MANDO DIAO – Never Seen The Light Of Day


Notwendiges Übel oder seltsame Popperle?



Man hat MANDO DIAO schon einiges vorgeworfen, unter anderem, dass sie getrimmte Karrieristen sind. Das kann ihnen negativ, wie positiv ausgelegt werden. Kritiker würden zum Beispiel ihre Vermarktungsmaschinerie in die Runde werfen. Wer schon mal einen Blick auf die Bandhomepage geworfen hat, wird verstehen. Dort kann man Bürger ihres Phantasielandes „Ochrasy“ werden und als ordentliches Mitglied einer Gesellschaft Aufgaben übernehmen, um zu deren Gedeihen beizutragen. Indem man Flyer ausdruckt und die Stadt damit tapeziert, den Freundeskreis zum Voten für diverse Preise, Playlists, Polls missioniert oder Merchandise designt, kann man Credits erlangen, die einem einen höheren Status in der Community verschaffen. Eine kleine (kostenlose!) Promoarmee also – fehlen nur noch MANDO DIAO-Kaffeefahrten! Oder man unterstellt ihnen einen wohl ausgeklügelten, rein von eigenen Ansprüchen an ihre Band geleiteten Plattenstundenplan. Wenn also Bring ’Em In, Hurricane Bar und Ode To Ochrasy ihre A Hard Day’s Night, Help! und Rubber Soul gewesen sein sollen, dann müsste ihr eben erschienenes Album Never Seen The Light Of Day folgerichtig das Revolver ihrer Laufbahn werden.
Ich gehöre zu den Menschen, die MANDO DIAO Einiges, sogar Großes zutrauen. Und hatte dementsprechende Erwartungen an den Nachfolger von Ochrasy geknüpft. Country war im Bereich des Möglichen, eventuell Folk oder Psychedelischer Pop. Eine Platte, die ich gerne den Zweiflern um die Ohren gehauen hätte: Da hörst du! Scheiß auf den mittlerweile ereichten Mainstream, scheiß auf die Girlies in den ersten Reihen mit ihren Handycameras! Gib zu, dass das Extraklasse ist, was du da geboten bekommst!

Und nun sowas! Nach gerade mal einem Jahr schon die neue Platte! So schnell kann doch ein ordentlicher Stilwechsel, v.a. mit diesem Konzertpensum, gar nicht vollzogen werden. Und ein Wechsel des Stils ist für MANDO DIAO essentiell, um nicht in der Versenkung mit all den anderen Indiebands zu verschwinden. Zum neuen Album gibt’s keine Promo, keine große Ankündigung, keine Besuche im Studio, keine Tour – das verwirrt erst mal und imponiert sogleich. Das Cover erinnert an die der SMITHS-Alben – ein unbekanntes Mädchen liegt nachdenklich auf seinem Bett, das Photo ist in grün getaucht und die schnörkelige Schrift ist am Rande gehalten. New Romantics Shit; wäre auch nicht schlecht… Isses aber nicht, klingt eher nach Spaghettiwestern-Soundtrack aus den 60ern.

Was zuerst auffällt, sind zum einen die Streicher, die fast jeden Song begleiten. Bis auf eine Slideguitar sind auf Never Seen The Light Of Day nur akustische Gitarren zu finden, und zwar immer nur zwei. Zum Vergleich: auf dem Vorgänger wurden bis zu 16 Gitarrenspuren übereinander gelegt. Zum andern die Texte und die Gesangsaufnahmen, die man beide durchaus als schlampig beurteilen könnte. Außerdem bekommt man zum ersten Mal (abgesehen von vergangen B-Seiten) Frauenstimmen zu hören. Gepackt ist das alles in ein zeitloses Gewand und hinterlässt einen Eindruck von Tiefe. Grund dafür sind die kuriosen Umstände, unter denen MANDO DIAOs viertes Werk entstanden ist. Letzten Winter war schon klar, dass man nicht mehr mit EMI zusammenarbeiten wolle, war aber noch vertraglich für ein Album gebunden. Also schrieb und nahm man innerhalb von zwei Wochen auf und überlies die ganze kreative Verarbeitung Björn Olsson (Ex-THE SOUNDTRACK OF OUR LIVES), seines Zeichen Weirdo und Eigenbrödler, irgendwo auf einer Insel vor Göteborg. Jener sollte schon Ochrasy produzieren und kam sich dabei selbst in die Quere. Diesmal hatte er fünf Monate Zeit und absolute freie Hand, da MANDO DIAO erstens zu touren hatten und zweitens nichts an einem kommerziellen Erfolg lag. Man wollte sich eben nur frei kaufen. Zufrieden sind die Schweden trotzdem sehr mit dem Ergebnis, so Dixgard: „Ich bin glücklich damit. Es zeigt eine Seite von MANDO DIAO, die schon immer in uns gesteckt hat, aber bisher viel zu kurz gekommen ist.“

Opener und erste Single ‚If I Don’t Leave Today, Then I Might Not Be Here Tomorrow‘ nimmt sofort Geschwindigkeit auf und geigt sich lockerleicht ins Herz. Der zweite und gleichzeitige Titeltrack macht es dem Vorangegangenen ziemlich nach. Gesungen wird unter anderem über die guten Seiten des Lebens, sexuell aufgeschlossene Mädchen und Unabhängigkeit. Alles nicht ganz neu, aber das verzeiht man schnell, wird man mal wieder von den erdenklich süßesten Melodien verwöhnt. Auffallend anders ist da ‚One Blood‘, sieben Minuten lang wird hier das Thema grandios ausgewalzt und sucht rhythmisch Nähe zum HipHop. Es wäre ein perfekter Abschluss für den Reigen gewesen, aber mal wieder hatte man die Rechnung ohne die intervenierende Plattenfirma gemacht. Vorgabe war eine Mindestlaufzeit von 40 Minuten und so findet sich nun das unterdurchschnittliche Instrumental ‚Darlana‘ als letzter Song.

Wie soll man dieses Album nun im Hinblick auf die musikalische Weiterentwicklung beurteilen. Wahrscheinlich gar nicht, weil es dieses so normalerweise nicht gegeben hätte. Der Anteil von MANDO DIAO selbst fällt ja auch wesentlich geringer aus als bisher. Allerdings verleiht die Tatsache, dass ein Bandexterner mit den ihm gelieferten Songgerüsten sich seinen Visionen hingegeben hat, auch etwas Spannendes. Never Seen The Light Of Day erschließt sich dem Hörer auf jeden Fall viel langsamer als alle drei Vorgänger, es ist chaotisch und unbeständig. Was nicht heißen soll, dass es sich nicht unbedingt lohnt, sich damit auseinander zu setzen. Im Gegenteil, das Album entfaltet ganz allmählich seinen eigenen Charakter und erspielt sich so seine wohlverdiente Sympathie.
Jetzt ist erstmal Pause im Hause Diao angesagt, um die letzten drei Jahre Revue passieren zu lassen, zu verarbeiten und um zu reifen, damit dann das Opus magnum in Angriff genommen werden kann – bestimmt…

MANDO DIAO
Never Seen The Light Of Day
(EMI)
VÖ: 26.10.2007

www.mando-diao.com
www.myspace.com/mandodiao
www.emimusic.de

Autor: [EMAIL=alexandra.wolf@bands-in-berlin.com?Subject=Kontakt von der Website]Alexandra Wolf[/EMAIL]

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