SIVA – Berliner Act des Monats August 2007

„Wir sind alle Popkinder.“



Sie zählen zweifelsohne zu den aufgehenden Sternen am Berliner Indiepop-Himmel: SIVA haben gerade ihr Album-Debüt vorgelegt. Hinter dem etwas kryptischen Titel The Story Is Complete, But I Think We’ve Lost The Book verbirgt sich ein Kleinod voller potentieller Lieblingslieder für den Rest des Jahres. ANDREAS BONKOWSKI, Kopf der Band, erklärt im Interview, wie die Platte entstanden ist.

BiB: Zunächst einmal Glückwunsch zu eurem ersten Album.

ANDREAS BONKOWSKI: Vielen Dank!

Ihr habt euch dafür u.a. sechs Monate mit THOM KASTNING (Kate Mosh) im Studio verschanzt. Wie lange habt ihr denn insgesamt – angefangen mit ersten Songentwürfen bis zum fertigen Produkt – gebraucht? Was waren die Hürden, die es zu überwinden galt?

Oh, also an Hürden gab es so einige, die es zu überwinden galt, bis die Platte tatsächlich komplett fertig war. Das erste Album ist ja meist eine Art Sammelsurium, so etwas wie eine Zusammenstellung der besten Songs der Band bisher. Das trifft auf unsere selbst auch zu einem (wenn auch kleinen) Teil zu. Da gibt es Songs, die schon seit zweieinhalb Jahren herumschwirren, aber auch Songs, die schon eher mit dem Album im Hinterkopf geschrieben wurden. Die Arbeit am Album begann für mich im Frühsommer 2005, als ich eine sehr hohe Dichte an neuen Songs festgehalten hatte. Das ergab sich dadurch, dass ich endlich selbst und wann ich wollte Demos und Ideen aufnehmen und daran arbeiten konnte. Die Aufnahmen mit Thom begannen Ende Januar 2006 und waren als Drei-vier-Wochen-Block geplant, danach sollte alles fertig sein. Es hatte sich dann aber schnell herauskristallisiert, dass die Zeit nicht reichen wird, um es so umzusetzen wie gedacht. Wir spielten damals noch in anderer Besetzung, als Trio plus Laptop, und ich lernte zur gleichen Zeit unseren jetzigen Keyboarder NILS FRAHM kennen. Da ergaben sich plötzlich auch vollkommen ungeahnte Möglichkeiten, die wir umgehend für das Album nutzten. Schon allein deshalb hat es sich rückblickend sehr gelohnt, mehr Zeit zu haben für das Album, sich näher mit der Songauswahl und der Umsetzung beschäftigen zu können. Kaum waren die Plattenaufnahmen an sich im Herbst beendet, verließen meine damaligen Kollegen aus Zeitgründen die Band und ich stand mit einer quasi fertigen Platte alleine da. NILS kam dann mit ins Boot, über ihn auch SEBASTIAN SINGWALD, unser Bassist und Keyboarder. Durch die gute und ereignisreiche Zeit, die ich mit Kate Mosh im letzten Jahr verbringen durfte, sowohl im Studio als auch auf Tour, lernte ich JENS GATHEMANN besser kennen, der als Schlagzeuger unser neues Bandgefüge Anfang des Jahres abrundete. Also eine Menge, was zwischenzeitlich passierte, denn erst ab diesem Punkt waren wir wieder in der Lage live zu spielen und die Labelsuche verstärkt anzugehen. Und als wären alle Hürden von vorneherein bestimmt gewesen… die Platte trug in meinem Kopf die ganze Zeit ihren Titel The Story Is Complete, But I Think We’ve Lost The Book‚. Nach all dem was passierte, war es auch ein Anliegen diesen Titel beizubehalten. Auch als Erinnerung an die ganze Zeit davor.



Wie weit hat sich die Band bzw. die Musik im Laufe der Produktionsphase verändert?

Im Grunde hätte sich alles nicht mehr verändern können, als es tatsächlich geschah: Eine komplette Umbesetzung innerhalb eines halben Jahres, viele neue Songs, die sich immer mehr elektronisch auszurichten begannen und viele Möglichkeiten der Arrangierung, die sich schon alleine dadurch boten, dass sowohl NILS als auch SEBASTIAN unheimlich vielseitige Musiker sind, die einiges an verschiedenen Instrumenten beherrschen. Das erweitert die Idee und den Wirkungskreis der Band immens. Erst recht auf der Bühne. Wir sind jetzt so viel besser dazu in der Lage, die ruhigen Momente in unserer Musik auch beruhigter und filigraner umzusetzen. Viele der Albumsongs haben wir für die Bühne noch etwas anders gestaltet. Früher war alles näher an den Albumversionen, was nicht immer locker umzusetzen war. Jetzt ist das Bild ein weiteres Mal gebrochen, und das macht es für uns alle noch einmal interessanter, als es ohnehin schon war.

