MYONI

Interview mit MYONI-Chef Martin Lüdecke.



Am 14. September erscheint das Debüt von MYONI, dem neuen Projekt des Sängers und Songschreibers MARTIN LÜDECKE, der vor ein paar Jahren mit seiner Band PAUL IS DEAD zur Speerspitze des Berliner Britpops gehörte. Bei MYONI hingegen wird auf Deutsch gesungen. Wie es dazu kam, erzählt MARTIN LÜDECKE im Interview

BiB: Im Presseinfo zu eurem Albumdebüt Ohne Worte betont ihr die langwierige Arbeit an den Lyrics, in der CD-Hülle steht dann aber „Bitte die Texte nicht beim ersten Anhören der Platte lesen“. Wie passt das zusammen, wenn die Texte doch offenbar so wichtig für euch sind?

MARTIN LÜDECKE: Die Texte sind wichtig, aber es sollen Texte sein, die sich in die Musik integrieren und das Arrangement nicht nur als Vehikel für irgendeine Aussage verwenden. Die Schwierigkeit beim Texten bestand nämlich gerade darin, die bei deutschsprachiger Musik so häufig vertretene Textlastigkeit zu durchbrechen. Alle Musik aus der Richtung Pop, die ich persönlich wirklich liebe, funktioniert so, dass man nicht auf den Text zu hören braucht, um die Musik zu mögen, aber wenn man es dann doch tut, gefällt einem das betreffende Stück noch besser.
Andererseits habe ich mir schon so einige Platten verdorben, weil ich direkt von Anfang an die Texte mitgelesen habe und diese Texte gedruckt bei weitem nicht so viel Sinn ergaben wie gesungen. Kennst du z. B. die Seahorses-Platte (wenn es mehr als eine gibt, meine ich die erste)? Beim Lesen haben mich die Texte überhaupt nicht angesprochen, aber die Platte ist trotzdem echt schön. Dieses Schicksal würde ich unserer Platte gern ersparen. Ich glaube, man fährt am Besten, wenn man sich erst einmal auf die Musik einlässt und erst hinterher den Texten Zeit widmet.

Mit PAUL IS DEAD habt ihr früher dem Britpop gefröhnt. Warum der Wechsel der Sprache? Wie schwer fällt sowas?

Naja, dieselbe Band ist das nun wirklich nicht. KATJA, unsere Schlagzeugerin, war damals schon dabei, und eben meine Wenigkeit. Ich selber versuche mich schon länger an deutschen Texten, und irgendwo ist es ja schon logisch, in der Sprache zu singen, die man am besten beherrscht.
Richtig klar geworden ist mir das, als ich ein halbes Jahr in Genf war und dort meine Zeit mir einer Gruppe Briten verbracht habe. Auf einer Party fragte mich einer der Briten (selber Musiker), als das Gespräch auf meine Band kam, warum zur Hölle wir auf Englisch singen würden, ihm selber würde das niemals einfallen, in einer fremden Sprache zu dichten. Da hat er ja irgendwie recht, dachte ich mir, und kam vor der Reise mit einem Stapel deutscher Texte zurück.
Aber trotzdem musste ich das Songschreiben schon irgendwie neu lernen, denn obwohl ich mich unbedingt in meiner Muttersprache ausdrücken wollte, war ich ja nur an englische Phrasen gewöhnt. Die Stärken und Schwächen der deutschen Sprachmelodie kennenzulernen war eine der spannendsten Sachen, die ich je gemacht habe, ich habe das echt nicht bereut.
Ein paar Beispiele (sozusagen was für fachlich Interessierte): Reime sind echt mächtig, viel gewichtiger als auf Englisch, und sollten mit Vorsicht eingesetzt werden. Das geht ganz schnell in Richtung Schüttelreim, aber andererseits kann man damit Aussagen eine unheimliche Wucht verleihen. Und das Deutsche eignet sich, finde ich, unheimlich gut für Dramatik und Melancholie (siehe romantische Texte, 19. Jh.). Auf der anderen Seite fallen mir (vielleicht bin das wirklich nur ich) humoristische Züge, Ironie etc. auf deutsch sehr schwer, ich finde, da wird es leicht zu verkopft oder eben einfach nur platt. Aber anderseits gibt es dafür auch gelungene Beispiele, also ist das wahrscheinlich nur eine persönliche Präferenz.



Vor diesem Hintergrund könnte man euch ja auch ganz bösartig vorhalten: Kaum ist deutschsprachige Musik populär, versucht ihr es auch…

Der Vorteil, den diese ganze Welle deutschsprachiger Musik mit sich bringt, liegt darin, dass man nicht komisch angesehen wird, wenn man sagt, man singt auf Deutsch. Das war durchaus einmal anders. Insofern profitieren wir natürlich von dieser Popularität. Als ich meine deutschen Texte in meiner damals englischsprachigen Band anbrachte, mochte sie keiner, und alle wollten, dass ich wieder Englisch singe. Ich denke, das war 2001, also doch etwas vor dem Riesenboom. Ich musste erst ein Soloprojekt machen, aus dem inzwischen eine echte Band geworden ist, um mich in meiner Muttersprache ausdrücken zu können.
Aber ich glaube, wir profitieren natürlich von der zusätzlichen Aufmerksamkeit, die es wegen der deutschen Texte gibt. Finde ich nicht schlecht, uns ist es doch am Ende egal, warum jemand die Musik entdeckt, wenn sie ihm hinterher gefällt.

