MARIANNENPLATZ – Berliner Act des Monats April 2005

[B]MARIANNENPLATZ sind fünf (teils zugezogene) Berliner Jungs, die gerade in Begriff sind, sich in die Herzen der Anhänger unserer hiesigen Deutsch-Pop-Szene zu spielen. [/B]

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Bereits vor dem Erscheinen ihrer ersten Single ‚Nicht Wichtig‘ wurde der Song im Radio gespielt, die Band hatte noch nicht einmal einen Live-Gig absolviert und war gerade erst im Entstehen. Dies lässt natürlich auf großes Potenzial hoffen. Am 11.4. erscheint ihr Debutalbum [I]Keine Zeichen[/I].

BIB traf den Kopf der Band, Sänger und Gitarrist PETE, um das Geheimnis ihres Erfolges auszuloten. Wie steht es also um die Berliner Band, die sich MARIANNENPLATZ nennt?

[B]BIB: Warum heißt eure Band wie der Platz in Berlin-Kreuzberg?[/B]

[B]Pete:[/B] Da wird gerade viel herumgerätselt, warum wir so heißen. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass viele Leute versuchen, politische Gründe dafür zu finden, aber von mir aus kann da jeder gerne reininterpretieren, was er möchte. Wir brauchen eigentlich keine Zeichen, um das zu erklären, das machen andere für uns.

[B]BIB: Ihr habt den Namen also nicht bewusst als Berlin-Bezug gewählt?[/B]

[B]Pete: [/B] Nee, der hat einfach gut gepasst, das kam eher aus einer Laune heraus. Wir haben den Namen unter anderem aus lokalen Gründen gewählt, weil anfangs in der Nähe vom Mariannenplatz geprobt wurde. Es hieß immer, „wir treffen uns am Mariannenplatz“, da lag das irgendwie nahe. Wir sind halt eine Berliner Band, wir wohnen und arbeiten hier, warum also nicht?

[B]BIB: Die Öffentlichkeit wie auch die Medien neigen ja immer gern dazu, zu kategorisieren. In welche Schublade würdest du MARIANNENPLATZ stecken?[/B]

[B]Pete: [/B] Ganz einfach: Schublade Musik. Prinzipiell würde ich gerne eine neue Schublade für MARIANNENPLATZ aufmachen wollen.

[B]BIB: Es heißt, wenn von euch die Rede ist, immer NEUBAUTEN, SELIG und HELDEN… [/B]

[B]Pete: [/B] Das ist ein Vergleich, der nicht von uns kommt. Eine solche Kategorisierung ist sicherlich wichtig für den Medien- und Musikmarkt, um den Bereich abzustecken. Mir ist es ehrlich gesagt Wurst. Ich war gestern zum Beispiel beim 25jährigem Jubiläum der NEUBAUTEN. Ich würde mir nie anmaßen, mich mit ihnen zu vergleichen, das sind zwei völlig unterschiedliche Ansätze. Es ist, ehrlich gesagt, richtig wunderschön krank und so krank bin ich nicht (lacht).

[B]BIB: Was glaubst du, warum hat man euch so eingeordnet?[/B]

[B]Pete: [/B] Keine Ahnung, aber ich fühle mich nicht unwohl in dieser Konstellation.

[B]BIB: Zu deinen Songs: Schreibst du autobiographisch oder erlebst du die darin beschriebenen Situationen eher als „lyrisches Ich“?[/B]

[B]Pete: [/B] In erster Linie schreibe ich ja die Songs für mich und die Personen, auf die ich den Song beziehe. Erfahrungen sind also generell immer mit dabei, aber ich sehe das mehr als Situationsbeschreibung oder Beobachtung. Es gibt halt ein Credo, das ich immer zu beherzigen versuche: Im Songwriting kann man über alles schreiben, aber Jammern ist bei mir strengstens verboten! Und das ist auch ziemlich leicht, das nicht zu tun, ich lasse einfach alles Unwichtige weg.

