Seed To Tree – Wandering

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Erst vergangene Woche spielten sich die luxemburgischen Jungs von SEED TO TREE bei der von POPMONITOR präsentierten Konzertreihe Across Berlin mit ihrem melancholischen Indie-Folk einmal quer durch die Berliner Club-Szene. Kurz zuvor haben GEORGES GOERENS (Singer-Songwriter/ Akustik-Gitarre) und BENJAMIN RENZ (Bass) die zehn Tracks ihres Debütalbums Wandering kommentiert. Hier sind ihre ausführlichen Kommentare:

UNTIL IT GETS BETTER

Georges: Einer der letzten Songs, die wir geschrieben haben. Wir haben uns stark auf den Groove fokussiert. Die Frage ist immer: Wie können wir mit Drums und Bass den Song in eine bestimmte Richtung lenken? So entstand der Disko-Beat, der im Verse sehr präsent ist. Das geht gut nach vorne und hebt den Song etwas ab.

Benjamin: Wir haben ihn an den Anfang gestellt,  weil er sicherlich ein bisschen easy listening ist. Wir haben viele Songs wie „Tree“, die mit ihrem langsamen Intro eher in die dramatische, epische Richtung gehen. So etwas wollten wir nicht an den Anfang setzen, damit die die Leute nicht das Lied hören und sagen: „Oh, wat is dat denn?!“ (lacht)

Georges: Natürlich mögen wir den Song, aber er ist eben sehr eingängig. Ich denke nicht, dass er uns in allen Facetten widerspiegelt, aber wir spielen ihn sehr gerne live, weil da das Rhythmische sehr gut funktioniert. Lyrisch gibt es einen roten Faden, denn mein Zugang zu den Dingen beruht immer auf eigener Erfahrung. Ich spreche nicht gerne über Politik und dergleichen, als hätte ich die Lösung für alles. Trotzdem teile ich meinen subjektiven Zugang gerne mit und versuche meine Meinung so auszudrücken, dass jemand anders sie nachvollziehen könnte. Das ist eher eine demütige Art ein Vielleicht in den Raum zu werfen und Platz für eine eigene Meinung zu lassen.

TAKE MY HAND

Benjamin: Ein bisschen dancy! Als Musiker, der schon etwas länger dabei ist, muss ich sagen: Strukturell ist das Lied super einfach. (lacht) Und dennoch: Live macht der Song total Spaß und kommt an. Ich weiß nicht, ob ich sagen sollte, was unser Aufnahmeleiter dazu gesagt hat? Egal! Der meinte, dass wir den Song nicht auf unser Album machen sollten.

Georges: Ja, er sagte, dass das einer unserer schwächsten Songs sei. Wir haben auf jeden Fall einiges daran geändert. Der war noch länger, rhythmisch sehr ähnlich und dann haben wir da noch zwei, drei kleine Änderungen vorgenommen und eine recht freshe Klavierspur reingepackt.  Das Feedback zu diesem Lied war seither gut genug, um zu sagen, dass es auf das Album soll. Ich glaube, dass er das jetzt auch nicht mehr sagen würde.

Benjamin: Ich finde, das hat ein schönes abruptes Ende. Eigentlich würde man denken, dass es noch weitergeht. Machen wir manchmal live auch.

FUTURE FRIENDS

Georges:  Den Song habe ich letztes Jahr geschrieben, als ich für ein Erasmus-Semester nach Frankreich bin. Wenn man vor einem Neuanfang steht, stellt man sich viele Fragen. Man weiß, was man hatte – man weiß nicht, was man kriegt. Vor allem ist da diese Diskrepanz im Jetzt zu stehen, die Vergangenheit zu betrachten und gleichzeitig schon in eine Zukunft hineingeworfen zu werden. Der Song handelt von der Hoffnung, dass meine neuen Freunde so toll sein werden wie die, die ich bisher hatte. Plötzlich fehlt einem die Basis an Sicherheit, die einem Familie, Freunde und Gewohnheiten geben. Andererseits macht das den Reiz aus. Jetzt bin ich zurück und kann sagen, dass ich neue Freunde gefunden habe. Man ist in diesem Fall der eigene Schmied seines Glücks und hat es in der Hand – je nach dem, mit welcher Attitüde man an die Sachen herangeht. Wenn ich etwas gelernt habe, dann dass es keinen Grund gibt, Angst zu haben.

