Interview mit Minerva Diaz Perez (N.O.H.A.)


„Ich bin da wie ein Kind, ich will alles kennen und können. Und ich hoffe, das hört nie auf.“



Minerva, die charismatische neue Frontfrau von N.O.H.A. (Noise Of Human Art) empfängt mich nachts um eins, eineinhalb Stunden vor ihrem Auftritt beim Espantapitas-Festival (

Wie bereitest Du Dich auf Deine Auftritte vor?

Du meinst mental? Es ist so eine Sache vor dem Auftritt… man hat nie seine Ruhe, es ist total laut und ich habe immer sechs Männer um mich herum. Ich versuche mich zu beruhigen, in dem ich mein Make-Up mache. Dafür brauche ich ungefähr eineinhalb Stunden, und das ist dann wie Meditation für mich. Ich mag es, mir meine Augen und Lippen zu schminken, das bringt mich wieder ein bisschen runter. Aber eine oder zwei Minuten vor dem Auftritt werde ich dann doch wieder unruhig.

Wolltest Du schon immer Sängerin werden?

Mit dem Singen habe ich im Alter von vier Jahren angefangen. Ich komme aus einer Sängerfamilie, das war also total normal für mich, fast so wie das Atmen. Singen und Tanzen waren schon immer Teil meines Lebens. Mit zehn Jahren habe ich mich mit der Zahnbürste vor den Spiegel gestellt und Mariah Carey imitiert. Meine Mutter war manchmal ganz schön genervt davon. Ich wollte das also schon immer machen. Aber ich hab auch eine kaufmännische Ausbildung gemacht, mehr für meine Eltern als für mich, denn sie wollten mir das mit dem Singen zuerst noch ausreden. Ich wäre auch gerne Übersetzerin geworden, wer weiß, vielleicht werde ich das noch, wenn ich mich für die Bühne zu alt finde oder einfach denke, es reicht jetzt, denn der Job ist schon auf jeden Fall stressig.

Mit welcher Sprache bist Du aufgewachsen – und in welcher Sprache träumst Du?

Spanisch ist meine erste Sprache. Danach kam Deutsch, dann Englisch und Französisch in der Schule, und zuletzt Italienisch, Portugiesisch und Französisch. Ich bin sehr froh darüber, dass ich so viele Sprachen spreche, aber das hat wohl mit dem Musikerohr zu tun, denn so richtig gelernt habe ich die Sprachen nie, ich bin total undiszipliniert. Es ist mir einfach zugeflogen, und das ist wirklich gut.
Wenn ich mich länger in einem Land aufhalte, dann träume ich auch in dieser Sprache. Manchmal finde ich es dann auch schwierig, in meine eigene Sprache zurück zu wechseln. Ich bin aber total froh, dass ich mit vielen Menschen auf der ganzen Welt kommunizieren kann.

Wie war es eigentlich, in eine Band hineinzukommen, die es schon länger gibt, und die alte Sängerin zu ersetzen?

Ich sehe mich nicht als Ersatz, denn niemand ist völlig austauschbar. Natürlich war ich nervös, als ich das erste Mal mit N.O.H.A. aufgetreten bin, vor allem auch, weil die Lyrics vom alten Album noch nicht meine Lyrics waren, mittlerweile ist das ja schon so. Und ich hatte einen riesigen Respekt vor Sam (Sam Leigh Brown, Anm. d. Red.), sie ist wirklich eine großartige Sängerin. Aber eines Tages bin ich aufgewacht und habe mir gesagt: „Du bist nicht Sam, Du bist Minerva. Du redest, tanzt, handelst und singst anders, also mach es auf Deine Art und Weise.“. Und die Menschen beim ersten Auftritt in Düsseldorf haben mich mit offenen Armen empfangen, obwohl sie dort große Sam-Fans waren. Sie meinten, dass es total anders sei, was logisch ist, nicht nur, weil die meisten Songs jetzt nicht mehr auf englisch, sondern auf spanisch sind. Aber sie meinten auch, dass es absolut cool ist.

Du singst auf englisch und spanisch – was ist einfacher für Dich?

Das ist mir eigentlich ziemlich egal. Ich klinge unterschiedlich, aber das hat wohl was mit der Technik und Phonetik zu tun. In Spanisch kann ich komischerweise höher singen. Aber vielleicht sollte ich einfach mal Gesangsunterricht nehmen.

Deine Band ist sehr international – welchen Part spielst Du darin? Siehst Du Dich als das spanische Element von N.O.H.A.?

