SEIDENMATT – Berliner Act des Monats September 2005


Immergut-Auftritt, Spex-Story, hervorragendes neues Album: Mit fesselnder, Postrock-geschulter Instrumentalmusik in eine erfolgreiche Zukunft? Die Weichen sind gestellt.



Live-Update: SEIDENMATT am 20.09.06 (mit CHIKINKI, THE MICHELLES + SISTER LOVE) im Lido

Die in der jetzigen Besetzung seit gut dreieinhalb Jahren existierende Berliner Band SEIDENMATT (Florian, Jan, Matthias & Martin) ist ebenso wie viele andere beteiligte Musiker in die komplexen Indie- und sympathischen Do-It-Yourself-Strukturen rund um das für geschmackssicheren Indiepop und -rock stehende Berliner ‚Sinnbus‘-Label (mit Bands wie Torchous, Kam:As, Kate Mosh, Masonne etc.) eingebettet und auch aktiv in die Labelarbeit involviert.
Auf ihrem neuen Album mit dem etwas sperrigen, aber süffisant-amüsanten Titel If You Use This Software Often – Buy It (IYUTSO-BI) setzt die Band im weiten Feld postrockaffiner, instrumentaler Gitarrenmusik verstärkt auf die Intensivierung des auf ihrem 2003er Debütalbum Wasserluft eingeschlagenen Weges und aller bereits dort hervorstechenden Ingredienzen, sprich: der einzelnen Teile. Das Album wirkt reifer und durchdachter, ja ’songorientierter‘, die ruhigeren Parts erklingen dichter und atmosphärischer, Elektronik und Keyboardflächen werden ökonomisch, aber äußerst effizient eingesetzt, und auch die sich in bester Mogwai-Manier stoisch auftürmenden Gitarren- bzw. Soundwände beeindrucken mit einer den Raum durchflutenden voluminösen Fülle und Anmut, wie es ohnehin vermehrt ‚rockige‘ Parts auf dem Album gibt.

Im Vergleich zu Wasserluft, das aufgrund einer damals lockereren und experimentelleren Herangehensweise hinsichtlich Aufnahme und musikalischem Output noch offener und verspielter daherkam, scheint die Band diesmal also – auch mit produktions- und aufnahmetechnischer Unterstützung des befreundeten und von der Band hoch geschätzten Thom Kastning von Kate Mosh – schon eher mit einem konkreten Masterplan an die Aufnahmen gegangen zu sein, was auch die Band so sieht: „Natürlich klingt das neue Album reifer, weil wir jetzt ja auch schon länger zusammen Musik machen. Eigentlich sind wir auch erst nach der ersten Platte und den anschließenden Konzerten zu einer richtigen Band geworden. Bei den Aufnahmen zu Wasserluft stand noch eher das Spielerische, ein Ausprobieren im Vordergrund. Nach der überraschend großen Resonanz ist dann irgendwann ein Bewusstsein dafür entstanden, dass da in Form eines neuen Albums was nachkommen muss. Drei, vier Stücke existierten schon länger, die haben wir auch schon einige Zeit live gespielt, die restlichen Songs haben wir dann konkret im Hinblick auf die Aufnahmen zur neuen Platte geschrieben, auch wenn man bei uns ja nicht unbedingt von ‚Songschreiben‘ im engeren Sinn sprechen kann.“

Songwriting bedeutet bei SEIDENMATT ohnehin eher, dass eine Idee eines Bandmitglieds oder auch einfach nur ein Sound oder eine Harmoniefolge aufgegriffen und in den Probesessions weiterentwickelt, verfremdet oder variert wird, bis letztlich von der ursprünglichen Idee nicht mehr allzu viel übrigbleibt. „Auf Wasserluft haben wir erst mal einfach drauf losgespielt. Damals gab es das Sinnbus-Label auch noch nicht in der jetzigen Form, und wir wussten eigentlich auch erst gar nicht, dass da jemals ein Album draus entstehen würde. Wir haben einfach Stücke aufgenommen, die wir erst hinterher verändert und verbessert und auch live immer wieder anders präsentiert haben, während wir beim neuen Album schon mit relativ fertigen Songs an die Aufnahmen gegangen sind. Aber auch diese sind eigentlich nur als eine Art Momentaufnahme zu betrachten, sie werden in ein, zwei Jahren auch anders klingen. Zum Teil spielen wir sie live auch jetzt schon anders, was sich bei unserer Art von Musik natürlich generell einfach anbietet und es auch für uns spannender macht.“



