NINE INCH NAILS + THE POPO am 24.03.2007 in der Columbiahalle


Von den Vorboten des „Year Zero“ zu ‚Funtimes on the Frontline‘ und zurück.



Zu den Fakten:
Wir schreiben das Jahr 2007 und TRENT REZNOR, das kreative Mastermind der NINE INCH NAILS (NIN), befindet sich auf einem Online-Guerilla-Feldzug zur Verbreitung von Gesellschaftskritik und natürlich seinen eigenen musikalischen Meisterwerken. So jagt die Fangemeinschaft seit Wochen durch den Cyberspace und sucht mehr oder weniger versteckte Informationen und musikalische Leckerbissen des am 13. April zur Veröffentlichung anstehenden Albums Year Zero. Ein Konzept, das eindeutig Aufmerksamkeit erregt und ein deutliches Zeichen für die bekannte Kreativität der NIN-Maschinerie setzt.

„I got my propaganda I got my revivionism
I got my violence in high def ultra-realism
All a part of this great nation
I got my fist I got my plan I got survivalism“ (Refrain des NIN Songs ‚Survivalism‘)

Am 24. und 25.3.07 gastierten NIN zusammen mit THE POPO in der ausverkauften Columbiahalle.
Als Anheizer für NIN machten THE POPO eine ausgesprochen gute Figur. Die Vertreter des „Post-Hip-Hops“ (gelungene bandeigene Stilbezeichnung) passten mit ihren bizarr-chaotischen Ergüssen à la ‚Funtimes on the Frontline‘ oder ‚London Falling‘ perfekt in die erwartete endzeitliche Abendatmosphäre. Das optische Auftreten von THE POPO unterstützte dabei das trashige post-whatever Bild. Ob 70er-Jahre-Sonnenbrille, Piratenoutfit, Turban oder Muppet-Show-T-Shirt (Monster), das organisierte Systemchaos schien optisch und musikalisch seinen Ausdruck gefunden zu haben. Für eine zusätzliche aber angenehme Unruhe sorgten THE POPO dabei durch permanente Rotation an den Instrumenten. Ob nun Taliban oder Monster am Schlagzeug, Pirat oder Hippie an den Keys, das Resultat blieb überwältigend: dreckig-rotzige musikalische Gesellschaftskritik.

Die Umbaupause verdeutlichte eindeutig den Perfektionismus, mit dem TRENT REZNOR zu arbeiten pflegt. Mit der Präzision eines Uhrwerks installierte eine Schar von Roadies die Details der Bühnenausstattung. Von der Decke wurden silberne Lampenkonstruktionen herabgelassen, die mich etwas an überdimensionale IKEA-Küchenlampen erinnerten. Ein weiteres Highlight der Umbaupause war ein ca. zwei Meter großer Trent-Papp-Dummie, der zur Ausrichtung der Bühnenbeleuchtung vor TRENTs Mikrofonständer platziert wurde. Merkwürdigerweise erhielt selbst dieser Papp-Kamerad einen Applaus für die Erfüllung seiner Aufgaben. Die pure Vorfreude auf das kommende Highlight schien so einige der Gäste etwas zu verwirren.

Dementsprechend überwältigende Beifallsbekundungen erwarteten TRENT REZNOR, als diese „lebende Legende“ die Bühne der Columibahalle betrat. Ohne größere Ansprachen und Lobeshymnen ging es jedoch sofort ans Tagesgeschäft. Mit der zu erwartenden Präzision hämmerte die NIN-Maschinerie ihre Töne durch die Boxen und versetzte die anwesende Menge in Ekstase. Schon mit dem ersten Ton bildete sich ein riesiger Tanzkessel, der sich etwa vom Bühnenrand bis zur Höhe des Mischpultes erstreckte. Dabei hielt es auch die Gäste auf den Rängen nicht mehr in ihren Sitzen. Über ca. 90 Minuten wurde getanzt und Textkenntnis bewiesen. Hin und wieder hörte man in den ruhigeren Bereichen der Halle ältere Konzertgänger (alles ab Ende 20) in Erinnerungen an vorangegangene NIN-Erlebnisse schwelgen, und manch ein Hardcorefan wurde bei offensichtlichen Bekehrungsversuchen von „Anfängern“ ertappt.

