PATRICK WOLF am 01.10.2009 im Astra Kulturhaus


Bedingungslose Schwärmerei.



Wenn ein blonder Mittzwanziger gewöhnlicher Statur bekleidet mit um das Gesicht geschnalltem Lederspielzeug, selbstgebastelt anmutendem Federboa-Umhang und Union Jack-Overall eine Bühne betritt, würde das im Normalfall erst einmal anmuten wie eine zweitklassige Travestieshow. Wäre da nicht das im Hintergrund kaum zu ignorierende Kreischen, das selbigen Herren schon seit einiger Zeit auf die Bühne fordert. Diese immer noch kreischende Meute hört auch nicht auf, kollektive Hysterie zu zelebrieren, als eben dieser blonde Mensch mit Namen PATRICK WOLF beginnt, in betont lässig-arroganter Manier seine Präsenz auf der Bühne auszukosten.

Noch viel lärmender wird es selbstredend, als schließlich die ersten Töne seines Openers ‚Who Will?‘ angestimmt werden. Stimmlich perfekt und begleitet von vier Bandkollegen, führen technische Probleme kurze Zeit später zu einem Mittzwanziger, dessen Miene immer verhärteter, dessen Augenbraue immer höher gezogen wird, der Gipfel dieser Gespreiztheit wird schließlich mit dem Herumschleudern seiner Ukulele besiegelt. Doch nur einen Glitzerschwung später, und der Brite gebärdet sich plötzlich auf ganz andere Weise: die Arroganz weicht einer Freude über das Gewürdigt-werden, denn die Masse kreischt immer noch und kurze Plaudereien mit dem Publikum beginnen.

Doch es dauert nur eine weitere Bewegung im Schimmerlicht, und schon wird diese Maske wieder abgestreift. Plötzlich steht auf der Bühne ein Mensch, der ganz seriöser Sänger und begabter Musiker zu sein scheint. Beim am Klavier begleiteten ‚Bluebells‘ und dem von Geige untermaltem ‚Damarius‘ fällt es schwer, WOLFs momentan gespielte Rolle zu benennen, bis auffällt: es ist ganz einfach unverfälschte, authentische, musikalische Begabung, hervorgebracht mit einer Haltung, die als ernst zu bezeichnen durchaus zulässig wäre.

Doch schon bricht sich das Licht an seinem Glitzerlidschatten und der Musiker irisiert in neuen Farben: PATRICK WOLF ist auch Komiker, der unter Erheiterung des Publikums Witzchen macht und von Schweinefarmern erzählt. Nicht zu vergessen: er ist und bleibt auch ein Liberté, ein Verfechter der Selbstbestimmtheit, der in seinen Texten von Selbstfindungsprozessen und Kämpfen spricht. Dies alles zelebriert er auch auf der Bühne des ASTRAs, sein nur mit Lederstring bekleideter Hintern wird in die Menge gestreckt und PATRICK WOLF ist sich sicher: er ist nicht der einzige, der keine Lust mehr darauf hat, sich von irgendjemand etwas vorschreiben zu lassen.

Die Zugabe wird mit Stachelkostüm und dem grandiosen ‚Vultures‘ vom neuen Album The Bachelor beschlossen, und nun bleibt gar keine Zeit mehr, sich mit seiner changierenden Rollenfindung auseinander zu setzen. Doch das ist ja auch einerlei, denn das Kreischen des Publikums ist ihm ohnehin in jedem Fall gewiss.

http://patrickwolf.com
http://www.myspace.com/officialpatrickwolf

Autor: [EMAIL=lisa.forster@popmonitor.de?Subject=Kontakt von der Website]Lisa Forster[/EMAIL]

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