ihr da noch herumexperimentiert?
Bob: Man hört nie auf zu experimentieren. Wir kommen so aus der Alternativ-Rock-Ecke, zu Beginn war alles sehr gitarrenlastig, aber im Zuge des ersten Albums hörten wir immer mehr Electropunk und das hat uns gezeigt, was alles möglich ist und dass es wichtig ist, keine Grenzen zu kennen und sich auch elektronischer Musik mehr anzunähern oder überhaupt zu merken, dass sich elektronische Musik der Rockmusik annähert.

BiB: Stand von Beginn an fest, dass ihr deutsch singen würdet?
Mieze: Naja, wir machen ja nicht ausschließlich deutsches, aber das ist halt die Sprache, in der ich denke, träume, fühle und in der ich mich unmittelbar verständlich machen kann. Das ist auch ne ganz interessante Geschichte, sich das zu erarbeiten. Ich habe so ein bisschen das Gefühl, Texte schreiben ist das Bändigen von Gedanken, also Gefühle, die du sowieso schon hast, zu beschreiben – das ist schon verrückt. Denn es sind nach wie vor nicht alle Gefühle in Wörter packbar und es ist immer noch eine große Herausforderung, sich so etwas zu trauen.

BiB: Gibt es Veränderungen auf dem neuen Album?
Mieze: Das Album klingt MIA-eske, wenn man das so sagen kann. Das haben wir auch nicht gewusst, bevor wir’s nicht gemacht haben, weil wir machen keine Programm-Musik, das heißt wir handeln da sehr aus dem Bauch raus – die Musik die kommt, die kommt. Und die will ja dann sozusagen kommen, die ist in diesem Moment dann auch wichtig.
Gunnar: Das muss anders klingen, damit es überhaupt eine Berechtigung hat. Keiner von uns hat die Intension, zwei mal das Gleiche zu machen. Es gibt ja auch Entwicklungen, gegenüber denen man sich überhaupt nicht versperren kann. Man erlebt ja meistens etwas, wird älter oder spielt hundert Konzerte im Jahr und ist beeinflussbar, weil man Mensch ist, weil man Augen und Ohren hat und das sollte im Prinzip alles auf diesem Album zu hören sein.
Bob: Immer noch sehr typisch für MIA ist auf dem Album, dass es sehr abwechslungsreich ist – es gibt viele elektronische Einflüsse, es gibt sehr ‚rödelige‘ Sachen, die einfach so dahin geschmettert sind, weil sie so dahin geschmettert werden wollten und das finde ich sehr spannend. Das ist auch der Anspruch der Band.
Mieze: Weil die Texte konkreter werden, habe ich das Gefühl, dass auch die Musik konkreter wird; dass ein anderes Zusammenspiel zwischen Text und Musik stattfindet; dass ein Thema, das uns kratzt, nicht gleich kratzig formuliert und auch nicht gleich kratzig umgesetzt werden muss. Es gibt ja auch unterschiedliche Arten, ein Gespräch zu beginnen, so kann man mit einer Frage beginnen, statt einer Behauptung. Zum Teil werden Thesen durch Fragen ersetzt.

BiB: Also im Gegensatz zum Vorgänger, auf dem eher wütende Thesen gebrüllt wurden?
Mieze: Ich glaube, auf Hieb und Stichfest haben wir uns die Grundlagen klar gemacht – so wollen wir’s und so wollen wir’s nicht. Da ist aber noch mehr – es gibt immer noch mehr. Stille Post geht mehr ins Detail, traut sich selber mehr zu, weil es sich auch Schwächen zutraut. Es gibt dort auch Momente wie bei ‚Hungriges Herz‘ zum Beispiel, wo ich ohne weiteres diejenige mit dem gebrochenen Herzen sein kann und trotzdem nach vorne gehe und Kraft habe. Das ist auch glaube ich das, was uns ausmacht: der Silberstreifen am Horizont, das Licht am Ende des Tunnels, wir gehen sehr nach vorne und sind sehr lebens- und zukunftsbejahend. Die Lust am Leben, die Lust an der Musik ist sehr tief in uns verwurzelt. Aber wir sind auch auf der anderen Seite Realisten und wissen, dass es auch schmerzhafte Momente gibt, die es sich auf jeden Fall lohnt, zu vertonen.

BiB: Wie entstehen die Songs überhaupt bei euch?
Mieze: Für mich läuft es gut, wenn die Jungs ein Stück Musik anbringen und ich ein Thema habe, worüber ich immer schon etwas machen wollte und dann merke ‚Das ist die Musik dazu!‘. Wir haben verschiedene Themen, verschiedene Musiken und dann spürt man, dieses Thema möchte auf diese Musik gesungen werden.
Gunnar: Ja, wir haben ein Themen-Becken und ein Musik-Becken und dann kann man da Brücken bauen.

BiB: Was hört ihr selbst so? Die letzten gekauften CDs?
Bob: Muse, Beta Band, Sportfreunde Stiller.
Mieze: Sophia.
Gunnar: Outkast.