Benjamin: Musikalisch fällt mir auf, dass das Lied zwei Teile besitzt. Das Ende hat mit dem Anfang eigentlich gar nichts zu tun. Das beginnt ein wenig 60s und klischeehaft von den Akkorden und dann geht es auf einmal in so einen Groove hinein. Könnte man als alte und neue Freunde interpretieren

Georges: (lacht) Schon okay! Ist tatsächlich klischeehaft.

LACK OF CHILDHOOD

Georges: Wieder eine persönliche Story! Es geht um meine kleine Schwester. Anfangs haben wir das Lied immer „Cuter Than Anyone“ genannt, aber das fanden die Anderen wieder klischeehaft. Ich kann das nachvollziehen.

Benjamin: Ich dachte immer, es geht um deine Freundin. (lacht)

Georges: Das wäre mir dann zu klischeehaft. Wenn ich mal wieder nach Hause komme und sehe, wie meine kleinste Schwester gewachsen ist, dann denke ich mir, dass sie immer noch die Kleine ist. Ich fand ihre Pubertät sehr ausgeprägt und konnte das als erwachsenerer Mensch aus einer anderen Sicht miterleben. Ich dachte mir:  „Oha, so ist man dann also drauf!“. Bei ihr fand ich es ganz süß, wie sie die Welt sieht, ihre Freunde wechselt und zwanghaft versucht, nicht mehr Kind zu sein. Das legt man irgendwann ab, weil man kein Problem mehr damit hat, auch mal etwas Kindisches zu machen. Bei ihr ist es wichtig, wie man sich darstellt. Dieses Phänomen fand ich interessant. Manchmal ist sie dabei auch weniger süß, aber ich wollte auf eine sehr liebe Art und Weise sagen, dass ganz egal, wie doof sie sich benimmt, wir sie mögen.

I WAS HERE BEFORE YOU

Benjamin: Lange gereift! Der ist zur gleichen Zeit entstanden wie  „Both Sides” und „Lack Of Childhood”. Musikalisch einer der interessantesten und schwersten Songs! Der Rhythmus ist triolisch aufgebaut und nicht super einfach zu spielen, aber trotzdem bringen wir den live.

Georges: Chorus und Verse sind hier sehr verschieden und dadurch ist dieser Umschwung nicht ganz einfach. Mir liegt der Song auf jeden Fall sehr am Herzen, weil er eine gewisse Tiefe entwickelt und am Schluss ein langes Outro hat, mit dem wir uns musikalisch Platz lassen können. Tatsächlich ist das live auch einer meiner Lieblinge. Der entwickelt zwischen uns eine Connection. Lyrisch handelt der von der Kindheit und davon, wie man sich verändert und in Konventionen zwingen lässt. Dann reflektiert man sich und stellt fest, wie viel weniger Gedanken man sich einmal gemacht hat und wie man geworden ist – mit all den Problemen und Möchtegern-Problemen.

NOW IS FOREVER

Benjamin: Most cheesy song ever! (lacht) Das habe ich jetzt so nicht gesagt. Ist aber schon einer von den eher leicht verdaulichen Songs. Geht schön ab!

Georges: Ich finde den gut! Hat Mandoline drin. Ich bin so der Typ der Band, der auf dieses ganze amerikanische Folk-Zeug steht. Ich habe das gerade als Teenager viel gehört. Das ging von Bon Iver über Mumford And Sons und dann diese kleineren Bands, die aber alle ein ähnliches Genre spielen. Ich bin schließlich auch der Typ mit der Akustikgitarre. Auf jeden Fall ist das ein Song, den wir extra puristisch gehalten haben. Der ist nicht crazy schwer vom Aufbau, aber der treibt und macht Freude.

WANDERING

Georges: Das ist ein alter Song, den ich vor drei Jahren geschrieben habe. Simpel, aber trotzdem mit Tiefe. Der hat gerade live eine ganz eigene Dynamik. Die Leute werden still. Da entwickelt sich eine Magie und ich glaube, der überzeugt durch seine Ehrlichkeit, weil da noch ein recht naiver Songwriter spricht. Die Basis ist eben relativ leicht, die Lyrics sind nicht kompliziert, aber ich glaube, irgendetwas liegt dennoch in der Luft.