[B]BIB: Wie auch bei eurer Single ‚Nicht Wichtig‘? [/B]

[B]Pete: [/B] Genau. Das ist eben auch eine Beschreibung von einer durchgezechten Nacht, wie sie jeder kennen dürfte. Kein Geld mehr, alle Cents zusammen gekratzt und noch irgendwo ein schales Bier abgegriffen, mit der Bitte an deinen Gegenüber, den Abend noch weiter zu führen.

[B]BIB: Eben dies könnte man ja auch wunderbar auf Berlin beziehen…[/B]

[B]Pete: [/B] In Berlin gibt’s keine Sperrstunde, das ist richtig. Anderswo wäre es wahrscheinlich ein Song übers Brötchen Holen geworden (lacht).

[B]BIB: Was ist denn für dich wichtig?[/B]

[B]Pete: [/B] Was mir wichtig ist? (überlegt) Nicht mir die Frage stellen zu müssen, was wichtig ist.
Ich will mit dem Song das Gefühl ausdrücken, dass man die Welt an sich nicht verändern kann. Man muss einfach bei sich selbst anzufangen, Selbstreflexion eben.

[B]BIB: Nicht viele Bands können ihre Gedanken in der Muttersprache Deutsch präzise ausdrücken. Beschäftigst du dich eigentlich mit Lyrik? [/B]

[B]Pete: [/B] Nein, leider nicht. Ich hab gar keine Zeit zum intensiven Lesen. Es ist eher eine Art Talent, denke ich. Andererseits bedeutet dies auch eine Art Hemmschuh im Privatleben, weil ich eben immer mit anderen Ohren zuhöre als andere Menschen. Aus Gesprächen ziehe ich zum Beispiel sehr viel und versuche, alles zu komprimieren, zu verdichten. Man komprimiert im Prinzip das Wesentliche so weit, bis es eben so schnell verstanden wird, dass es gleich ein Gefühl auslöst, ohne erst noch übersetzt werden zu müssen.

[B]BIB: Ist es also das, was Musik für dich bedeutet? Ein spezielles Gefühl?[/B]

[B]Pete: [/B] In erster Linie bedeutet Musik für mich Heimat. Ich kann fast überall leben, solange ich nicht allzu sehr sanktioniert werde, aber ohne Musik – das geht nicht. Außerdem ist Musik für mich Gefühl. Es ist ’ne coole Sache, wenn man seine Gefühle weiter geben kann und es immer wieder diese geilen Moment auf der Bühne gibt: Es macht „funk“, das Publikum begreift, was rüber kommen oder wie es aufgenommen werden soll und geht einfach mit.
Es heißt doch so schön: „music makes the people come together“. In diesem Zitat geht es um Frieden, und wer zu Musik zusammentrifft, der kommt in Frieden. Es gibt da sicherlich auch Ausnahmen (lacht)…

[B]BIB: Warum machst du eigentlich Musik? Warum nicht im stillen Kämmerlein malen oder Gedichte schreiben?[/B]

[B]Pete: [/B] Weil ich nichts zu verbergen habe? Nein, im Ernst: Musik war schon immer ein Teil von meinem Leben, ich bin mit Musik aufgewachsen. Im Proberaum der Band meiner Onkels habe ich schon mit 4 Jahren immer mitgeklimpert. Durch’s Kabarett habe ich dann eher autodidaktisch Gitarre gelernt.

[B]BIB: Was sind deine musikalischen Vorbilder oder Wurzeln?[/B]

[B]Pete: [/B] Auf jeden Fall CHARLES MINGUS. Jazz, Slow Jazz und MILES DAVIS war in meiner Familie tierisch angesagt. Bei ‚Video killed the radio star‘ von THE BUGGLES war es das erste Mal, dass ich eine Hookline bewusst mitbekommen habe, dass ich an einem Song wirklich hängen geblieben bin. Weiterhin sind es die DEAD KENNEDYS, POKES, PIXIES und später dann auch TOM WAITS und die NEUBAUTEN, die mich geprägt haben.

