SORRY GILBERTO – Memory Oh


Das Flattergespenst in der Gartenlaube – Folk wie eine Tiermotivtapete.



Wie ein abgewetzter einäugiger Teddy an der Hand eines Mädchens, das noch nicht schlafen will, scheint es manchmal, das erste wirkliche Album des Berliner Duos SORRY GILBERTO. Das erste wirkliche Album also. So ist es – wirklich, einfach und echt.

Man kann sich kaum vorstellen, dass solche Musik in einem Studio entsteht. Ein einfacher Kassettenrekorder im Schlafzimmer, ein Mikrofon und die Aufnahmetaste. Oder an der Bushaltestelle. Oder auf dem Dach. Alles klingt eher spontan und auch nicht im geringsten so, als sollte es der Öffentlichkeit zu Ohren kommen. Höchstens einer Weinrunde im Freundeskreis. Das liegt daran, dass sich SORRY GILBERTO nicht mit großen Problemen beschäftigen, Weltpolitik und zerstörerischen Herzschmerz gibt es in ihrem Kosmos nicht. Stattdessen gibt es Supermärkte, dreckige Pools und Anekdoten über Neil Young und die Beatles. Wie es in ‚Sweet Song‘ schon heißt: Die Lieder erzählen „about not much“. Das ist schon schön. Hinzu kommen nun aber manchmal sehr minimale musikalische Untermalungen, die sich nie weiter als in ein Gitarrenlied steigern.

„I want to sing you a silly song, ‚bout nothing special […] It will make you dance in front of your bathroom mirror“, singt Anne von Keller – mehr wollen sie auch gar nicht. Mit Jakob Dobers kreiert sie einen vierzigminütigen Reigen um die verschrobene Folkmusik. Hier steckt Liebe drin. Mal singen die beiden zusammen, mal gehört dem einen ein Lied ganz allein. Anne bedient Bass, Casio und ein Gerät namens Rodeo 37, das rein vom Klang auch für das „Riff“ von ‚Da, Da,Da‘ verantwortlich sein muss, einen ähnlichen Sound hört man dann auch bei ‚Love But Zero‘, in dem es um einsame Nächte unter Bettdecken mit Tiermustern geht. Unterdessen untermalt Jakob mit Ukulele und Gitarre die kleinen in deutschestem Englisch gehaltenen Singer/Songwriter-Schätze.

Diese haben so viel gemeinsam, wie sie sich unterscheiden. ‚Last Book‘ wäre ohne seinen Refrain ein waschechter Leonard Cohen, ‚Supermarket‘ könnte man auch von der Tante im Kindergarten vorgesungen bekommen, während ‚When The Beatles Went To India‘ auf Deutsch fast ein Funny van Dannen-Song sein könnte. Nur bezaubernder. Die Instrumente tun ihr Übriges, das das Gesamtwerk perfekt macht. Eben noch ein einsamer Drum-Computer, im nächsten Lied eine warme akustische Schrammelgitarre, beides zusammen oder in ‚Oslo Song‘ schließlich eine Flöte, wie aus einem „Pitti Platsch“-Hörspiel. Wer sich glücklich schätzen kann, „Das Flattergespenst in der Gartenlaube“ sein eigen zu nennen, weiß, was gemeint ist. Memory Oh ist schwermütig und unbeschwert, zauberhaft wie melancholisch. Und ein ganz und gar entzückendes Album.

SORRY GILBERTO
Memory Oh
(Goldrausch-Records)
VÖ: 08.09.08

www.sorrygilberto.de
www.myspace.com/sorrygilberto
www.myspace.com/goldrauschrecords

Autor: [EMAIL=melanie.gollin@popmonitor.de?Subject=Kontakt von der Website]Melanie Gollin[/EMAIL]

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