Benjamin: Kleine Anekdote: Als wir angefangen haben uns auf den Song zu konzentrieren, hatte ich gerade eine Affäre, die leider nicht gut ausgegangen ist. (lacht) Ich weiß noch, dass der Song meine Stimmung voll getroffen hat und ich beim Spielen fast angefangen habe zu heulen. (lacht) Musikalisch schon deswegen ein Highlight, weil ursprünglich ein Gitarrensolo dabei war. Es ist weg, weil speziell der Gitarrist meinte, dass das mittlerweile abgedroschen sei. Jetzt ist da ein Klaviersolo. Sehr schöne Melodie!

Georges: Und schon wieder ein roter Faden: Unsere Musik ist nie wirklich glücklich, nie wirklich traurig. Man muss schon sagen, dass es keinen Song von uns gibt, der nicht wenigstens eine kleine melancholische Note besitzt. Dieser Song ist ein Sinnbild eines Songs voller Melancholie. Ganz nach dem Motto: Ich weiß gerade nicht, wo ich mit meinem Leben stehe.

BOTH SIDES

Georges: Ich finde, dass das ein ganz geiler Song ist. Meistens haben wir beim Songwriting eine klare Chronologie. Ich komme mit einem Song aus ganz billigen Akkorden und Text mit nur einem Verse und Chorus und dann sage ich: „Hey, das habe ich in fünf Minuten geschrieben!“. Nachher wird alles gemeinsam überarbeitet und am Schluss ist alles ganz anders. Ich glaube, dieser Song war so einer,  den jeder aus der Band für sich beanspruchen würde. Benni würde sagen: „ Das ist doch der mit der Bassline!“. Ich hatte davor ein Interview von Bloc Party gelesen, die meinten, dass sie immer mit einem Beat beginnen. Daraufhin meinte ich zu dem Drummer: „Yo, spiel mal nen Beat! Wir schreiben hier jetzt einen Song!“ (lacht) Der war gut und dann meinte der Gitarrist: „Yo, hier noch ein paar Akkorde!“. Jeder hat jeden inspiriert und einen ganz markanten Teil entwickelt.

Benjamin: Das war vor zwei Jahren. Wir waren da im Ferienhaus der Eltern unseres Drummers im Norden von Luxemburg eingeschlossen – mehr oder weniger.

Georges: Lyrisch geht es um die Eltern-Kind-Beziehung. Bei meinen Eltern ist es extrem, wie sie immer zum gleichen Resultat kommen, aber die Herangehensweise ist ganz verschieden. Meine Mutter ist immer emotional und mein Vater ist der rationale Denker. Das sind zwei Seiten, die schon als kleiner Junge auf mich eingewirkt und mich geprägt haben. Ich trage beide in mir. Manchmal ist das ein Clash, aber auf jeden Fall bin ich dafür sehr dankbar.

DANCING ALONE

Benjamin: Eines meiner Lieblingslieder! Der ist easy, der ist dancy, der macht Spaß. Er ist relativ kurzfristig kurz vor den Aufnahmen entstanden.

Georges: Finde ich auch! Der ist ein bisschen jazzy am Anfang und dann löst sich das auf und wir zu einem ganz guten rhythmischen Tune. Ich finde, das tut unserem Set immer ganz gut. Man kann da ganz gut auflockern und die Ernsthaftigkeit nehmen. Es hat mal jemand eine Review geschrieben und der meinte, dass dieser Song noch mal die Leichtfüßigkeit sei, die man brauchen würde, um das das Feuerwerk des letzten Songs genießen zu können. Straight to the point!

TREE

Georges: Das ist auch ein sehr alter Song und ich würde ihn nicht ersetzen wollen. Wir spielen den fast immer am Ende des Sets und das setzt mit den Bläsern und Streichern immer noch mal ein episches Ende. Der beginnt sehr ruhig und intim und dann kommt ein langer Aufbau über sechs Minuten. Nach Konzerten sagen auch viele, dass das alles gut war, aber der letzte Song sei großartig gewesen. Da fällt meistens auch schon der Druck von den Schultern und man genießt einfach nur noch. Für mich hat das etwas von Filmmusik. Das ist für mich auf jeden Fall ein Highlight.

SEED TO TREE
Wandering
(Believe Digital)
VÖ: 13.03.2015

www.seedtotree.net

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