NOAH AND THE WHALE am 16.09.2009 im Postbahnhof


Weinen aus Freude, wenn dir das Spaß macht.



Immer wieder fällt man, eigentlich noch in der Vorhalle des Fritzclub im Postbahnhof verharrend, darauf herein: den Beginn des NOAH AND THE WHALE-Konzertes verpasst zu haben – meint man doch, bereits das tiefe Organ des Sängers Charlie Fink durch die Hallen schallen zu hören. Immer wieder also eilt man zur Bühne, nur um zu erkennen: das ist nicht er, nein, lediglich der stimmverwandte Johnny Cash wird über Lautsprecher gespielt.



Erst kurze Zeit später treten fünf junge Herren aus verschiedenen Ecken auf die Bühne, NOAH AND THE WHALE, die bereits vor Ankündigung ihres einzigen Deutschlandkonzertes von sich reden gemacht haben – so erstaunlich war die musikalische Entwicklung, so unerwartet das plötzliche Eintauchen in die musikalischen Sphären der Schwermut. So beeindruckend war dieser Wechsel, der uns diese Explosionen der Empfindsamkeit bescherte, so viel besser ist Finks Gesang geeignet, den Kummer nicht nur zu unterstreichen, sondern ihm gar als Grundlage zu dienen.

First Days of Spring, so der Titel ihres neuen Albums, ist eine Reise in die intimsten Gefühlsregungen Charlie Finks, bekanntermaßen Opfer einer Trennung von Mit-Bandgründerin Laura Marling, eine Trennung, die Auslöser zu sein scheint für ebendiese so deutlich artikulierte Melancholie. Nun steht man ihnen also gegenüber, Zeuge zu werden dieser öffentlich zur Schau gestellten Intimität. Charlie Fink als klarer Mittelpunkt der Bühne erklärt kurze Zeit später: „a song for everyone with a broken heart“, „a song for everyone who can’t get out of bed“. Begleitende Geige und Klavier gehen Hand in Hand mit Finks gesenktem Blick als Untermauerung dieser akzentuierten Empfindsamkeit.



Song für Song hat Fink nichts, für das es sich zu leben lohnt, Romantik gleich Verzweiflung gleich Einsamkeit. Doch nur der, dem alles genommen wurde, ist frei, alles zu tun. „So walk with me on this new spring morning, I’m a new baby weeping“. Und so mag ihr alter Hit, ‚5 Years Time‘ mit seinen fröhlichen Melodien an diesem Abend entrückt wirken, doch mangelt es ihm nichtsdestotrotz an keinerlei Authentizität. „There’ll be sun“, ein geschlagener Sänger, dessen Hoffnung auf eine bessere Zukunft irgendwo zwischen Cashs Bitterkeitslächeln und Finks Seelenkummer für kurze Augenblicke hervorzublitzen scheint. Verdrängung, Wut, Depression, Akzeptanz, Hoffnung – lebe, was du fühlst, was auch immer es ist, oder mit Klinger gesprochen: „Herz, tobe, spanne dich aus, labe dich im Wirrwarr!“



Das ist es, was uns dieser Mensch, zugegebenermaßen inzwischen in vollkommener Verdrängung seiner verblassenden Mitstreiter, hier vorlebt. Beim finalen ‚First Days of Spring‘ kann man jedoch trotz des im Song anklingenden Zukunftsglaubens nicht umhin, es Fink gleichzutun, auf die Knie zu fallen und entschuldigend zu flehen: bitte, kehre nicht zurück in die Machtbereiche der Fröhlichkeit, schenke uns noch mehr dieser musikalischen Trauer. Damit man weinen kann, weinen aus Empathie, weinen aus Schwermut, weinen aus Freude an der Melancholie.

http://www.noahandthewhale.com
http://www.myspace.com/noahandthewhale

Fotos © Sven Lüder
Autor: [EMAIL=lisa.forster@popmonitor.de?Subject=Kontakt von der Website]Lisa Forster[/EMAIL]

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