MARK LANEGAN am 18.03.12 im C-Club


Katharsis mit dem Darth Vader der Rock-Musik.



Nach jedem Song das gleiche Bild: Der Blick wandert zu Boden. Das knochige Gesicht verzieht sich angestrengt, als würde der Mund gerade eine harte Nuss zerkauen. Die Hände bleiben am Mikrofonständer wie festzementiert. Ist das Ritus oder schon Manie? MARK LANEGAN bastelt jedenfalls weiter schwer an seiner eigenen Ikonenbildung. Eine junge Frau im Berliner C-Club findet das putzig und flüstert ihrem Freund ins Ohr: „Der ist so schüchtern“. Naja. Trifft es vielleicht nicht ganz, aber abgesehen von den beängstigend tiefen Einblicken in seine von Liebeswut, Drogenmissbrauch und Rock’n’Roll-Wahnsinn geprägte Seele erzählt dieser Mann tatsächlich nicht viel zwischen den Songs. Das erwartet aber auch keiner. Schließlich ist er der Dunkle Lord. Der Darth Vader der Rock-Musik.

Blues Funeral, der neueste Release des im rauen Nordwesten der USA geborenen Sängers, ist dessen erste Solo-Platte seit 2004. Sein ausgeprägter Hang zu Kollaborationen führte Lanegan in der Zwischenzeit aber zum Glück öfters nach Deutschland. Mal im Verbund mit seinem Whiskey-Buddy Greg Dulli (Afghan Whigs, Twilight Singers), als das, was beide wohl sind, nämlich Gutter Twins. Mal mit der lieblichen Folk-Dame Isobell Campbell. Sogar sein Projekt mit den Soulsavers rund um die beiden englischen Filmkomponisten und Elektro-Frickler Rich Martin und Ian Glover veredelte er durch leibhaftige Live-Präsenz.

Nun beweist Lanegan sein Händchen für das, was seine Fans gerne von ihm hören, endlich wieder auf einer Solo-Tour. Begleitet wird er von einem soliden wie eleganten Backingband-Quartett und wird supportet von den belgischen Stonern Creature With A Atom Brain. Im konstant dämmrigen Schein rot-lilaner Leuchten steht Lanegan da, wie er eben da steht und singt gut die Hälfte der Stücke seiner neuen Platte und alle Hits seines knapp zehn Jahre alten Meisterwerks Bubblegum. Dazu Lieder seiner Grunge-Combo Screaming Trees, eine Handvoll Songs seiner ruhigeren Platten und ein Cover der längst vergessenen Indie-Perle The Leaving Trains. Lanegans Profimucker-Band klingt dabei nicht nur überwältigend gut eingespielt und akzentuiert abgemischt, auch das Arrangement zwischen Desert-Lo-Fi und Neo-Achtziger-Bombast zeigt, dass er, der Endvierziger, keinen Bock auf uninspiriertes Altmänner-Gemucke hat. Lieber lässt er durchblitzen, wie sehr ihn Kollaborationen mit UNKLE oder den Queens Of The Stone Age bereichert haben.

Das, was all seine Lieder vereinigt, bleibt dabei immer gleich kaputt. Seine Stimme. Dieses Grollen der Hölle. Dieses Hello der Verdammten. Allein das Zuhören führt zu Katharsis und löst Zustände aus, die Gottgläubige wohl sonntags ohnehin kennen. Im restlos ausverkauften C-Club ist es dann aber keine Predigt über Brot und Wein, sondern der „Methamphetamine Blues“, der erwachsene Frauen und Männer am Ende des Abends dazu bringt, so heftig zu nicken, als versuchten sie, mit dem Kopf den Boden zu erwischen. Wenn er aber auch so schweinecool singt: „Wake up / Children don’t ya hear me comin’ / Get up / Get up / Because I got To Have The Honey.“ Den wohl leider geilen Rausch des Teufelszeugs fasst eine Zeile des Songs zusammen, die auch gleich die Gefühlswallungen der Konzertbesucher umschreibt: „And I don’t want to leave this heaven so soon.“

Keine 20 Minuten nachdem er diese letzte Zugabe gesungen hat, sitzt Mark Lanegan am Merch-Stand und unterschreibt entspannt T-Shirts, CDs und anderen Kram. Auf seine halblangen Zottelhaare hat er eine umgedrehte Baseballcap gesetzt. Irgendwie sieht er nicht mehr zum Fürchten aus. Also alles nur Show? Seine Fans glotzen da noch wie benommen und meiden auffällig den direkten Blickkontakt. Mark schaut jedem ins Gesicht. Ein klitzekleines Schmunzeln umgibt den Dunklen Lord.

www.marklanegan.com

Autor: [EMAIL=bernd.skischally@popmonitor.de?Subject=Kontakt von der Website]Bernd Skischally[/EMAIL]

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