Wie ist der Einfluss von THOM KASTNING einzuschätzen, wie viel hat die Band (oder du) selbst noch zum Feinschliff beigetragen?

Unsere Wahl fiel auf THOM, da wir seine Arbeit an Alben befreundeter Bands wie Seidenmatt sehr zu schätzen wissen und da er auf einen natürlichen Sound der Instrumente Wert legt, insbesondere das Schlagzeug, was mir persönlich sehr am Herzen liegt. Abgesehen von Soundfragen, hatte THOM vor allem Einfluss auf die Gesangsaufnahmen, die ich allein mit ihm gemacht habe im Studio. Da ergab sich ein geduldiges und austestendes Team aus uns beiden und wir versuchten die richtigen Stimmungen festzuhalten mit jedem Wort. Die Platte wurde von THOM und mir in Zusammenarbeit produziert, wir haben beide Ideen und Verbesserungen in den Topf geworfen. An manchen Tagen saß ich allein im Studio und habe über allen Songs gesessen und mich um Feinheiten gekümmert und verbessert. Oder einfach neue Ideen ausprobiert.



Wieviel Einfluss hatten denn die anderen Bandmitglieder noch auf’s Songwriting und das Endprodukt? Wie entsteht der typische SIVA-Song, wie ist die Aufgabenverteilung?

Die jetzige Besetzung hat sich ja erst nach Abschluss der Albumproduktion gefunden. Was das erste Album angeht, sind alle Songs von mir geschrieben und arrangiert worden, was die Arbeit daran manchmal ein wenig erschwerte, wenn man zu nahe an der eigenen Arbeit war und sich in Details verlor. Viele Instrumente wurden von NILS und mir aufgenommen, zeitgleich aber unabhängig von der eigentlichen Albumproduktion. Das war dann auch gleich ein ganz anderes Arbeiten, und man kam auch auf ganz andere Ergebnisse als hätte man das alleine ausbrüten müssen. Bis heute stammen alle SIVA-Songs von mir, auf unserer letzten Tour-CD-R befindet sich der erste Song, dessen Ursprungsidee nicht bei mir lag, ‚Winter Ends‘, ein Stück das mir außerordentlich am Herzen liegt.
Unsere Songs entstehen jedes Mal auf eine etwas andere Weise. Manchmal steht man in der Küche und urplötzlich muss man alles fallen lassen, weil man eine Melodie im Ohr hat, die festgehalten werden will. Also stürzt man zum nächsten Instrument oder zum Computer und versucht es zu fassen. Manchmal ist auch ein Text der Ursprung von allem. Ich schreibe und arbeite sehr assoziativ und selten mit einem konkreten Plan im Hinterkopf. Einfach immer wild drauflos. Da lässt man die Dinge einfach geschehen. Besonders dieser Ansatz führt einen zu anderen Zielen. Das ist so eine „stream of consciousness“-Sache, man überlegt nicht, während es passiert. Manchmal mache ich Demos und nur die Eckpunkte stehen für den Song. Und dann heißt es spontan sein!
Eine feste Aufgabenverteilung gibt es nicht bei uns, da jeder von uns eine Menge Ideen hat. Die einzige Konstante ist, dass ich die Texte schreibe für alle Songs.
Das Album ist ja eine Art Startlinie für uns, da war mir auch wichtig, dass das visuell auch genauso gedankenverloren und etwas wirr wirkt wie meine Arbeitsweise eben ist. Deshalb war auch das Artwork und die Gestaltung etwas, zu dem ich sehr viel beigetragen habe, zusätzlich zu den wunderbaren Illustrationen von unserer befreundeten Künstlerin ROMY BLÜMEL, die das Artwork zieren.

Ihr beschreibt das Album als „Skizzenbuch an Ideen und Worten und auch eine Geschichte an sich“. Kannst du das ein wenig ausführen? Worum geht es? Oder ganz klassisch: Was will uns der Künstler sagen?