[B]BIB: Wie kam es eigentlich zu dem „Cover“-Song ‚Weißes Boot‘ von den ROTEN GITARREN?[/B]

[B]Pete: [/B] Das ist eine ganz witzige Geschichte: Ich habe zwei kleine Segelboote, an denen ich eines Tages im Garten meiner Eltern herumgebastelt habe. Mein Vater pfiff das Lied vor sich hin, weil er es gerade im Radio gehört hatte… Das erinnerte mich total an meine Kindheitszeit, als wir oft Segeln waren, ‚Weißes Boot‘ war damals quasi die Hymne, die alle immer gesungen haben. Es ist einfach ein wunderschöner Text, leider aber mit einer grauenvollen Melodie, so ’ne Art Zigeunerblues eben. Ich hab mich dann mal hingesetzt, meine Gitarre genommen und die Akkorde ein bisschen umgestellt.

[B]BIB: Gibt es so etwas wie eine Essenz in den Songs von MARIANNENPLATZ? Ein zentrales Thema, dass immer wieder in den Songs auftaucht?[/B]

[B]Pete: [/B] In erster Linie: Es ist so, wie es ist.

[B]BIB: Also ist die Musik von MARIANNENPLATZ keine „Musik zum Träumen“, sondern eher „Musik zum Aufwachen“?[/B]

[B]Pete: [/B] Oh, das ist aber schöön gesagt. Genau. Der erfrischende Morgen danach.

[B]BIB: Warum taucht das Thema „Zeit“ immer wieder in den Songs auf? [/B]

[B]Pete: [/B] Zeit als Konstrukt hat für mich was Faszinierendes. Das Leben ist vergänglich, wie wir alle eigentlich wissen. Für mich war es schon als Kind ein totales Mysterium, zu wissen, dass ich irgendwann nicht mehr existieren werde. Damals bekam ich z.B. ein Fahrrad geschenkt und war total stolz darauf. Dann ist mir in derselben Nacht eingefallen, dass ich irgendwann mal zu alt für dieses Fahrrad sein werde und es mir gar Nichts mehr nutzen wird. Ich werde keine Freude mehr daran haben.

[B]BIB: Euer Album steht also für den Moment, so nach dem Motto: „Nutze deine Zeit und mach was draus!“ Obwohl wir Menschen ja nahezu Weltmeister im Zeitverschwenden sind…[/B]

[B]Pete: [/B] Wem sagst du das?! Es ist ja schon fast eine Volkskrankheit, Momente zu verpassen! Wenn mich was wirklich krank macht, ist es, Leute, die ich gern habe, an ihrer Unfähigkeit, Entscheidungen treffen zu wollen, leiden zu sehen. Dieses Phänomen der Inkonsequenz, diese Angst vor der Angst zu haben und das Gefühl zu bekommen, man könnte ja versagen, macht mich krank… Wer zulange wartet, den holt die Zeit irgendwann ein. Es macht mich wie gesagt wahnsinnig und das ist auch ein Ansporn für mich, Texte zu schreiben. Ich kann ja nicht immer den Leuten sagen, was sie nicht schon selbst wissen. Ich habe auch keine Lust dazu, als Therapeut durch die Gegend zu rennen und die Leute wachzurütteln, die kriegen es dann ja ansonsten in der Doppeldosis.

[B]BIB: Was ist denn für dich die perfekte Dosis?[/B]

[B]Pete: [/B] Ich bin da immer noch auf der Suche. Der perfekte Song wäre für mich, dass es den guten Seelen dieser Welt den Tag erfreut und die Arschlöcher auf diesen Planeten zum Fenster raustreibt, und zwar aus dem höchstmöglichen Stockwerk (lacht).

[B]BIB: Gibt es irgend etwas, was du den Lesern von BIB noch mit auf den Weg geben möchtest?[/B]

[B]Pete: [/B] Macht mal die Wecker aus und bleibt mal einfach alle einen Tag liegen!

[B]BIB: Schönen Dank für das Gespräch![/B]

MARIANNENPLATZ sind am Sonntag, den 03.04. im Potsdamer Fritzstudio bei KenFM. Ihr Album [I]Keine Zeichen [/I] erscheint am 11.4.05 beim Berliner Label UlfTone Music.

www.mariannenplatz.com
www.ulftone.com

Interview: Kathleen Jurke
Foto © Nilz Böhme

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