PRIMAVERA SOUND FESTIVAL 2012 in Barcelona


Das Meer leise rauschen hören.



Den Weg zum Arc de Triomf in Barcelona zu finden, ist am letzten Mittwochabend im Mai nicht schwer. Anstelle auf die Handzeichen des sich nur spanisch verständigenden Busfahrers zu hören, muss man nur der Musik folgen, die heute im Rahmen des Primavera Sound Festivals vom Triumphbogen aus ertönt. Gerade füllt sie die sonnenerwärmten Straßen mit den Klängen des neuen Albums von The Walkmen, vor deren Sänger Hamilton Leithauser und seinen vier Bandkollegen sich auf den umliegenden Rasenflächen und vor der Bühne eine große Menschenmasse versammelt hat, was sicher auch dem freien Eintritt geschuldet ist. Später wird sie noch die Performance der Garagerocker Black Lips erleben, bevor es in einem Club unter anderem mit den Beach Fossils weitergeht.

Seit seiner Gründung im Jahr 2001 ist das Primavera Sound ein bemerkenswertes Festival, das neben seiner Hauptveranstaltung Ende Mai schon Monate vorher erste Bands nach Barcelona und andere Städte Spaniens und Portugals bringt. Direkt am Meer bläst den geschätzten 60.000 Zuschauern der leise Wind durchs Gesicht, während hinter den Bühnen Segelboote vorbeifahren und sich auf den Bühnen dieses Jahr Bands wie The Cure, Mazzy Star, Beach House, The XX, Refused, Wilco, Rufus Wainwright und viele andere das Geleit geben.
In Anbetracht des überwältigenden Line-Ups ist es besonders schön, dass dem Primavera nichts jener Mainstream-Festivals in Deutschland anhaftet, die oft vor allem auf Grund jugendlicher Bierleichen und klaustrophobischem Dauerstress vor den Bühnen im Gedächtnis bleiben. Ganz im Gegenteil kann man sich zum Beispiel auch in den ersten zehn Reihen vor Headlinern wie The Cure noch bewegen, ohne sofort die Ellenbogen und das Kopfhaar von zehn anderen Menschen am Körper zu spüren.

Dennoch gleicht auch beim Primavera das, was in den zwei Stunden Umbauphase vor derselben Gruppe passiert, der Audienz einer gottgleichen Gestalt. In deren Vorfeld wird gewettert, wer denn jetzt schon am längsten Fan sei und The Cure ja schon in den Achtzigern und wer auf jeden Fall schon auf am meisten Konzerten… und so weiter. Irgendwann ist die Bühne umnebelt und der Meinungsaustausch weicht einem kollektiven Jubel, der Robert Smith herausfordern soll, endlich die Bühne zu betreten. Man wird automatisch angesteckt von dieser Euphorie und auch Smith entweicht ein kleines Lächeln, als er schließlich erscheint. Man fragt sich kurz, was der Mann wohl dabei fühlen muss, für so viele Menschen musikalisches Idol zu sein und jetzt vor diesen Zehntausenden zu stehen, deren aller Aufmerksamkeit ihm gilt und die, wie sich herausstellen wird, jedes Lied singend, tanzend und filmend begleiten werden.

Im Vorfeld wurde angekündigt, dass The Cure an diesem Abend ein dreistündiges Konzert geben werden und ihr Live-Repertoire auf alte Songs ausweiten werden, was gleich zu Beginn auch mit einigen Desintegration-Songs geschieht. Später geht es weiter mit vielen weiteren solcher Hits wie ‚Love Cats‘ oder ‚Friday I’m in Love‘, nur von den ganz frühen Sachen wird bis auf das obligate ‚Boys Don’t Cry‘ nichts gespielt. In dieser großen Ansammlung ist es zum einen erstaunlich, wie viele dieser eingängigen Publikumserfolge die Band im Verlauf ihrer Karriere geschrieben hat, zum anderen fällt aber in der massenhaften Aneinanderreihung auch auf, wie die Lieder immer die gleiche Stimmung transportieren, wie man das von The Cure eben kennt.

Aus diesem Grund wäre es schön gewesen, noch ein paar mehr der euphorisch-verspielten ‚Boys Don’t Cry‘-Klassiker zu erleben, wie zum Beispiel das in seiner Catchyness unübertreffbare ‚Grinding Halt‘. Vielleicht lässt die Band, die an diesem Abend souverän und routiniert auf der Bühne agiert, diese Lieder aber auch aus, weil sie inzwischen in zahlreichen mehr oder minder expliziten Kopien zum Repertoire von Bands wie The Drums gehören, die zeitgleich auf einer anderen Bühne des Festivals spielen.