Zu den Protagonisten:
Zum derzeitigen Live-Lineup der NINE INCH NAILS gehören neben TRENT (der einzigen wirklichen Live-Konstanten sowie dem Herz der kreativen Prozesse) AARON NORTH (ehemals THE ICARUS LINE) an der Gitarre, JEORDIE WHITE (auch bekannt unter seinem ehemaligen Pseudonym TWIGGY RAMIREZ) am Bass, ALESSANDRO CORTINI (MODWHEELMOOD) an den Keys und JOSH FREESE (A PERFECT CIRCLE und THE VANDALS) am Schlagwerk. Also Profimusiker, die eigentlich schon durch ihre eigene Anwesenheit eine gewisse Aufmerksamkeit erregen sollten und über genügend Live-Erfahrungswerte verfügen, um jeden Song in der Perfektion einer CD-Aufnahme zu präsentieren.

Glaubt man, NINE INCH NAILS gehören inzwischen zum Alteisen der Musikindustrie, so irrt man. Zwar sind die „sexy“ Jugendjahre des TRENT REZNOR inzwischen lange vorbei, aber die „Geburt“ eines musikalischen „George Clooney“ ist vorprogrammiert. Auch Mittvierziger können für Hysterien unter weiblichen Fans sorgen (dort erlebt). Ansätze für diese etwas gewagte These zeichnen sich auch im aktuellen Haarschnitt und dem bereits ansatzweise ergrauendem Haar ab.
Auch musikalisch widerlegen NIN die Alteisentheorie. Klar hat sich einiges im Sound verändert und es ist sicherlich nicht zu erwarten, dass man uneingeschränkt immer wieder das Rad neu erfinden kann. Vielmehr war deutlich eine einfache Weiterentwicklung zu spüren. So war der Live-Sound wesentlich gitarrenlastiger und die Gesamtarrangements hinsichtlich elektronischer Spielereien wesentlich minimalistischer als noch 2005. Dennoch galt: die Live-Arrangements klangen keinesfalls wie pures CD-Abspielen sondern zeigten Einfallsreichtum und Kreativität der Akteure. Gerade ältere Titel wie ‚Heresy‘ oder ‚Piggy‘ glänzten und überzeugten in ihrem neuen Bühnengewand.

Gekonnt gelang NIN eine Zeitreise von den Anfängen bis in die Gegenwart. In kritischer Perfektion reihten sich ältere und neuere Werke aneinander und erschufen eine im Wesentlichen düstere apokalyptische bis melancholische Gesamtatmosphäre. Year Zero war dabei durch die Titel ‚Survivalism‘ und ‚The Beginning of the End‘ vertreten. Eines der absolut spürbaren Highlights war der Song ‚Hurt‘. Seit „good old“ JOHNNY CASH sich diesem Titel gewidmet hat, gehört er wohl auch zu den bekannteren Werken von TRENT. Binnen Sekunden machte sich ein absolutes Gänsehautgefühl breit, und zeitweise übertönten Publikumsgesänge die High-End-PA der Bühne.

Mit dem Kracher ‚Head like a Hole‘ beendeten NIN einen unglaublich überwältigenden musikalischen Abend und verließen die Bühne ohne weitere Zugaben.

Glaubt man der Bühnenansprache von TRENT, so wird man sie in kurzer Zeit wieder erleben können. So heißt es: Erwartungsvolle Vorfreude.

[URL“>http://www.myspace.com/thepopomusic
[URL“>http://www.nin.com
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Autor: [EMAIL=christoph.albrecht@bands-in-berlin.com?Subject=Kontakt von der Website]Christoph Albrecht[/EMAIL]

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