MONEYBROTHER am 05.12.2009 im Postbahnhof


Sonne in meinem Herzen.



Anders Wendin ist ein physikalisches Phänomen. Denn dieser schmächtige Mann mit den wuscheligen Haaren, der sorgsam in Falten gelegten Stirn und einem Lächeln, das scheinbar weder zeitlich, noch vom Umfang her beschränkt zu sein scheint, leuchtet. Ganz im Ernst.

Dabei ist die Ausgangslage erstmal nicht unbedingt die beste. Zwar herrscht kein „Stormy Weather“ und der Samstagabend ist ja eigentlich prädestiniert für Aktivitäten fern der heimischen vier Wände. Die unsägliche Kombination aus nass, kalt und träge führt aber letztlich zu einem dezent verspäteten Eintreffen im Postbahnhof und somit sind zunächst statt des Supportacts nur noch aufgeregt hin- und herwuselnde Techniker auf der Bühne zu sehen. Was schade ist, wird doch berichtet, dass Franz Nicolay durchaus als Erlebnis bezeichnet werden kann – sowohl optischer, als auch musikalischer Art.

Irgendwie passt das also allein vom Hörensagen wie die Faust aufs Auge zu dem, was man sich von diesem Abend erwartet, denn MONEYBROTHER (auf CD) zu hören und MONEYBROTHER (live) zu sehen ist, auch dies als vorgezogenes Resümee des Abends, zweifelsohne nicht gleichzusetzen. Während es bei manch anderer Band fast schon einerlei ist, ob davor ein obligatorischer Publikumshüne die Sicht versperrt, quält man sich für diesen Schweden und seine sechsköpfige Begleitung gerne auf die eingefrorenen Zehen, tippelt von links nach rechts und wieder zurück, um ja keine Sekunde dieses irrsinnig spannenden und amüsanten Schauspiels zu verpassen, das auf die Bühne gezaubert wird.

Allein Posaunist Viktor Brobacke, der schon zu MONSTER-Zeiten an der Seite von Wendin brillierte, ist so herzzerreißend enthusiastisch bei der Sache, dass er ohne Probleme als Alleinunterhalter auftreten könnte. Befindet sich nicht gerade sein blechernes Hauptinstrument in der Hand, schlägt er entweder mit dem Tamburin jeden einzelnen Millimeter seines Körpers ab oder bewegt eben jenen in die unglaublichsten Positionen. Kisa Nilsson am Bass, der nur sechs Stunden vor dem Konzert noch geheiratet hat, enthüllt spätestens im Duett mit Viktor zu ‚It’s Been Hurting All The Way With You Joanna‘ eine Stimme, die dem Zuhörer Gänsehautschauer über die Arme flitzen lässt, und auch der Rest der Band strahlt und spielt und singt durchgehend, als ginge es um Leben und Tod – ganz zu schweigen natürlich von dem eigentlichen Hauptakteur des Abends.

Anders Wendin, MONEYBROTHER, Pengabrorsan, Geldbruder – wie auch immer man ihn oder er sich selbst nennen mag – ist in diesen Stunden das Zentrum des Sonnensystems, um das alles kreist. Man kann eigentlich gar nicht anders, als lächelnd zuzusehen, wie er Gesichtsmuskeln bewegt, die man selbst wahrscheinlich noch nicht mal besitzt und zuzuhören, wie er mit dem restlichen, schmalen Körper Töne fabriziert, die zwischen Eunuch und whiskeygeschwängertem Kettenraucher wechseln, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Dazwischen flicht er kokett und charmant kleine Geschichten ein, die zwar vielleicht jeden Abend so oder in leicht abgewandelter Form auf die lauschenden Ohren treffen mögen, was aber just in diesem Augenblick absolut nebensächlich ist, hat Wendin es doch bereits nach kürzester Zeit geschafft, jedem Einzelnen im Publikum das Gefühl zu vermitteln, es gebe kein Davor und kein Danach. Auch mit Franz Nicolay gibt es ein kurzes Wiedersehen, als er sich zu einem weihnachtlichen Zwiegesang zur Band gesellt.

So verwundert es schließlich also nicht weiter, dass man die Herren nicht nur einmal zurück auf die Bühne klatscht, sondern auf eine zweite Zugabe besteht. Unausweichlich ist es dann aber doch viel zu schnell vorbei, die schwedische Sonne mit seinen liebenswerten Trabanten geht unter – was bleibt, ist ein behagliches Strahlen und die Gewissheit, dass es sich mehr als gelohnt hat, Kälte, Regen und den inneren Schweinehund zu bezwingen.

Und sollte dem einen oder anderen Besucher trotzdem noch nicht warm genug geworden sein, so kann man sich übrigens eine original Moneybrother-Suppe mit nach Hause nehmen. Aus garantiert sonnengeküssten Tomaten.

http://www.moneybrother.net
http://www.myspace.com/moneybrother

Autor: [EMAIL=verena.gistl@popmonitor.de?Subject=Kontakt von der Website]Verena Gistl[/EMAIL]

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