Kuscheln verboten

Sexismus trifft jeden – Frauen, Männer und sogar Jungs im Film- und Musikbusiness. Der Teeny-Rummel um die beiden Youngstars Jack Dylan Gracer und Finn Wolfhard aus der neuen Es-Verfilmung (2017) ist Teil davon. Sie geben ein prominentes Beispiel dafür, was meist fehlt in der Geschlechterdebatte.

Wie die Psychologin Niobe Way in ihrem Werk Deep Secrets (2011) schreibt, wollte sie ursprünglich nur herausfinden, warum sich Jungs in der Oberstufe vom süßen Grundschulkind zum „harten“ Egoisten wandeln. Sie befragte Teenage-Jungs nach ihren Freunden und hörte immer wieder die selbe Geschichte: Freunde und Familie hätten ihnen den besten Freund ausgeredet. Es sei Zeit, allein klar zu kommen und sich auf Mädchen zu konzentrieren („No homo!“). Dieser unbewusste Heterosexismus, dem offenbar Millionen heranwachsende Männer ausgeliefert sind, würde in diesen einen Maskulinsexismus hervorrufen: Wer mag schon etwas, das einem aufgezwungen wird?

Dass die Popmusik kaum Belege für diesen Verlust des besten Freundes aufweist, spricht eher für dessen Verdrängung als dafür, dass er nicht erlebt wurde. So gibt es dagegen unzählige Songs über den Tod eines Freundes und erst recht über eine verlorene (Hetero-)Beziehung. Scheinbar kann nur ein Freigeist wie ADAM GREEN ihn wehmütig besingen („Secret Tongues“). Dennoch gibt es ein paar Verlust-Songs, die nicht großmäulig über einen Tod sprechen: z.B. „Song For Josh“ (FRANK TURNER), „Light Years“ (PEARL JAM), „Wave Goodbye“ (CHRIS CORNELL) oder „Black Balloon“ (THE GOO GOO DOLLS).

Und nun zu den beiden Teeny-Idolen Gracer und Wolfhard. Diese wurden als Hypochonder Eddie und Brillenträger Richie aufgrund ihrer offensiven Art schon während des Es-Drehs zu den heimlichen Stars des Coming-Of-Age-Films. Sie sammelten schnell eine gigantische weibliche Anhängerschaft um sich, was bekanntlich zu Hass und Neid von anderen Teenagern führt (TOKIO HOTEL!). Dass sie am Set zu Freunden wurden und es wagten, vor laufender Privat- und Interviewkamera herumzuschäkern, rief den typischen Homo-Verwurf hervor („FACK“). Ihre Freundschaft wurde mit „Fan“-Videos zu Songs wie „Moments In Love“ (CHARLI XCX) oder „Bromance“ (CHESTER SEE & RYAN HIGA) verhöhnt. Da die beiden Jungs auch in anderen Film- und Internetproduktionen – Finn sogar in einer Indieband namens CALPURNIA – beteiligt sind, zwang sie, sich mehrmals von den Gerüchten distanzieren zu müssen.

Ähnlich erträumten sich Fans bereits zu Harry Potter-Zeiten (2001-2011) eine Beziehung zwischen den damaligen Youngstars Emma Watson und Daniel Radcliffe. Einen Homo-Vorwurf durfte Radcliffe allerdings als Erwachsener später mit seinem Kollegen von Kill Your Darlings (2013), Dane DeHaan, erleben.

Dass sich Es-Fans homophob verhalten, hängt zudem mit dem Roman selbst zusammen. Während sein Vorbild H.P. Lovecraft unbewusst seinen eigenen Rassismus in seinen Horrorwerken verarbeitete, war es bei Stephen King bewusst der öffentliche Sexismus. So war ein reales Hassverbrechen gegen einen Schwulen Anlass für Es und wird auch darin thematisiert. Und auch das unterdrückte Geheimnis der Figur Richie, über das sich das Monster Es lustig macht, ist seine Homosexualität bzw. seine Liebe zu Eddie.

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