Interessant beim The Cure-Konzert ist auch, die Altersunterschiede der Konzertbesucher zu beobachten (man kann dabei getrost von Konzert-, nicht Festivalbesuchern sprechen, da ein Großteil des vorne stehenden Publikums nur für diese Band angereist scheint, wie man an Tagesbändern oder den vielen Fan-Shirts erkennen kann). Je nach Altersgruppe identifizieren sich die Besucher wohl entweder mit der betont naiven Weltschmerzstimmung, die in den Songs transportiert wird (die jüngeren), oder mit der Nostalgie, die ihnen die mit der Band verknüpften Erinnerungen bereitet (die älteren).

Nostalgie wird auch bei vielen herrschen, die es einen Abend vorher zu Mazzy Star führte. Die Band um Sängerin Hope Sandoval spielt auf einer Bühne, deren Hintergrund im unendlichen Meer verschwindet, was sehr an den ätherischen Sound der Gruppe reminisziert. Auf einer zusätzlichen Leinwand verschwimmen alte Schwarzweiß-Bilder mit ihren Erinnerungen, während Hope Sandoval mit einer Stimme zu singen beginnt, die genauso klingt wie vor 20 Jahren: weich, raumgreifend und überwältigend schön. Auch Mazzy Star tun ihrem Publikum den Gefallen, nur alte Lieder zu spielen, was oft zu einem Beifall nach den ersten zwei Takten führt. Man kann sich für verträumte Popsongs wie ‚Halah‘ oder ‚Fade Into You‘ aber auch kein besseres Setting vorstellen als ihre Einbettung in die Unendlichkeit zwischen Himmel und Meer.

Später wird auf derselben Bühne der spanische DJ John Talabot seine elektronischen Klänge in die Nacht schichten, deren mitreißende Wirkung sich zwar langsam, dafür aber umso stimmungsvoller aufbaut und so viele Menschen zum Tanzen bringt. Anderenorts ziehen ein paar Stunden früher Beirut Scharen von Menschen an, deren Musik live vor allem die anmutige Schönheit ihrer folkloristischen Blechbläsermelodien ausmacht. Nach Ende des Konzerts ziehen die Massen erst einmal zu keiner anderen Bühne weiter, denn der nächste Auftritt gilt The XX. Diese präsentierten an diesem Abend auch einzelne Lieder ihres im Herbst erscheinenden, zweiten Albums und arbeiten mit den von ihnen gewohnten Klangstrukturen: affektloser Gesang und schleichend-eingängige Popmelodien. Ihr glasklarer Sound lässt sich auch in einiger Entfernung von der Bühne noch perfekt wahrnehmen, The XX schimmern dunkel wie das Schwarz der heutigen Nacht.

Entscheidet man sich dennoch dazu, das Konzert vorzeitig zu verlassen, um sich auch noch Refused anzusehen, wird man mit genau gegenteiligen Emotionen konfrontiert. Gerade rechtzeitig zu ihrem Song ‚New Noise‘ an der Bühne angelangt, lässt sich nur staunen über die mitreißende Energie dieser Band, die zusammen mit den begeisterten Zuschauern zu explodieren scheint. Der Moment im Lied, wenn das sich über Minuten langsam steigernde Gitarrenspiel in Dennis Lyxzéns schreiendem Ausbruch kulminiert, hat eine Intensität, die vor allem dadurch bewiesen ist, dass sie sich nicht beschreiben lässt.
Sowieso sind es intensive Stunden, die Tage dieses Festivals, in denen sich oft nur dann ausruhen lässt, indem man sich entscheidet, die eine oder andere gute Liveperformance nicht oder nur im Hintergrund sitzend mitzuerleben. Ansonsten ist man hauptsächlich damit beschäftigt, von Bühne zu Bühne zu laufen, um dem tollen Line-Up gerecht zu werden.

Nachdem man sich am Freitag im sogenannten „Rockdelux“, der einzigen Sitzbühne in einem Kellersaal mit toller Akustik, von den Spielkünsten Laura Marlings überzeugen ließ, bleibt vor den bereits erwähnten The Cure noch Zeit für Rufus Wainwright und seine Band. Mit einem A capella-Einstieg lenkt dieser die Aufmerksamkeit gleich zu Anfang auf das überzeugendste Element seiner Musik, den Knabenchor-ähnlichen Gesang. Sicher finden all diejenigen Zuschauer, denen das oft Schlagerhafte von Wainwrights Liedern gefällt, Gefallen an dieser Performance, denn der Musiker und seine Band präsentieren sich gut gelaunt und musikalisch äußerst versiert.

