SOAP&SKIN am 26.03.2009 im Festsaal Kreuzberg


Kunst kommt von Können.



„Ich kenn sie von Spiegel online, da hab ich schon vor Ewigkeiten was über sie gelesen.“
„Ja, aber ich hab sie schon bei einem Stück über Nico gesehen. Ich bin extra zu einem Termin mit Publikumsgespräch gegangen. Dann saß ich ihr direkt gegenüber und hab doch tatsächlich vergessen, sie zu fragen, welches Arrangementprogramm sie benutzt!“

Es war klar, dass sich hier ein Kräftemessen der vermeintlich intellektuellen Elite beobachten lassen würde. Wer hat Anja Plaschg als erster entdeckt? Wer kann am besten interpretieren, was da auf dem Debütalbum der 18-Jährigen passiert? Im schummrigen Licht des Festsaals Kreuzberg wollte man zeigen, wie sehr man drin war im Hype um SOAP&SKIN, dem großen Ding aus Österreich.

Das große Ding ist eigentlich nur ein junges Mädchen. Eine gerade mal Volljährige, die komplett in schwarz klammheimlich auf die Bühne klettert. Schon beim verhuschten „Hallo“ war klar, dass auf der Bühne heute nicht viel mehr geredet werden würde. Lediglich die Nebelmaschine vermochte es, ein paar Worte aus Anja Plaschg zu locken. „Schaltets die Maschine aus.“ Österreichischer Dialekt, ganz kurz, danach nur noch ein „Danke“ nach jedem Stück.

Überhaupt macht Anja Plaschg den Eindruck, als wäre sie lieber alleine. Auf der Bühne zumindest ist sie es, nur ein schwarzer Flügel und ein Laptop stehen hier. Mehr gibt es auch nicht zu hören. Aber was heißt das schon – mehr ist nicht notwendig. Die zarten Finger fahren über die Tastatur, entlocken ihnen wunderschöne Melodien, ab und zu wird ein Knopf am Computer gedrückt um dichtere Soundflächen oder Geräusche abzuspielen. Nach jedem Lied legt sie den Applaus abwartend die Hände in den Schoß wie ein Schüler nach dem Vorspiel. Ohne ein Wort erklingen die nächsten Töne. Die zersausten Haare hängen um das blasse Gesicht, die Augen sind rot unterlaufen oder so geschminkt, ein perfektes Gesamtbild einer introvertierten Person, die sich in ihrer Musik ganz zu verlieren scheint. Säuselnd und schreiend kämpft sie sich durch ihre Lieder und nur ein Mal, als der Computer zu lange braucht und eine ungewollte Pause entsteht, sieht man ein Lächeln im Gesicht der Österreicherin.

Nach einer halben Stunde steht Anja Plaschg auf und verschwindet, die Bühnenbeleuchtung erlischt, an Stelle dessen leuchtet rotes Licht. Irgendwann taucht das gefeierte Wunderkind von Computerbeats untermalt auf und schreit und schimpft gegen das Publikum, sich selbst oder imaginäre Geister, während sie über die Bühne springt. Dann setzt sie sich wieder hin und haut wie besessen auf ihr Klavier ein. Durch die Vibrationen fällt ein Wasserglas (aus dem sie immer wieder trinkt, allerdings nicht ohne sich vorher vom Publikum abzuwenden) auf die Tastatur. Das Wasser wird einfach mit der Strickjacke vom Klavier gewischt und es geht weiter. Weiter mit der gespenstischen Stimme, mit dem Bild der melancholischen Künstlerin, das voll und ganz ausgefüllt wird. Entweder eine große Rolle oder eine große Bürde in so jungem Alter. Man möchte sich nicht vorstellen, was in diesem Kopf los ist. Ein Mensch, der solche Melancholie ertragen muss, ist wenig beneidenswert. Jedoch zeigt sich wieder, dass wahre Kunst nur im Leid entsteht.
Beim letzten Stück steht Frollein Plaschg ohne Klavier am Bühnenrand, von oben angeleuchtet. Das lässt sie noch geisterhafter erscheinen. Den Blick starr ins Leere gerichtet, zieht sie ihr Ding durch und marschiert anschließend in den Backstage-Raum.

Es wird viel geklatscht. Gejohle und Schreie sind nur ganz vereinzelt wahrzunehmen. Das ist Kunst und kein Pop. Die Künstlerin lässt sich auch tatsächlich noch zu einer Zugabe hinreißen, bevor sie endgültig geht und das verdutzt oder bezauberte Publikum zurück lässt. Einen Tag später findet man den ein oder anderen Interpretationsversuch in den Tageszeitungen. Der Tenor wird begeistert sein, andere vielleicht verteufeln die ganze Künstlichkeit. Vielleicht muss man aber auch nicht immer über alles reden und kann es einfach mal irgendwie finden. Merkwürdig befremdlich, aber doch schön zum Beispiel.

www.myspace.com/soapandskin

Autor: [EMAIL=melanie.gollin@popmonitor.de?Subject=Kontakt von der Website]Melanie Gollin[/EMAIL]

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