THE MAGNETIC FIELDS (+ Darren Hanlon) am 06.07.2008 in der Passionskirche


Sakrales, Profanes und Blasphemisches im harmonischen Einklang mit brillanten Melodien und großartigen Stimmen.



Es gibt tatsächlich eine Webseite über „Australia’s Big Things“, und Gympie, die alte Goldgräberstadt in Queensland, ist stolzer Besitzer einer überdimensionalen Ananas, wie DARREN HABLON mit fostersbierernster Miene dem Publikum mitteilt. Der Singer/Songwriter, der an jenem Abend in der Kreuzberger Passionskirche für das Warm-Up für THE MAGNETIC FIELDS zuständig ist, hat noch so einige weitere interessante Details über seine Heimatstadt zu berichten: „Gympie ist bekannt für zwei Dinge, die niemals im selben Kontext aufeinandertreffen sollten: Countrymusik und Waffen“. Die Publikumssympathie war somit gewonnen. HANLON ist so ein typisches Exemplar eines auf dem Boden der Realität gebliebenen, lässigen und unprätentiösen Aussies, der viel und gerne mit seinen Zuhörern interagiert, Liederwünsche annimmt und am Ende seine CDs noch selbst am Merchandisingstand verkauft. Es hilft auch ungemein, dass seine Lieder mit Titeln wie ‚Happiness Is A Chemical‘ und ‚Punk’s Not Dead (she’s just gone to bed)‘ zugleich lustig und schön anzuhören sind. Ein Mann, eine Gitarre, Romantik und Humor – es fehlte nur noch ein anständiges Lagerfeuer.

Sakrale Andächtigkeit tritt ein, als THE MAGNETIC FIELDS ihre Plätze auf der Bühne einnehmen. Ohne große Ankündigung geht es direkt los mit ‚When I’m Out Of Town‘ von Stephin Merritts Nebenprojekt „The 6ths“. Einem leise aufkeimenden Harmoniegefühl wird dann erst einmal ein Dämpfer versetzt: „Turn off your videocameras. No photographies please“. Oh, Herr Merritt ist wohl nicht ganz so gelassen wie der australische Vorsänger. Die Fronten sind geklärt, jetzt kann sich auf das Wesentliche konzentriert werden. Herausstechendstes Merkmal hier natürlich: Das Set ist akustisch. Kein Synthie, keine Drums, nur fünf Menschen, eine Gitarre, ein Klavier, ein Cello und Stephin Merritts Bazouki. Die Reduktion auf das Essentielle tut gerade solchen Songs wie ‚California Girls‘ aus dem aktuellen Album Distortion gut, bei der Shirley Simms mit ihrer Stimme, die Merritt übrigens treffenderweise mit „as pop as it gets“ beschreibt, glänzt. Bei ‚All My Little Words‘ wird ihr vokales Repertoire perfekt ergänzt durch die zur Location passende engelsgleiche Stimme von Pianistin Claudia Gonson, die hierbei die schönste Textzeile des Abends von sich gibt: „Now that you’ve made me want to die, you tell me that you’re unboyfriendable“. Im ersten Teil des Konzerts sticht neben ‚Too Drunk To Dream‘ mit seinem sober/shitfaced-a-capella-Beginn vor allem der Zungenbrechersong ‚Water Torture‘ hervor.

Nach einer kurzen Rekreationspause werden noch einmal zehn Lieder gespielt und mit ‚Grand Canyon‘ schließt sich der Kreis zu DARREN HANLON: Stephin und Claudia erzählen den Berlinern von den in Nordamerika so bekannten „Paul Bunyon and Babe“-Statuen, eine dem Publikum nicht ganz so verständliche Huldigung an einen Holzfäller und seinen Ochsen. „If I was Paul Bunyan I’d carry you so far away, but I’m just me“ ist das tragikomische Fazit. Stephin Merritt wäre nicht Stephin Merritt, hätte er nicht seine messerscharfe Ironie und seinen Humor Marke „extradry“. Bei ‚Papa Was A Rodeo‘ betritt er die Kanzel und predigt mit großen, pathetischen Gesten zu seinem Volk. Das muss ihm wohl besonders gut gefallen haben, ließ er sich doch nicht einmal von dem daraufhin einsetzenden Blitzlichtgewitter stören. Abschließend wird es mit ‚Zombie Boy‘ von „The Gothic Archies“, einem weiteren Nebenprojekt des Bandleaders, noch einmal nekrophil, und unter den drei Zugaben ist auch endlich ‚Three-way‘, das in der akustischen Version durch das virtuose Gitarrenzupfen von John Woo nichts mehr von der Psychocandy-Süße des Originals hat, sondern einfach nur fantastisch klingt.

Ein letztes Lied (‚The Book Of Love‘, einer der 69 Lovesongs des gleichnamigen Albums) und weg sind sie, auf nach London und Dublin. Wahrscheinlich wird ihnen ein Großteil des Publikums folgen, denn auffallend neben dem gehobenen Alter war vor allem die Internationalität der Anhängerschaft. Wahrscheinlich wird Claudia Gonson dort dann auf die Designerschuhträgerinnen treffen, die sie beim Berliner Konzert so vermisst hat und Stephin Merritt kann seinen Bariton mit einem ordentlichen Single Malt weiter in Richtung Brummbär modellieren. Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

www.myspace.com/themagneticfields
www.houseoftomorrow.com
www.darrenhanlon.com

Autor: [EMAIL=sandra.wickert@popmonitor.de?Subject=Kontakt von der Website]Sandra Wickert[/EMAIL]

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