Leider nur dumpf hallen später die elektronischen Stücke von M83 durch die Luft, das ständige „Barcelona! Barcelooona!“-Anfeuern durch die Bandmitglieder macht das nicht unbedingt besser. Schade, dass man dadurch die zeitgleich auftretenden Codeine verpasst hat. The Rapture vereinen schließlich zu späteren Stunden wieder den Großteil der Festivalbesucher, eingängig kreischend und Kuhglocken-lastig, wie man es von ihnen kennt.

Einen sich unendlich in den heißen Tag ziehenden Schlaf später ist schon Samstag, der am Nachmittag Sharon van Etten auf die große Bühne des Festivals bringt. Die ergreifende Melancholie ihres klagenden Gesangs wirkt jedoch vor allem in der intimen Atmosphäre eines kleinen Raums, wie die Sängerin später am Abend glücklicherweise mit ihrem zweiten Auftritt in der unscheinbaren, winzigen „Unplugged-Bühne“ beweist.

Möchte man sich eines der beiden Konzerte von Jeff Mangum, dem Liedsänger, -Gitarrist und –Schreiber von Neutral Milk Hotel ansehen, muss man sich zunächst mit einem Ticket versehen, um einen garantierten Sitzplatz im „Rockdelux“ zu erhalten und (gefühlten) kilometerlangen Schlangen vor dem Saal zu entgehen. Auch hier lohnt sich die Akustik, um Mangums Stimme in ihrer quengeligen Vollkommenheit zu genießen. ‚Two-Headed Boy‘, der Opener, sollte dabei nicht der einzige NMH-Titel bleiben, im Gegenteil werden einige weitere der In The Aeroplane Over The Sea-Stücke folgen. Die ursprünglichen Arrangements der Songs mit Schlagzeug, Hörnern, singenden Sägen oder Banjos fehlen dabei nicht, im Gegenteil wirkt es so, als wären diese Lieder nie anders arrangiert gewesen. Als wäre alles, was über Mangums dynamisches Gitarrenspiel, seine lyrisch-assoziativen Texte und die komplex-eingängige Struktur der Stücke hinausgeht, bereits zu viel, weil es sich gerade perfekt anhört.

Im Anschluss kann man weiterziehen zu den gut gelaunten Kings Of Convenience, die immer noch ganz überrascht sind, auf so einer großen Bühne zu spielen. Eirik Glambæk Bøe und Erlend Øye wirken erst einmal leise, besonnen und sehr an Simon & Garfunkel erinnernd, was sich auf der eben wirklich sehr großen Bühne ein bisschen verliert. Später kommt die Begleitband, Øye wird immer fröhlicher und langsam tanzen doch alle mit. Kollektiv strömt man danach zu Beach House, die ihr neues Album „Bloom“ präsentieren. Victoria Legrand verschwindet diesmal nicht nur hinter ihren Haaren, sondern zusammen mit dem Gitarrist Alex Scally auch im Hintergrund der Bühne, weswegen man sich ganz auf die Musik konzentrieren kann, die mit ihrer überzuckert schwermütigen Stimmung sehr zur nächtlichen Meeresluft passt, in der Atmosphäre aus riesiger Bühne und Zuhörerschaft aber auch ein bisschen versickert.

Die Nacht ist schon wieder weit fortgeschritten, als man sich schließlich mit den nostalgischen Elektroklängen von Washed Out umgibt. Das heißt, wenn man den Weg durch die riesenhafte Ansammlung gefunden hat, die den Weg um die Bühne versperrt, auf der Justice ihre Beats vom altar-artigen Pult aus in die Menge hämmern. Der schöne, melancholische Synthpop von Washed Out passt besser, um noch einmal die salzige Luft am Körper zu spüren. Noch einmal meint man, das Meer rauschen zu hören, bevor einen das Festival wieder in die Unruhe einer Stadt entlässt, deren Straßen von Menschen mit den neongelben Armbändchen dieses Festivals bevölkert sind. Sicher haben nicht wenige den Gedanken an eine baldige Wiederkehr fest im Kopf.

www.primaverasound.com

Autor: [EMAIL=lisa.forster@popmonitor.de?Subject=Kontakt von der Website]Lisa Forster[/EMAIL]

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