SOAP&SKIN am 17.12.2009 im Berghain


Der Begriff „Angst“.



Mit jedem Tropfen, der einem auf der spärlich beleuchteten Toilette zum Händewaschen dient, wird es voller und dunkler. Jeder Schritt zurück ist ein Schritt in die stickige, riesenhafte Freske einer Lagerhalle, eine gereihte Ansammlung massenhafter Individuen blickt nach vorne ins Dunkle. Dumpfe Bässe schleichen sich durch die Millimeter kleinen Lücken zwischen Schulter und Schulter, vorbei an Beton, vorbei an Augen, die fast erloschen sind. Hallend hört man Schweine grunzen. Verzerrt, wieder Bässe, dann ein Sprung in die Höhe, um zu erkennen: das Klavier auf der Bühne, rechts eine Ansammlung eines kleinen Streicherensembles. Zu gedrängt, lähmend voll, geht man wieder unter in der Schulter- und Gesichtsmasse. Hände und Zehen, vorne ein blaues Licht, das sich auf der Haarpracht einer Person spiegelt, die sich nur auf Grund tönender Klänge vermuten lässt. Bis man sich umdreht: Scheinwerfer werfen in einiger Vergrößerung die klavierspielenden Hände an graue Lagerwände. Sie erklingen von rechts, links, oben, unten, dazu beschwört ein verstörender Gesang Thanatos, den Todesgott, als einzigen Ausweg aus dieser grauen blinden Masse. „Ages of delirium, curse of my oblivion“, eine Stimme, dann zwei Stimmen konstruieren ein Klagediorama der Angst, das unbestimmter nicht sein könnte.

Vereinzelt erschütternde Schreie, plötzlich ein verzerrtes Gesicht links, weiß bestrahlt, blauer Dunst, der gleich darauf entgleitet, um sich wieder aufzulösen. Töne sind Schläge auf den Kopf, Nacken, Brust und Hüfte, es ist ein Flehen um Hilfe, das letztendlich resigniert und mitten im Lied abbricht. Die balladenhafte Depression der Melodien entsteht aus der Angst: Seelisches, das sich aufbäumt zu Körperlichem, Schwindel, der zum artikulierten Taumel wird, in dem Moment, wenn es einsetzt: ihre hauchende, klagende, schreiende Stimme, das defätistische Klavier, Geiger, Streicher, frostklirrende Klangflächen. Anja Plaschg nimmt einen an der Hand, um zusammen in die unergründliche Tiefe eines Abgrunds zu schauen; eine Formulierung, die sie selbst doch nie verwenden würde: ihre Auseinandersetzung mit individuellen Schmerzerfahrungen ist ein in sich gekehrter, verschlossener Prozess, der keinerlei Bedürfnis nach einer Sucht des Gefallens erkennen lässt, sich im Verborgenen hält und uns jeden Aufklärungsversuch zurück ins Gesicht prallt, sie selbst im Dunkeln, die Masse angestrahlt.

Wenn SOAP&SKIN schließlich mittig auf der Bühne platziert ist, um einen jiddischen Klagegesang anzustimmen, sind konfundierende Empfindungen restlos zu irritiert faszinierter Ratlosigkeit zerflossen. Es gibt keinen klaren Einblick, der hier unser Bewusstsein reinigen könnte. Es war ein Versuch, SOAP&SKIN in ihrem Versteck aufzusuchen, um sie ins Tageslicht der bildhaften Anschaulichkeit zu erheben, dessen Scheitern in der Dunkelheit noch lange nachhallt.

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Autor: [EMAIL=lisa.forster@popmonitor.de?Subject=Kontakt von der Website]Lisa Forster[/EMAIL]

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