Im dritten Song ‚Bergen‘ halten überraschenderweise auch erstmals echte (Gesangs-) Vocals Einzug in den bislang ausschließlich instrumental gehaltenen Seidenmatt-Kosmos. „Wir haben am Anfang und auch in früheren Bands schon immer mal mit Gesang herumexperimentiert, uns aber irgendwann nicht nur aus der Not heraus, dass von uns keiner so wirklich singen kann, sondern zu einem gewissen Teil auch unseren musikalischen Vorlieben folgend für Instrumentalmusik entschieden. Dass das nun aber keinesfalls als Dogma zu verstehen ist, sieht man ja jetzt am neuen Album, auf dem wir ganz bewusst auch mal was mit Gesang machen wollten, und dafür bot sich der sehr markante und charakteristische Gesangsstil vom Sänger der mit uns befreundeten Dresdener Band Polarkreis 18 an, weil er einfach sehr gut zu unserer Musik passt.“

Generell denkt man bei instrumentaler sowie atmosphärisch-getragener Gitarrenmusik natürlich schnell an Bands wie Mogwai oder Sigur Ros, und stärker noch als auf ihrem Debüt lassen sich diese Einflüsse in Stücken wie ‚Serial Killer‘ oder dem abschließenden ‚TH Uwe PT.2‘ doch ziemlich explizit ausmachen, auch wenn das natürlich nicht in der Absicht der Band liegt. „Sicherlich lassen wir uns von Bands, die wir mögen, beeinflussen, und dazu gehören neben vielen anderen natürlich auch Bands wie Mogwai oder Sigur Ros. Dennoch gibt es natürlich schon gravierende Unterschiede, wie beispielsweise die stärkere Songorientierung, die Ryhthmus-Betonung oder auch die Länge der Stücke, doch sobald man natürlich gewisse, für andere Bands sehr charakteristische Elemente in seinen Sound integriert, kommen natürlich schnell Vergleiche zu den bekanntesten oder ersten Bands eines bestimmten Genres auf. Generell lassen sich sicherlich viele Parallelen, aber ebenso viele Unterschiede ausmachen.“

Vom ihr derzeit entgegengebrachten Feedback ist die Band nahezu überwältigt, sei es, was die enthusiastischen Reaktionen auf ihre Live-Auftritte oder auch die guten bis euphorischen Album-Kritiken betrifft. Spielten sie in diesem Jahr einige Gigs zusammen mit anderen Bands (u.a. als Support für Mono aus Tokio) und einige Festivals wie das Immergut („Ein absolutes Highlight“) oder zuletzt das Mamallapuram in Storkow, sehen sie nun natürlich der ab Ende September anstehenden ersten Tour als Hauptact, die sie auch nach Italien und Polen führen wird, schon mit großer Vorfreude und Spannung entgegen. Zudem wird ihr Album über den Kontakt zur schwedischen Band September Malevolence – und somit wieder dem allumfassenden Netzwerk-Gedanken Rechnung tragend – via Tenderversion auch in Skandinavien veröffentlicht, was ihnen voraussichtlich auch dort einige Gigs ermöglichen wird. Generell scheinen also – im sicherlich noch recht überschaubaren Rahmen – die Weichen für eine erfolgreiche nähere Zukunft gestellt zu sein, auch wenn eine Band wie SEIDENMATT insgesamt natürlich immer noch mehr Geld in ihre von großem Idealismus geprägte Leidenschaft investiert als einnimmt.

Die Record-Release-Party zum neuen Album wird übrigens erst im Oktober im Rahmen des tipwoch im frannz-Club stattfinden. „Das hat eigentlich ganz pragmatische Gründe: Zum einen gibt es dann schon eine Menge Presse zur Ende September startenden Tour, zum anderen veranstaltet man ja so eine Party u.a. auch für Freunde und Kollegen, die im Sommer – in den Semesterferien – zum Teil nicht in Berlin sind. Außerdem haben wir bis dahin auch noch genügend Zeit, uns etwas Besonderes für das Konzert zu überlegen und das Ganze am Ende der Tour als eine Art Homecoming zu zelebrieren.“

Interview mit Martin, Florian & Jan: Alexander Eckstein & Thomas Stern

www.seidenmatt.de
www.sinnbus.de

Autor: [EMAIL=thomas.stern@b-i-b.de?Subject=Kontakt von der Website]Thomas Stern[/EMAIL]

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