Phoebe Bridgers – Punisher

Da hat das Mädel im Skelettkostüm ganze Arbeit geleistet. Ganze Heerscharen junge Frauen fühlten mit PHOEBE BRIDGERS, als sie vor drei Jahren auf Stranger In The Alps ihre hässliche Trennung von RYAN ADAMS zu Gehör brachte und ansonsten auch wenig freudvolles zu berichten hatte. Diese Traurigkeit noch zu steigern ist mühselig, weshalb auf Punisher jetzt etwas neutraler auf die Welt geblickt wird, jedoch nicht weniger ernst. Mit den zwei Kolleginnen JULIEN BAKER und LUCY DACUS als BOYGENIUS und Kumpel CONOR OBERST (BRIGHT EYES) als BETTER OBLIVION COMMUNITY CENTER hat sie doch eigentlich alle Hände voll zu tun gehabt. Und doch ist ihr Zweitling da, produziert vom selben Team wie beim Vorgänger.

Mit ein Wenig Humor startet die Platte: kühle E-Gitarren- und Geige bereiten als Intro „DVD-Menu“ auf Ruhe vor. Schräge, atonale Folkgitarre baut danach „Garden Song“, in dem Bridgers von ihrer Jugend erzählt. Wieder ist da die Diskrepanz zwischen traurig-zartem Gesang und ehrlichen Lyrics. Poetisch ist das nicht.

„Kyoto“ klingt erstmal ganz unangestrengt: Indiepop mit einem durchaus leidenschaftlichen Gesang und Trompete im Refrain. Es wurde ja auch Zeit, sich vom ausgelutschten Sadcore etwas frei zu machen. Das Titelstück ergeht sich dagegen in Lofi-Ästhetik gehüllt. Während Phoebe vom „copycat killer“ singt, merkt man, dass sie auf das Songwriting ihres Gesangs viel mehr Wert legt, als auf die Instrumentierung, an der hier übrigens auch wieder Conor Oberst beteiligt ist. Im liebevollen „Halloween“ singt er mit.

Das Besondere bei Bridgers ist ja, dass sie auch ihre eigene Musikleidenschaft metatextuell einbaut: „Drowning out the morning birds with the same three songs over and over. I wish I wrote it, but I didn’t, so I learn the words, hum along ‚til the feeling’s gone forever.“ Wer sich selbst so postmodern erlebt, muss versuchen, das Erlernte zu übertreffen. Zum Beispiel wünscht man sich einen romantischen Lovesong, also konstruiert die Sängerin einen schleppenden Gitarren-Indie mit Lofi-Elementen namens „Moon Song“, in dem sie sich zugleich vom Pop abgrenzt: „We hate „Tears In Heaven“, but it’s sad that his baby died. And we fought about JOHN LENNON Until I cried.“ Diesmal sei es ihr Drummer MARSHALL VORE, dem sie als Ex gedenkt (jedoch viel schöner als zuvor Adams), erklärt sie in Interviews.

Die dauerhaft traurige Art zu singen, ermüdet den Zuhörenden. Wer jetzt immer noch auf den großen Wurf wartet, bekommt ihn mit „Savior Complex“: Wunderbar erleichtert und zärtlich singt hier Bridgers von einem schönen Moment einer Beziehung. Völlig unironisch setzen Geigen ein und funktionieren. Und wer sich fragt, ob mit TAYLOR SWIFT alles zum zeitgenössischen Pop gesagt ist, höre mal „ICU“. Das ist komplexer Pop ohne Klischees, ohne billigen Elektrotrash oder miese Lyrics.

Gegen Ende versucht sich die Gute sogar am Countryfolk und schafft es, ihn für sich zu instrumentalisieren („Graceland Too“). Diese schlaue Indie-Musikerin darf auch das. Mit Punisher zeigt sie, in was für einer Liga sie bereits spielt.

 

Phoebe Bridgers
Punisher
(Dead Oceans)
VÖ: 18.06.2020

www.phoebebridgers.com

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