Michael Jackson’s gemalter Heiligenschein

Gewiss, MICHAEL JACKSON war in den 80ern Vorbild für unzählige Kinder und Traum von unzähligen Frauen. Er galt als musikalisches und tänzerisches Genie: der King of Pop. Zudem wurde seine finanzielle Wohltätigkeit weltweit gelobt. In den 2020ern, nach der Metoo-Debatte müsste es eigentlich möglich sein, sich dem Künstler als Menschen zu nähern. In den 70ern war der BBC-Moderator Jimmy Savile schließlich auch der popkulturelle und karitative Held Großbritanniens und gilt jetzt als einer der „schlimmsten Sexualverbrecher in der Geschichte des Landes“.

Die Dokumentationen Leaving Neverland (2019) und 60 Minutes (2026) gaben Michaels mutmaßlichen Opfern Gesicht und Stimme. Sie hatten ihn selbst früher vor Anschuldigungen verteidigt. Betrachtet man Jackson durch die Brille dessen, was Privates über ihn inzwischen bekannt ist, so lassen sich auch seine Songs anders deuten:

Als THE JACKSON 5 in den 70ern auf Tour waren, nahmen die Männer unter ihnen auch Frauen mit auf ihre Hotelzimmer. Das bekam der kindliche Michael mit. Später als Jugendlicher begann er aber keine Beziehungen mit weiblichen Fans. Seinen Ekel vor den eigenen Groupies drückte er erst 1987 im Song „Dirty Diana“ aus. Diese Abscheu vor der Weiblichkeit, seine hohe Stimme, sein exzentrisches und gleichzeitig schüchternes Auftreten sowie sein queeres Aussehen führten immer wieder zu Spekulationen, ob er nicht homosexuell sei, was für seine christlich-fundamentalistische Familie ein echtes Problem war. Die Musikvideos zu „The Way You Make Me Feel“ und „Bad“ sollten seine Hetero-Männlichkeit unter Beweis stellen und bedienten sich dafür bei Motiven aus West Side Story (1961). Die Zeugen Jehovas gelten jedoch nicht nur als sexistisch, sondern auch als Hort des sexuellen Missbrauchs an Kindern. Es ist daher nur logisch, dass sich Michael nicht gesund entwickeln konnte. Von der Sekte musste sich Jackson ebenfalls 1987 wegen deren Kritik am „Thriller“-Musikvideo distanzieren.

Wer seine Psyche verstehen will, sollte auch auf die bildnerischen Werke schauen, die er für sich anfertigen ließ. Mehrere Gemälde in seinem Auftrag hingen in seiner Neverland-Ranch. Diese kitschigen Bilder zeigen Michael als Ritter Lancelot oder Peter Pan. Vor allem drei Bilder vom Maler David Nordahl fallen auf, weil sie Michaels betont unschuldiges Selbstbild (Man höre nur „Childhood“!) ungewollt konterkarieren. Sie sind auf der Künstler-Website zum Teil einsehbar:

www.davidnordahl.com/Michael_Jackson_Gallery/index.html

Ein großes Werk namens „Field Of Dreams“ zeigt zentral Michael, wie er eine große Menge Kinder – folkloristisch aufgemacht als aus aller Herren Länder stammend – durch Neverland führt. Eine Wolke hinter seinem Kopf samt weißer Tauben bildet eine Glorie und spielt so an das Jesuswort an: „Lasset die Kinder zu mir kommen.“ (Mt 19,14) Michaels glücklicher Gesichtsausdruck wird nur von einem Kind gespiegelt: Ein armer, humpelnder Junge hat seinen Kopf vernarrt an Michaels Arm gelegt. Das erinnert fatal an Gavin Arvizo, der in der Martin Bashir-Doku Living with Michael Jackson (2003) als Jugendlicher seinen Kopf an Michaels Schulter legte. Jackson hatte ihn, als er noch jünger war und unter Krebs litt, zu sich auf die Ranch geholt. Von dieser Begegnung ließ er sogar einen Kurzfilm herstellen, der mit seinem Song „You Are Not Alone“ unterlegt werden sollte. Dessen romantische Botschaft richtet sich also nicht, wie das dazugehörige schwülstige Musikvideo mit seiner Frau LISA MARIE PRESLEY (Tochter von ELVIS) nahelegt, an eine Frau. Zudem wurde Arvizo dank von Jackson mitfinanzierten Ärzten von Krebs geheilt, was die christologische Bilddeutung noch verstärkt.

Noch bizarrer ist „Michael“, das Michael Jackson als einen efiminierten Gott wie etwa Apollon zeigt. Um ihn herum flattern nackte Putten und reichen ihm dienerhaft Blumen dar. Eine psychoanalytische Bildanalyse triumphiert auch hier. Es lässt sich leicht an die antik-griechische Praxis der Päderastie denken.

Das dritte interessante Bild namens „The Storyteller“ zeigt Michael als Peter Pan und eben nicht Wendy nachts unter einem Baum, wie er einer Schar Kindern Märchen vorliest. Die Kinder spielen mit Elfen, sind also in Neverland. Jackson zu Füßen schläft ein Junge mit halbentblösten Hinterteil. Es ist eben jene Übernachtungssituation, im Rahmen dessen Missbrauch von Kindern geschehen sein soll. In der Bashir-Doku zitierte Jackson „What The World Needs Now“ (JACKIE DESHANNON), als er gerade erklärt, dass er die zahlreichen Übernachtungen bei ihm als „Liebe“ sieht. Offenbar war die Neverland Ranch eine riesige Mausefalle für Kinder, also eher das Spielzeugland aus Pinocchio statt Neverland aus Peter Pan. Wenn dem so ist, sollte man sich Jackson eher als der Herrscher von Spielzeugland (genannt „der Kutscher“) als einen Waisenjunge vorstellen. Seine Familie, der Jackson-Clan, lebt von seinen Tantiemen bis heute.

Millionen Menschen weltweit vergötterten also in den 80ern Michael Jackson. Es brauchte mehr als Comedyshows wie Scary Movie und South Park, um mit Parodie und Ironie seine Coolness und „Heiligkeit“ zu zerstören. Daran wirkten schon lange auch Comedians mit. So zitierte Otto Waalkes in seinen Kinofilmen Jacksons Musikvideos zu „The Way You Make Me Feel“, „Thriller “ und „Smooth Criminal“. Und natürlich waren diese auch vor Weird Al Yancovics Parodien nicht sicher („Eat It“, „Fat“). Unter den Musikern wagten sich ebenfalls einige aus der Deckung: So zitiert JACK BLACK (TENACIOUS D) im Beginn von Kings Of Rock (2006) den Beginn von „Black Or White“ mit Macaulay Culkin von 1991, während ALIEN ANT FARM den ganzen Song „Smooth Criminal“ mit Kindertänzer coverten. EMINEM schoss Michael dann mit dem Video zu „Just Loose It“ ins Aus. Kinder sollten über Michael Jackson lachen, statt ihn nachzuahmen.

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