Welche Einflüsse gab es, sowohl auf Musik als auch Lyrik?

Das ist immer die schwierigste Frage, die Frage nach den Einflüssen, denn das sind ja immer fünf Musiker, die daran mitarrangieren. Also, ich denke, es ist nicht zu überhören, dass wir hohe Gitarren mögen, die irgendwie seltsam klingen, das haben wir von Radiohead gelernt. Ich halte immer noch Pet Sounds für die beste Pop-LP aller Zeiten, und alle mögen diese verschrobenen, aber doch poppigen Rockbands wie Mew. Und für uns alle war es eine kleine Offenbarung, als die erste Klez.e-Platte rauskam. Da hatte ich gerade die erste Myoni-EP (die nie erschienen ist) fertig geschrieben, und ich dachte mir, oh das ist ja schön, ich bin nicht allein. Da ist noch jemand, der so textet, als wäre ihm seine Musik bzw. die Melodie genauso wichtig wie der Text.
Ansonsten mögen wir (so als Einfluss) alles, was komplex ist, sich aber einfach anhört (wir haben eben doch drei Musikstudenten in der Band), und es gibt halt jede Menge Einflüsse aus der Kindheit. Die Art, wie ich texte, ist glaube ich gerade erst im Kommen, da gibt es nicht allzuviel, auf das man sich berufen kann, das passiert alles gerade jetzt. Daher mag ich auch viel eher aktuelle deutschsprachige Musik als Sachen aus den 80ern oder so. Es gibt gerade echt tolle Bands, klez.e, Lichter, erik & me und so weiter.
Wenn ich Quellen nennen muss, dann wahrscheinlich eher so etwas wie Scott Walker oder Morrissey.

Worum drehen sich die Texte?

Hmmm, die Frage müsstest Du mir nochmal in einem Jahr stellen, oder so. Noch ist das Ganze zu aktuell. Gerade im Augenblick habe ich das Gefühl, es geht auf der Platte vor allem um Barrieren und die Frage, ob man sie durchbrechen kann oder nicht. Ich dachte vor kurzem, ich hätte die Platte auch Barrieren nennen können.



„Leidenschaft, Zurückhaltung und Ernsthaftigkeit“, „keine Ironie, keine Witzeleien“ – so beschreibt ihr eure Lieder. Wie macht sich Ernsthaftigkeit denn praktisch in euren Liedern bemerkbar? Gibt es eine Notwendigkeit für diese Herangehensweise, gibt es zu wenig ernsthafte/ernstzunehmende Popmusik, gerade deutschsprachige?

Es macht doch niemand Musik, weil er meint, er mache gerade das, was die Welt braucht oder was noch fehlt in der Musiklandschaft. Für mich ist es nur so, dass ich erstens noch nie gut Humor in Musik verbauen konnte, wobei das schon ganz großes Kino ist, wenn man das elegant drauf hat. Zweitens finde ich, dass da die Stärken der deutschen Sprache nicht unbedingt liegen. Und da wir es mögen, klare Linien zu ziehen, und der Musik Regeln aufzuerlegen, haben wir den Faktor Humor halt komplett draußen gelassen.
Und ja, ich finde schon, dass es noch zu wenig ernstzunehmende deutschsprachige Musik gibt. Da liegt aber auch daran, dass vor 5-7 Jahren deutscher Hiphop das Ding war, dann war es deutscher Rock, und da wird natürlich viel nach oben gespült, was nicht so toll ist, vor allem, wenn die Majors investieren. Man sollte einfach abwarten, bis es nichts mehr so besonderes ist, auf Deutsch zu singen, bis dieser Hype vorbei ist. Da kommt schon gerade genug nach, was wirklich Substanz hat, da mache ich mir keine Sorgen. Also, in fünf bis zehn Jahren wird an guter Musik hier kein Mangel mehr herrschen.
Davon abgesehen stehen bei mir im Schrank auch eher so die Trauerkloß-Platten und weniger echte Gute-Laune-Musik, sowas höre ich halt einfach nicht. Geschmackssache.

Die Platte erscheint auf eurem eigenen Label Oktobermusik. Habt ihr auch versucht, bei größeren Labels unterzukommen?

Versucht haben wir das nicht wirklich, ich glaube wir haben mal fünf Exemplare der ersten EP verschickt. Aber es wurde uns schnell klar, dass wir das selber machen möchten. Ich möchte künstlerische Diskussionen halt mit den Musikern führen und nicht mit dem Label. Insofern haben wir mit anderen Labels keine großen Erfahrungen gemacht.
Ich mag diesen DIY-Stil. Vielleicht büßen wir dadurch etwas an Perfektion ein, aber dafür weiß man halt auch genau, dass die Band das alles selber hergestellt hat, das ist ja auch was. Und davon abgesehen macht es einfach Spaß, sich um das ganze Drumherum zu kümmern. Und viele Labels, die ich so mag, haben genau so angefangen.

Wie geht’s weiter mit MYONI?

Wir werden halt gucken, was drin ist. Die nächste Platte ist schon in Planung, also ich denke, wir werden etwas länger hier sein.

MYONI spielen live am 13.9. im Café Zapata (Record Release Party, Support: RADIOPILOT, ).

MYONI
Ohne Worte
(Oktobermusik)
VÖ: 14.09.2007

www.myoni.de
www.myspace.com/mymyoni
www.oktobermusik.de

Autor: [EMAIL=sebastian.frindte@bands-in-berlin.com?Subject=Kontakt von der Website]Sebastian Frindte[/EMAIL]

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