Das hat unheimlich viel mit unserer Arbeitsweise zu tun: Festhalten, wenn einem was einfällt, und später aus dem großen Hut das Passende ziehen für den Song, oder aber auch das Einfangen des Moments, der einem viel bedeutet. Oder in Zukunft viel bedeuten wird und sich noch gar nicht ereignet hat. Der Plattentitel ist ja durchaus selbstironisch, könnte aber wahrer nicht sein, denn bei all den Wirrungen, die halt manchmal unseren Weg mit der Band gezeichnet haben, haben wir trotzdem das Gefühl, ein wenig mehr angekommen zu sein bei uns. Und trotzdem ist so vieles offen und nicht bestimmt von uns.
Melodien fliegen eher durch den Raum und wollen festgehalten werden, ich setz‘ mich ja nie hin und schreibe eine Melodie. Das wäre mir zuwider und hat für mich auch nichts mit Inspiration zu tun. Das ist Handwerk, was einem weiterhilft manchmal. Aber der Grundstein ist es bei mir nie. Da spiele ich lieber nur drei Töne auf der Gitarre, aber dafür die, die ich fühle und nicht die theoretisch die angebrachtesten wären…
Rückblickend bemerke ich immer mehr, wie sehr ich in den Songs von Dingen erzähle die meist noch gar nicht geschehen sind, aber durch die Zeit hinweg mir jetzt viel mehr bedeuten. Jemand eng Vertrautes meinte das vor kurzem im Hinblick auf die Platte zu mir: „Weißt du, meist wird immer geschrieben mit dem Blick nach hinten, zur Aufarbeitung. Aber du schreibst immer nach vorne und man hat trotzdem das Gefühl dass Erlebtes mitschwingt und einem die Richtung weist.“ Das hat mich sehr berührt und durchgeschüttelt zugleich. Denn einen solchen Blick hatte ich bisher gar nicht auf meine Texte, aber es stimmt durch und durch. Ein Stück wie ‚Opinion Leader‘

The Story Is Complete, But I Think We’ve Lost The Book erscheint bei DevilDuck Records, einem Label, das bislang eher dafür stand, interessante ausländische Bands (z.B. Friska Viljor) bei uns bekannt zu machen. Wie sind die auf euch oder ihr auf das Label gekommen? Gab es andere Alternativen? Was hat den Ausschlag für Devilduck gegeben?

DevilDuck Records begleiten uns schon seit einer kleinen Weile. Der Kontakt kam über unser Management zustande im letzten Jahr, und als die Zeit reif war, gaben wir ihnen das Album. Wir schätzen sie sehr, weil man weiß, woran man ist bei ihnen. Das ist kein Label, das „hurra“ sagt und „naja“ denkt und dementsprechend arbeitet. Nein, nein. Da hört man immer eine ehrliche Meinung, auch wenn sie einem vielleicht nicht immer zusagen mag, aber das kann zu sehr, sehr guten Lösungen führen. Wir fühlen uns dort gut aufgehoben, weil wir uns dort verstanden fühlen mit dem, was wir tun. Und wir wollten nicht den Fehler machen, da größer einzusteigen, es gab auch anderweitiges Interesse an uns. Alles fühlt sich richtig an gerade und ist wahrscheinlich auch programmatisch für unser bisheriges Schaffen als Band. Alles langsam und sorgfältig wachsen zu lassen, aber dafür ein Fundament zu haben. Uns gibt es mittlerweile knapp über fünf Jahre in denen unheimlich viel passiert ist bei uns, allerdings recht wenig veröffentlicht wurde auf der Gegenseite. Weil wir mit Bedacht den Zeitpunkt wählten, uns an ein Album zu wagen. Es muss sich für uns immer gut anfühlen zunächst, das schubst dann den weiteren Umgang damit an. Gerade im Moment sind wir allerdings interessanterweise eher spontan mit unserer Musik. Und das gibt jede Menge frischen Wind in die Segel ;)

Mitte bis Ende September geht ihr nun deutschlandweit auf Tour. Welche Ambitionen verbindet ihr sonst noch mit der Platte?

Wir wollen sehr viel live spielen und uns nach der langen Studiozeit in Richtung Leute bewegen. Jetzt wo die Platte gerade erschienen ist, haben wir einen großen Drang danach, überall zu spielen und natürlich auch neue Lieder zu schreiben. Es wird dieses Jahr noch viele weitere Konzerte geben und auch nächstes Jahr werden wir ein Auge auf Festivals haben. Denn wir wollen das, was uns so viel bedeutet, nach außen tragen. Unser erstes Album ist ein guter Ausgangspunkt, man hat sich positioniert in dem, für was man stehen will. Aber es gibt viele neue Ideen, was innerhalb unserer Musik passieren kann. Das ist extrem aufregend für uns, und wir sind gespannt, wohin uns das führen mag.

Das Album:

SIVA
The Story Is Complete, But I Think We’ve Lost The Book
VÖ: 20.07.2007
(DevilDuck/ Indigo)

www.siva-music.de
www.myspace.com/sivaofficial
www.devilduckrecords.de

Fotos: © MARTINA HOFFMANN, TARMINA.DE
Autor: [EMAIL=sebastian.frindte@bands-in-berlin.com?Subject=Kontakt von der Website]Sebastian Frindte [/EMAIL]

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