LAIBACH am 11.12.2006 in der Kulturbrauerei


„Let stars crack … Let the earth quake… let freedom rise!“
Beeindruckende Töne, passendes Ambiente, Gänsehaut pur.



LAIBACH sind mehr als einfach nur Musik!
Seit ihrer Gründung 1980 haben LAIBACH des Öfteren für Aufsehen und Furore gesorgt und gehören inzwischen zu der Gruppe der Bands, denen es gelingt mehrere Generationen in einer „Hörgemeinschaft“ zu vereinen. LAIBACH sind somit in gewissem Sinne eine Instanz, um die sich inzwischen reichlich Mythen und Geschichten, aber auch eigene Traditionen ranken. So zum Beispiel die Tradition, sich Konzertbesuche durch Stempel in den Reisepass quittieren zu lassen.

Bereits nach den ersten 10 Minuten in der Kulturbrauerei wurde diese Einzigartigkeit nahezu jedem Anwesenden bewusst. Ein Querschnitt verschiedener Altersgruppen von Ende 1x bis 5x versammelte sich allmählich vor der Bühne des Kesselhauses und tauschte im internationalen Plausch Erwartungen und Erlebnisse aus.



Dabei war der Anlass dementsprechend:
Mit Volk präsentierten LAIBACH Ende Oktober diesen Jahres einen Silberling, der an den inhaltlichen Tiefgang älterer Veröffentlichungen problemlos anknüpfen kann und dabei erneut dem LAIBACH-Prinzip entspricht: Provokativ-Kritisch-Selbstbewusst.
Im Mittelpunkt der künstlerischen Auseinandersetzung stand dieses Mal die Auseinandersetzung mit Nationalitäten und Nationalismus anhand von Interpretationen verschiedener Nationalhymnen. Im post-industriellem Ambiente des Kesselhauses versuchten LAIBACH nun das Ganze live zu präsentieren.

Doch die Künstlerformation um Sänger MILAN FRAS ließ eine ganze Weile auf sich warten. Eine Angewohnheit, an die man bei LAIBACH-Konzerten eigentlich schon seit Längerem gewöhnt ist. Statt pünktlichem Konzertbeginn gibt es lange Intros. In diesem Fall ca. 45 Minuten Marschmusik, die stark an die Tage des Ostblock-Militärdrills erinnerte.
Danach eine weitere, jedoch nicht unerwartete Überraschung. So betrat neben MILAN FRAS auch SILENCE-Mitglied PRIMOŽ HLADNIK die Bühne, welcher zusammen mit seinem Bandkollegen BORIS BENKO bereits tatkräftig bei der Produktion des Songmaterials von Volk beteiligt war. Während des ersten Teils des Konzertes, der Präsentation der neuen Werke, übernahm MINA ŠPILER, die Sängerin der slowenischen Formation MELODROM, die auf dem Album von BORIS eingesungenen Parts.



Die Playlist orientierte sich im Wesentlichen an der Tracklist des Albums. Lediglich der Titel ‚Vaticanae‘ wurde dabei ausgelassen. Viel interessanter als die Playlist war jedoch die Symbiose aus Sound und Bildstrukturen. So präsentierten LAIBACH zu jedem Ihrer neuen Titel ausgefallene Videos auf Großleinwänden, welche das Selbstverständnis als Kunstprojekt widerspiegeln und die Bildung von Atmosphären und Stimmungsbildern förderte.

Zum Opener ‚Germania‘ flimmerten Bilder aus den westdeutschen Wiederaufbaujahren über die Leinwände. Dabei wurde nicht an Klischees und Meinungen gespart, die bei dem Einen oder Anderen zu Verwunderung führten. So wirkte MILAN FRAS etwas verwundert über die Resonanz des Publikums. Das produzierte Bild der idealisierten Ruhrpott-Industriearbeitergroßfamilie (5 Kinder betend im Bett während Papa Zeitung liest und Mutter alle betudelt) entspricht ja auch nicht wirklich dem gängigen Selbstverständnis eines Berliners, der sich auf einen Montagabend ins Kesselhaus begeben würde.



Zu jedem Song verstanden es LAIBACH, kritische oder aber auch erwartungsvolle Stimmungen zu projizieren. So wurde beispielsweise der amerikanische Öldurst angeprangert oder die englische Königin als fast verwesende Oma präsentiert. Für unseren westlichen Nachbarn Frankreich flimmerten Guillotinen über die Leinwände und den Italienern wurde der in Nationalfarben gehaltene Abspann des Films „La Dolce Vita“ gewidmet.

Zu meinen persönlichen Favoriten zählten insbesondere die Präsentationen der Titel ‚Yisra’el‘ und ‚Slovania‘.
Zu dem Titel ‚Yisra’el‘, einem Arrangement aus palästinensischer und israelischer Nationalhymne, kämpften sich symbolisch zwei Gipsengel über die Leinwand. Dabei präsentierte sich die musikalische Struktur wesentlich kraftvoller und aggressiver als auf dem Album. Im Gesamtbild entstand eine düstere gewaltgeladene Atmosphäre, die sich in dem Erwartungshorizont „Konfliktende“ auflöste.



Der Titel ‚Slovania‘ basiert auf der Hymne der Pan-slawischen Staaten. Passend zu dieser Intention bestand die Videoprojektion im Wesentlichen aus einer Landkarte der slawischen Staaten. Sie vereinte dabei die in Teilen zerstrittenen Nationen zu einem Ganzen und erzeugte ein Gefühl der Erwartung eines neuen Zusammenwachsens. Gerade bei diesem Song wurden die charismatischen Backgroundvocals von MINA ŠPILER zum tragenden Element der Gesamtatmosphäre. Die Begeisterung des Publikums war kaum zu überhören, also Gänsehaut pur.

Mit der offiziellen NSK-Hymne (vom Tonband eingespielt) beendeten LAIBACH den ersten Teil des Konzertes. Nach einer kurzen Umbaupause betrat die bereits von der WAT-Tour bekannte Besetzung (MILAN FRAS, IVAN NOVAK, DEJAN KNEZ, ERVIN MARKOSEK sowie die Trommlerinnen EVA BREZNIKAR und NATASA REGOVEC) die Bühne.

Wie zu erhoffen, wurde das Programm nun wesentlich tanzbarer und weniger inhaltlich anspruchsvoll. So präsentierten LAIBACH in gewissem Sinne ein sehr gekürztes Best-Of, das im wesentlichen aus jüngeren Veröffentlichungen von der WAT bestand. Zu meiner persönlichen Freude befand sich jedoch auch der Titel ‚Alle Gegen Alle‘ auf dem Spielplan. Zu meinem Erstaunen reagierten doch einige sehr überrascht auf dieses DAF-Cover.



Als musikalischen Live-Abschluss wählten LAIBACH den Titel ‚Das Spiel Ist Aus‘. Ein unpassenderes Ende eines LAIBACH-Konzertes hätte ich mir nicht vorstellen können. Zu berechenbar erschien das nahe Ende eines mehr als gelungenen Abends. Am Ende feierten die Anwesenden zu einem eingespielten Medley und einem über die Leinwände laufenden Abspann, bis auch der letzte Lautsprecher verstummte.

Im Gesamtbild ein überwältigender aber erwartet ungewöhnlicher musikalischer Abend. LAIBACH live… Gerne wieder!!!

Weitere visuelle Eindrücke findet ihr in einer [B]Facebooktwittergoogle_pluspinterestlinkedintumblrmailFacebooktwittergoogle_pluspinterestlinkedintumblrmail