Innerhalb der Band regen wir deutsch und englisch, und manchmal rede ich mit Philip (Philip Noha Sebanek, Bandgründer und Songwriter, Anm. d. Red)) auf italienisch. Wir leben alle momentan in Deutschland, nicht in der gleichen Stadt, aber relativ nahe beieinander: in Köln, Essen und Düsseldorf.
Ich bringe in die Band das spanische, aber auch das europäische Element mit ein. Ich fühle mich als Mensch und Weltenbürger. Es ist nicht so leicht für mich, über so etwas zu reden. Meine Eltern sind wie ich Spanier, aber ich bin in Deutschland aufgewachsen. Es gab Zeiten, das habe ich mich als Außenseiterin gefühlt, und es sind auch einige seltsame Dinge in meinem Leben passiert. In Deutschland war ich „Ausländerin“, und wenn ich mit meinen Eltern die Verwandten in Spanien besucht habe, war ich immer das „deutsche Mädchen“.
Ich habe mich immer ein wenig heimatlos gefühlt. Aber als ich das erste mal nach Barcelona gekommen bin, habe ich mir gedacht, dass das vielleicht die Stadt sein könnte, in der ich zu Hause bin und in der ich am Ende sterben will. Und ich glaube, es hat nichts damit zu tun, dass es Spanien ist, denn Barcelona ist für mich nicht wirklich Spanien. Sie haben eine eigene Sprache, sie sind viel moderner und so kulturell. Ich habe meinen Fuß in diese Stadt gesetzt und dachte: „Wow, so fühlt man sich also, wenn man nach Hause kommt.“.

Was willst Du erreichen, wenn Du auf die Bühne gehst? Hast Du eine Message?

Vor allem will ich Party mit mir selbst machen. Das könnte jetzt ein bisschen arrogant rüberkommen, aber so meine ich das nicht. Ich versuche, mich selbst nicht allzu wichtig zu nehmen. Ich gehe einfach nur da raus und feiere. Und wenn ich mich so fühle, dann kann ich viele Leute mitreißen. Das entwickelt sich dann zu einem Selbstläufer: Ich gebe was zu mir, und die Leute geben mir etwas zurück. Das bedeutet mir sehr viel. Und wenn die Leute nach dem Auftritt zu mir kommen und mir sagen, dass sie es toll fanden, dann packe ich mir das ein und nehme es mit nach Hause. Ich gehe dann eine Woche lang wie auf Wolken. Aber eine Message? Nein, nur Musik. Aber Musik ist eben die Sprache, die jeder spricht, auch wenn er die Worte nicht versteht.



Wovor hast du am meisten Angst?

Oh, ich habe viele Ängste. Da muss ich erst einmal überlegen, welche davon am größten ist. Vielleicht die Angst, nicht die Person zu finden, die ich den Mann meines Lebens nennen kann. Mit dem ich alt werden und eine Familie haben kann. Ich habe Angst davor, alt und alleine im Altersheim zu versauern, ohne, dass es jemanden gibt, der mir zuhört oder mit mir lacht.

Also lebst Du nicht nur im Hier und Jetzt, Du machst Dir schon große Gedanken über die Zukunft?

Ich lebe schon im Hier und Jetzt, zumindest versuche ich es, aber ich denke natürlich auch weiter. Und so langsam bin ich in dem Alter, in dem man als Frau über solche Sachen nachdenkt. Darf ich Dich fragen, was Deine größte Angst ist?

Es geht ungefähr in die gleiche Richtung, aber es hat mehr damit zu tun, nicht meine Bestimmung zu finden. Die hast Du mit der Musik ja schon gefunden, Du kannst Dich also sehr glücklich schätzen.

Das weiß ich, und darüber bin ich auch sehr glücklich.

Schluss mit den ernsten Themen: Was war die erste Platte, die Du gekauft hast?

Lass mich überlegen… Also die erste Vinylplatte war tatsächlich mein eigenes Album. Aber das ist schon lange her. Früher hatte ich Kassetten. Das erste, was ich wirklich sehr, sehr mochte, war Sade. Und ich liebe sie immer noch sehr. Meine absolute Nummer eins ist und war aber Terence Trent D’Arby. Er ist mein Gott. Meine gesanglichen Vorbilder waren nach Sade zuerst Alison Moyet und dann diese ganzen großen Sängerinnen wie Mariah Carey, Whitney Houston und Céline Dion. Aber ich werde ständig neu beeinflusst. Als Beyoncé oder Craig David zum ersten Mal auf der Bildfläche erschienen sind, dachte ich nur „Wahnsinn, wie können die nur so gut singen? Ich muss mehr üben!“ Ich bin da wie ein Kind, ich will alles kennen und können. Und ich hoffe, das hört nie auf.

Was wünschst Du Dir für Deine Zukunft?

Den Weltfrieden natürlich. (lacht). Sorry, ich habe gerade diesen Film mit Sandra Bullock gesehen, „Miss Undercover“. Nein, im Ernst, es hängt mit Deiner Frage über meine Ängste zusammen. Ich würde mir wünschen, jemanden zu finden, auf den ich mich verlassen kann und den ich glücklich mache, einfach nur weil es mich gibt. Und ich würde mir noch wünschen, dass ich nicht ernsthaft krank werde und dass die Menschen, die ich liebe, ihre Bestimmung im Leben finden. Und nicht nur die, sondern auch die Menschen, die ich nicht kenne. Ich wünsche mir, dass alle etwas runterkommen und sich einfach entspannen. Das klingt nach „Love and Peace“, aber irgendwie ist es ja auch so.

Minerva, vielen Dank für das Gespräch.

www.n-o-h-a.de
www.myspace.com/planetnoha

Fotos: © N.O.H.A.
Autor: [EMAIL=sandra.wickert@popmonitor.de?Subject=Kontakt von der Website]Sandra Wickert[/EMAIL]

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