Interview mit THE DISTILLERS am 17.02.2004 im SO36

Die DISTILLERS touren derzeit mit ihrem neuen Album Corel Fang durch Europa und sind dabei sehr erfolgreich. Am Nachmittag des Berlin-Gigs standen Gitarrist Tony Brandley und Bassist Ryan Sinn für Interviews zur Verfügung.

Corel Fang ist anders als die Vorgänger, abwechslungsreicher. Das hat sicher mehrere Gründe. Einer davon ist, dass die DISTILLERS zum ersten Mal überhaupt mit einem Produzenten (Gil Norton, u. a. FOO FIGHTERS) zusammen gearbeitet haben. Für die Band war das erst mal beängstigend – sie befürchtete, in den Hintergrund gedrängt zu werden. Die Bedenken stellten sich jedoch schnell als unbegründet heraus. „Es war gut für Brody, jemanden außerhalb der Band zu haben, mit dem sie über neue Ideen sprechen konnte.“ sagt Tony. „Außerdem hat Gil ja nicht ins Songwriting eingegriffen, sondern lediglich das getan, was ein guter Produzent tun sollte: das Beste aus der Band herausholen und dafür sorgen, dass alle zusammenarbeiten.“

Viele Fans machen den Wechsel der Band zu einem Majorlabel für die, sagen wir mal, ‚Stilerweiterung‘, verantwortlich. Dabei ist das Quatsch. Tony erzählt, dass viele Songs bereits existierten, als sie mit dem Vorgänger Sing Sing Death House auf Tour gingen. „Aber wir hatten nicht genügend Zeit, sie zu perfektionieren und so landeten sie jetzt erst auf Corel Fang.“

Zeit hat ihnen ihr neues Label Sire/Warner jede Menge gegeben. Und Geld. Tony: „Wir haben zwei Monate geprobt und hatten dann fünf Wochen Zeit, um aufzunehmen. Ganz schön lange!“ „Aber,“ wendet Ryan ein, „Eigentlich haben wir dann doch wieder alles in zwei Wochen aufgenommen, weil wir am Anfang dachten ‚Wow, fünf Wochen!‘ und haben rumgetrödelt und dann plötzlich waren nur noch zwei Wochen übrig.“

Die Band weiß die Vorzüge eines Majorlabels durchaus zu schätzen: „Es war wirklich gut. Sie haben uns ein größeres Budget gegeben, so dass wir mehr Zeit hatten und ein Studio mieten konnten, das mitten im Wald und völlig abgeschieden lag. Wir konnten uns also rein auf’s Musikmachen konzentrieren.“ erzählt Ryan.

Gerade im Punk wird so etwas aber eigentlich nicht gerne gesehen. Ryan: „Ach, Punk ist doch ohnehin zu einer Art Dresscode verkommen. Es ist schon komisch, dass etwas, das als relativ freisinnige Bewegung gestartet ist, mittlerweile zur engstirnigsten Musikszene von allen geworden ist.“ Auf die Frage, was Punk überhaupt für ihn bedeute, antwortet er: „Punk ist, das zu tun, worauf du selbst Lust hast. Ohne Rücksicht darauf, was andere denken.“

Nach dem Konzert habe ich ein vermeintliches Punkerpärchen in ein Taxi (vielleicht ein Tax-oi?) steigen sehen. Naja – wenn sie Lust dazu haben…

Der Live-Show tun die neuen Songs auf jeden Fall gut. Im ausverkauften SO36, in dem die Band bereits drei Mal aufgetreten ist, tummeln sich Alt-, Neu- und Gar-Nicht-Punker (eine süße kleine Blondine kauft für 80 Euro T-Shirts). Die Band reißt einen Song nach dem anderen runter und da sorgt der neue Sound für eine angenehme Abwechslung vom klassischen 1-2-3-4-und-los-geht’s-Punkschema.

Naja, neu ist der Sound natürlich auch nicht. Obwohl ständig mit der Cobain-Witwe verglichen, klingen Songs wie ‚Drain the Blood‘ eher nach NIRVANA und der Ära 1989-1991, als nach HOLE. Und das Soloalbum von Frau Love klingt ohnehin wieder ganz anders, aber das ist ein anderes Thema.

Sängerin Brody Dalle ist zum Zeitpunkt des Interviews noch nicht aus Amsterdam eingeflogen und so kann ich meine Gender- und Role Model-Fragen leider nicht loswerden. Tony und Ryan finden es auf jeden Fall cool, eine SängerIN zu haben, aber sie denken nicht ständig darüber nach und schon gar nicht gehen sie mit dem Thema hausieren. Ryan: „Man sollte sich nicht auf Kategorien wie ‚Mann‘ oder ‚Frau‘ einlassen, sondern mehr auf die Musik.“

Die steht auch bei der Show absolut im Vordergrund. Ein kurzes „This is a love song“ vor ‚Beat your heart out‘ hier, ein knappes „Fucking thank you, Berlin“ dort, und dann hat sich’s auch schon mit der Interaktion mit dem Publikum.

Zur Enttäuschung vieler wird die Band in Deutschland nicht wie in England von den EAGLES OF DEATH METAL supported. Die Konstellation war wohl nicht zufällig gewählt, Brody Dalle ist bekanntlich mit Josh Homme zusammen, dem Kopf der EAGLES. Der hat wiederum Probleme mit seiner Hauptband QUEENS OF THE STONE AGE, das heisst, eigentlich nicht mehr, denn sie haben sich aufgelöst. Aber das ist auch ein anderes Thema.

Ryan erzählt, dass die Tour bisher super erfolgreich ist. „Wir haben in England und Schottland die größten Venues bespielt, die wir bisher hatten – so richtig mit Videowand und -Show. Die Brixton Academy ausverkauft und so. In Japan haben wir demnächst gar einen Stadion-Gig mit IGGY POP und den STOOGES sowie PRIMAL SCREAM. Das wird sicher strange, in einem Stadion zu spielen.“

Auf die Frage, was denn gerade so musikalisch in Kalifornien geht, kann Tony nur THE BRONX empfehlen. Sie kommen ohnehin kaum noch zum Weggehen und Ryan ärgert sich, dass er den Comeback-Gig von URGE OVERKILL verpasst hat. Er sagt: „Es ist ein Missverständnis, dass wir nach dem Motto leben ‚Punk ist unser Leben‘ und es ist das Einzige, was wir hören, nur weil die ersten beiden Alben so klingen. Wir hören alles mögliche und auf Corel Fang kann man das zum ersten Mal auch an unserer Musik hören.“ Tony: „Eben, ich achte nicht auf bestimmte Szenen. Wenn mir eine Band gefällt, dann höre ich sie mir an.“

Na denn. Das ist jetzt Punk.

http://www.thedistillers.com

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