Musik – Magazine – Moneten

Wenn sich Musik- und Medienindustrie auf dem freien Markt treffen, bleibt dabei so mancher journalistische Grundsatz schon mal auf der Strecke.



Ja, ja. Das liebe Geld. Das Laster mit dem Zaster, ohne Moos nix los, außer Spesen, nix gewesen… Wo wäre unsere moderne Gesellschaft heute, wenn sich nicht alles um den lieben Euro, Dollar, Yen, den schnöden Mammon drehen würde? Wären wir doch nur bei der Jahrhunderte alten Tradition der Tauschwirtschaft geblieben – Kleidung gegen Handwerk, Appel gegen Ei – jeder tut das, was er am besten kann, um seinen Beitrag zur Tauschgesellschaft zu leisten und sein täglich Brot – man wäre ja bescheiden – zu verdienen. Unsere alltäglichen Bedürfnisse könnten wir ad hoc befriedigen, ohne diese lästige Zwischenstufe zu erklimmen. Die Gesellschaft wäre frei von jedweden Zwängen des „Geldverdienen-Müssens“, dank des guten, alten Tauschs.

Doch halt! Es gibt heute noch ein Biotop, ein von einer Glasglocke überdachtes Areal, indem die Tauschwirtschaft von einst sich buchstäblich auszahlt: die freie Marktwirtschaft. Wie du mir, so ich dir – hier funktioniert noch die alte Losung.

Man stelle sich folgenden ökonomischen Prozess vor: Es existiert ein Bedürfnis, ein Bedürfnis, das so drängend ist, dass es nur so nach Befriedigung schreit. Haben viele Menschen ein- und dasselbe Bedürfnis, so wittert der clevere Außenstehende ein Geschäft. Ein Tauschgeschäft.

Wir wollen das mal an einem Beispiel erläutern. Geschrieben wird das Jahr 2003, Teilnehmer: Musikwirtschaft und Medien. Objekt des Tauschs: TOKIO HOTEL.

Die Zeit ist reif. Deutschlands Teenies lechzen nur so nach einer Traumwelt mit imaginären Erst-Freunden, ein Leben ohne Pickel, Zahnspangen und Übergangsfrisuren. Aber auf wen soll man seine unbefriedigten Wünsche und Phantasien projizieren? Take That, Backstreet Boys, N*Sync – alle waren dahin, in die ewigen Musikergründe entschwunden. Es dauert zwei Jahre, bis sie die Antwort erhalten würden. Manche werden das Glück haben, der Pubertät noch nicht gänzlich entwachsen zu sein. Womöglich hätten sie sich heute für ihre heimliche Liebe schämen müssen …

Die Geschichte von TOKIO HOTEL beginnt beim Privat-Fernsehen. Als ein cleverer Mensch aus der Musikbranche den an einer Casting-Show soeben gescheiterten, 13jährgen BILL KAULITZ entdeckt – so apart mit Manga-Frisur und zarter Stimme – wusste er, das der Zeitpunkt gekommen ist.

Zufällig hat der Junge einen Zwillingsbruder und- nein! Das gibt’s doch nicht! Auch noch eineiig! Faszinierend! Und das beste an der Sache: Beide spielen in einer erfolglosen Kleinstadt-Band, die sich DEVELISH – teuflisch – nennt. Wie herzig! Nun gilt es rasch, zu handeln: Schnell die vier Jungs (BILL, TOM, GUSTAV und GEORG) geschnappt, ihn einen anderen Band-Namen gegeben, Songs für sie geschrieben, Styling umgekrempelt, Majorlabel an Land gezogen und zack auf große Promo-Tour mit ihnen. Bloß keine Zeit mehr verlieren, hat jetzt immerhin zwei Jahre gedauert!

Im Sommer 2005 ist es dann so weit: Bedürfnis trifft auf Designer-Gut und es kommt zum Tausch, der sich in einem gewaltigen Medienecho entlädt. Denn nicht nur den Teenagern hat das gewisse Etwas gefehlt, auch die Medienbranche gierte nach einem Aufhänger, nach der perfekten Story – vom Aschenbrödel zur Prinzessin, von der mittelmäßigen Kleinstadt-Rockband zu Superstars. Die gesamte Publikumspresse aus dem Lifestyle und Jugend-Segment stürzt sich auf das „Phänomen“ TOKIO HOTEL. Wer waren die Jungs, woher kamen sie? Echt, aus Magdeburg? Was?! Nicht gecastet, und das in unserer heutigen Zeit? Wirkliche Musiker? Und erst 15 Jahre alt?!? Jibbet doch gar nicht!

[B]Ergebnis für TOKIO HOTEL[/B]: Single wochenlang auf Platz Eins, zwei VIVA-Cometen, ausverkaufte Kurz-Tournee, Goldene Schallplatte für’s erste Album (mittlerweile schon Platin), unendlich viele Talkshow-Auftritte, Star-Ruhm, persönliches Kindermädchen, Presse ohne Ende und kreischende Teens, der Ohnmacht nahe, wo die Jungs auch gehn und stehn.

[B]Ergebnisse für die Musikbranche[/B]: s.o., in Geld übersetzt.

[B]Ergebnis für die Medienbranche[/B]: Steigende Auflage, gestärkte Leser-Blatt-Bindung, gesteigerte Präsenz bei den Jugendlichen und Festigung der Marke. Der absolute Supergau gelang jedoch der BRAVO.

Sie verdealte zusammen mit dem Management die Band an einen Engerydrink-Hersteller, der sein klebrig, koffeinhaltiges Getränk in blau-silbrige Dosen füllt und sich seine Werbung sehr viel kosten lässt. Und zwar ein eigenes Heft. Das Magazin BRAVO SPECIAL TOKIO HOTEL, welches sich als erste Sonderausgabe der BRAVO-Reihe eigens einer einzigen Band widmet, ist durch und durch gespickt mit offensichtlicher Werbung für RED BULL. Dumm nur, dass das in Deutschland verboten ist und unter Ziffer Sieben des Pressekodex als Schleichwerbung geahndet wird. Der Presserat sprach der BRAVO Ende Dezember 2005 eine öffentliche Rüge aus, welche nach dem Grundsatz fairer Berichterstattung in einer der nächsten Ausgaben abgedruckt werden muss.

Wen interessiert’s? Richtig! Niemanden! Die Werbung ist platziert und die Message, dass das Lieblingsgetränk der Zwillinge RED BULL heißt, angekommen. Die BRAVO konnte dank TOKIO HOTEL ihre Auflage um ca. 100.000 Exemplare pro Woche steigern, der Axel Springer-Verlag freut sich, der Rubel für die Plattenfirma rollt und die Teenies sind glücklich.

Das gute alte Tauschgeschäft ist heutzutage doch noch funktionstüchtig: Musikindustrie tauscht Popband gegen Fans für Presse-Echo und Werbeindustrie. Und dass dabei noch eine Menge Moneten für alle Beteiligten abfallen – Kollateralschaden.

Foto © Bravo online

Facebooktwittergoogle_pluspinterestlinkedintumblrmailFacebooktwittergoogle_pluspinterestlinkedintumblrmail