BiB: Wie kam es dazu, am Grand Prix-Ausscheid teilzunehmen?
Mieze: Wir haben zunächst mit unserem Label R.O.T. darüber gesprochen, ob wir uns das überhaupt vorstellen können. Da gab es ganz unterschiedliche Gefühle von ‚Ohje, Schlager‘ bis ‚Find ich super, ich würde auch gerne im Musikantenstadl auftreten‘. Festgenagelt wurden wir dann, als wir auf Tour in Leipzig waren und es hieß ‚So – wollt ihr, oder wollt ihr nicht?‘ Und dann haben wir uns erst mal erzählen lassen, was sich alles geändert hat und daraufhin kam dann diese Einigkeit, weil der Grand Prix jetzt in einer Phase ist, in der er sich verändert und formbar ist und so noch gar nicht klar ist, in welche Richtung es geht. Das war für uns alle eine Chance, das Ganze in eine positive Richtung zu begleiten.

BiB: Wurde ‚Hungriges Herz‘ extra dafür geschrieben?
Mieze: Nee, das wurde schon eine ganze Weile vorher geschrieben und war sogar eines der Stücke für das neue Album, das sehr schnell fertig war. Es war einfach ein Lied, das uns von Anfang an sehr bewegt und sehr mitgerissen hat und da man für den Grand Prix genau drei Minuten hat, sich zu präsentieren, war es für uns wichtig, ein ganz starkes Lied zu nehmen und bei ‚Hungriges Herz‘ zerreißt es mich jedes Mal, wenn ich das singe.

BiB: Eure Musik wird ja unter ‚Electropunk‘ geführt, was bedeutet ‚Punk‘ für euch?
Mieze: Also, ich will erst mal sagen, was Punk nicht ist. Punk bedeutet nicht, asselig sein, schnorren, mit nem Schäferhund und Faxe vor Spar rumzuhängen, sondern Punk bedeutet für uns, gegen den Strich kämmen, mutig sein, nach vorne gehen, Dinge tun ohne die Angst ‚Ohje, was könnte denn jetzt alles passieren‘, sich eben Dinge trauen. Gunnar: Sich keinen Regeln unterordnen.

BiB: Ihr hattet ja auf der Studentendemo Probleme aufgrund des Textes von ‚Was es ist‘ und eurem Engagement für das Projekt http://www.angefangen.de. Wie steht ihr nach dem ganzen Ärger dazu?
Gunnar: Ich denke, dass alle Erfahrungen im Zusammenhang mit dem Projekt total wichtig für uns waren, weil das ja auch eine Initiative ist, die darauf angewiesen ist, dass man damit Erfahrungen macht und dass das Projekt von außen betrachtet wird. Es verändert sich und entsteht erst durch das, was von außen zusammenkommt und an Meinungen mit einfließt. Wir sind ja auch nur ein Teil dieser Sache, da sind ja noch mehr Leute dabei, die haben alle unterschiedliche Befindlichkeiten mitzumachen, genauso wie wir die unterschiedlichsten Befindlichkeiten haben mitzumachen. Das ist also kein gleichgeschaltetes Kollektiv von Leuten, die irgendwas machen wollen, sondern eine Gruppe von Menschen, die sich dazu entschlossen haben, ein Paar Fragen laut zu stellen, die unseren Alltag betreffen. Die Fragen, wo siehst du Probleme heutzutage in deinem gesellschaftlichen Leben, wie glaubst du, kann man diese Probleme lösen, wie würdest du diese Probleme lösen?
Das sind auf der einen Seite Fragen, auf der anderen Seite versuchen wir mit Werten wie Liebe, Respekt, Mut, Toleranz, Solidarität, Verantwortung einen kleinen Wertekosmos aufzubauen, wo wir glauben, dass da viele Sachen drin stecken, die vielleicht ein bisschen sinnentleert sind, weil sie fremd sind oder auch viel zu oft verwendet werden, gleichzeitig aber Sachen sind, von denen wir glauben, dass man sie brauchen wird. Und zwar noch in hundert Jahren und überall auf der Welt.
Dass wir in der Kommunikation dieses ganzen Komplexes einen Haufen gelernt haben, wissen wir selber, und es ist auch total gut, dass wir das gemacht haben. Wir können im Grunde nur für die Zukunft Sachen besser machen. Wir sind uns auch darüber im Klaren, dass man durch so etwas angreifbar ist.
Mieze: Das Ding heißt ja auch ‚Angefangen‘ und nicht ‚Fertig‘.

BiB: Und dann wurde ‚Angefangen‘ so auf das „deutsch sein“ reduziert. (Erste Frage im Fragebogen von angefangen.de. Anm. d. Red.)
Gunnar: Das ist ja auch sehr einfach.
Bob: Es ist halt schade, weil wir unbedingt auf ‚Bildung Rockt‘ spielen und Gesicht zeigen wollten. Es gab dann halt einige Deppen, die da ein Problem mit hatten, aber auch viele Studenten oder auch die Veranstalter, die unbedingt wollten, dass wir spielen, auch wenn ihnen klar war, dass es Probleme geben würde.
Gunnar: Es kristallisierte sich so eine Woche vorher heraus, dass man damit rechnen musste, dass es so läuft. Und das war auch cool von denen, dass die nicht gesagt haben, lassen wir’s lieber, sondern sie haben gesagt: Wir können zwar nicht für eure Sicherheit garantieren, aber wir fänden’s cool, wenn ihr kommt.
Mieze: Es wäre ein Leichtes gewesen, nicht zu spielen, aber da ich auch gegen Streichungen in den Bereichen Bildung, Soziales und Kultur bin, da das unsere Zukunft ist, ist es ganz wichtig, sich in dem Bereich zu engagieren.

http://www.miarockt.de
http://www.angefangen.de

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