KUMMERBUBEN – Schattehang


Wer hat’s erfunden? Traditionelles Schweizer Liedgut frisch poliert.



Die KUMMERBUBEN, das sind sechs Musiker aus Bern, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, Schweizer Volkslieder zu entstauben. Mit ihrem Debüt Liebi und anderi Verbräche haben sie damit im Jahr 2007 wie eine Bombe bei den Eidgenossen eingeschlagen. Die Idee, allgemein bekanntes Liedgut in ein rockiges Gewand zu kleiden, kam bei unseren Nachbarn – sowohl bei Kritikern als auch beim Publikum – extrem gut an. Von einer „Kult-CD“ war schnell die Rede, Auftritte auf den größten und renommiertesten Festivals folgten und somit ließ der Nachfolger Schattehang nicht lange auf sich warten.

Mit diesem soll nun auch das deutsche Publikum erreicht werden. Um es vorweg zu nehmen: das dürfte kein leichtes Unterfangen werden. Doch zunächst zur Werkanalyse. Das Album besteht, wie sein Vorgänger, aus freien Interpretationen klassischer Schweizer Volkslieder. Die Versionen sind mal rockiger oder poppiger Natur, mal geht es in Richtung Folk und Balkanmusik. Das funktioniert ziemlich gut bei Stück Nr. 1, ‚Andermatt‘, wo das Banjo eine harmonische Liaison mit den Blasinstrumenten eingeht, Dixieland meets Dog Eat Dog sozusagen. Das dritte Lied, ‚Has‘, in dem es wohl irgendwie um – achtung, Überraschung: Hasen! – geht, setzt dem noch einen drauf. Mit Martio Batkovic am Akkordeon, Daniel Durrer am Saxophon und dezent eingesetzten Jodlern ist es der Knaller des Albums. Bei ruhigeren, melancholischeren Nummern wie ‚Alperose‘ oder ‚Anneli‘ kommt das Element heraus, das man, je nach Geschmack, als problematisch oder bereichernd, auf jeden Fall aber als charakteristisch für den Sound der KUMMERBUBEN bezeichnen dürfte: die rauchige Stimme von Sänger Simon Jäggi. Als ehemaliger Rapper klingt er heuer wie der Schweizer Cousin von Tom Waits, und eigentlich erwartet man ständig einen herzhaften Raucherhuster. Was man als rumpeligen Charme empfinden könnte, bedeutet für mich leider genau das störende Element. Diese Reibeisenstimme nimmt den eigentlich originellen Interpretationen die Frische und setzt ihnen stattdessen eine eckkneipenmäßige Behäbigkeit entgegen. Aber wie gesagt: Über Geschmack lässt sich streiten.

Was für eine Akzeptanz durch das deutsche Publikum eher schwierig werden dürfte, ist etwas anderes. Zum einen versteht hierzulande wohl kaum einer die Berner Sprache, das muss aber nicht unbedingt ein Hindernis sein – es sollen hier nicht Äpfel mit Birnen verglichen werden, aber wenn Lieder wie ‚Dragostea din tei‘ wochenlang an der Chartspitze festkleben, darf dieses Argument eigentlich nicht zählen. Was aber gerade der Anreiz ist, der in der Schweiz so wahnsinnig zieht, fehlt hier gänzlich: man kennt einfach die Original-Liedvorlagen nicht. Das mag bei einzelnen Lieder nicht so schwer ins Gewicht fallen – ein guter Song ist ein guter Song, man denke an Hubert von Goiserns ‚Hiatamadl‘. Über ein ganzes Album lang kann dieses Konzept aber, ohne Identifizierung, Wiedererkennungswert und Aha-Effekt, einfach nicht funktionieren. Bligg, der Schweizer Landsmann der KUMMERBUBEN, bedient sich im Übrigen eines ähnlichen Konzepts, mischt Volksmusik und Hip Hop und zieht das Ganze in etwas kommerziellerer Manier auf. In seinem Heimatland ein Superstar, schleicht er sich hierzulande eher unauffällig in die deutschen Gehörgänge, als Hintergrundmusik für einen TV-Spot für Schweizer Käse. Wahrscheinlich stellen sich bei diesem Gedanken bei den Berner Vollblutmusikern die Nackenhaare auf. Die Gunst des deutschen Publikums soll sicherlich nicht um jeden Preis gewonnen werden.

Was bleibt, ist die Frage, warum die Jungs sich nicht „Kummerbuebe“ genannt haben, was doch irgendwie schweizerischer klingt. Und warum ein bekannter Online-Musikhandel das Album unter dem eingedeutschten Titel Schattenhang (man beachte das „n“) anbietet. Das kann ein Tippfehler sein, oder eben doch eine Anbiederung an die potenzielle deutsche Käuferschaft. Dies wäre allerdings ein fauler Kompromiss, der dem Konzept der KUMMERBUBEN letztendlich widersprechen würde. Schade wär’s.

KUMMERBUBEN
Schattehang
(Chop Records)
30.04.2010

http://www.kummerbuben.com
http://www.mypsace.com/kummerbuben

Autor: [EMAIL=sandra.wickert@popmonitor.de?Subject=Kontakt von der Website]Sandra Wickert[/EMAIL]

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