THE MAGNETIC FIELDS – Love At The Bottom Of The Sea


Liebe und andere Absurditäten. Das Album bis Sonntag im kostenlosen Stream!



Der gemeine THE MAGNETIC FIELDS-Fan bekommt mit Love At The Bottom Of The Sea wofür er/sie die Band schätzt: STEPHIN MERRITT und Konsorten liefern Popmusik, die sich selbst nicht allzu ernst zu nehmen scheint – auf den Gedanken kann man schon aufgrund des comichaften Albumcovers kommen. Aber auch wenn keiner der ‚kleinen‘ Songs über mehr oder weniger als zweieinhalb Minuten andauert, ist der Anschein von Flüchtigkeit trügerisch. Denn gerade, wenn man es sich mit der einen exzentrischen Nettigkeit gemütlich gemacht hat, tritt MERRIT mit einer anderen Neon-getränkten Komposition auf den Plan. Die Eindrücke einer Achterbahnfahrt drängen sich auf, die einen schüttelt und beutelt, man sich schwindelig und berauscht zugleich fühlt und man hungrig bleibt nach mehr.

Wie dem auch sei, gehen mit der Veröffentlichung von Love At The Bottom Of The Sea nicht unwichtige Wendungen einher. Da wäre zum Beispiel die Tatsache, dass die Band wieder bei Merge Records gelandet ist. Das Label promotete THE MAGNETIC FIELDS Anfang der 90er als DIY-Synthiepop-Halbgötter, und so passt es auch, dass die Band die Keyboards abgestaubt und wieder für sich entdeckt hat.

Der süße Duft von frischer Verliebtheit umgibt die fast schon klassischen Songs wie ‚Get Lost‘ und ‚The Charm of the Highway Strip‘. Angereichert werden sie mit MERRITTs umfassenden Platten-Kenntnissen und den Essenzen aus den Pop-Folk-Cabaret-Experimenten der späten 1960er und frühen 70er Jahren. Dieses Recycling ist seit dem universalen Album 69 Love Songs Usus.

Jenes Triple-Album von 1999 war damals die letzte Veröffentlichung für Merge Records und stellt ein interessantes Vergleichsobjekt für die aktuelle (und zehnte) Langspiel-Veröffentlichung dar. Wie damals scheint eine mit Süße gefüllte Wolke unaufhörlich Glückseligkeit zu regnen. Und auch der Modus der Albumerschließung ist ähnlich: nachdem sich der vielleicht anfängliche Eindruck, THE MAGNETIC FIELDS machten lediglich banale Spaß-Musik, nicht bewahrheitet und auch die folgende Erkenntnis, dass es sich um Parodien auf solche Nippes-Musik handele, verworfen werden muss, gibt sich die wirklich hohe Qualität des Songmaterials zu erkennen. Doch auf Love At The Bottom Of The Sea ist eine gewisse Reifung der Band eingeschrieben. Die Gesangsparts und Melodien zeugen von mehr Selbstbewusstsein und Gewissheit, als es im Genrespiel von 69 Love Songs aufgenommen ist.

Der Rückgriff auf Synthesizer ist kein Rückschritt und unterläuft dabei keinesfalls die Fortschritte, die THE MAGNETIC FIELDS in puncto Textqualität erarbeitet haben. So sind auch die schmächtigeren Songs wie die alberne Fantasie ‚I’ve Run Away To Join The Fairies‘, das kuriose ‚Born For Love‘ im Counter-Macho-Ton und der bittere Showtune-Stampfer ‚The Horrible Party‘ wunderbar ausgearbeitet und liebenswert vorgetragen – obwohl sie nicht wirklich von Substantiellem handeln.

Worum es MERRITT tatsächlich zu gehen scheint, sind: die bisweilen grausame Ironie der Liebe, nicht nachvollziehbare Anziehungen zwischen Menschen, die Unmöglichkeit von Empathie in einer Gesellschaft gekennzeichnet durch das Nebeneinander von Bedeutungslosigkeiten und romantischer Desaster. In den ersten drei Tracks des Albums ist dies deutlich zu spüren. Der Opener ‚God Wants Us to Wait‘ verspottet das Zölibat und kombiniert dafür einen dunklen HUMAN LEAGUE-Vibe mit unverhohlenen Sticheleien gegen all jene, die sich für den Herrgott aufheben und sogleich den Drang verspüren „the dew on her hem“ („den Tau auf ihrem Saum“ …) zu berühren.

Magnetic Fields, ‚Andrew In Drag‘ from Christie Brown on Vimeo.

‚Andrew in Drag‘ erzählt die Geschichte eines Hetero-Typen, der sich wünscht, sein Dragqueen-Kumpel sei entweder eine tatsächliche Frau oder – und das wäre ihm lieber – er selbst würde schwul werden und könnte sein Freund Andrew (in drag) hernehmen. Das sexuelle Dilemma wird von MERRITT mit einem simplen, dennoch mitreißenden Refrain perfekt ausgeschmückt. Der wohl amüsanteste Song ist ‚Your Girlfriend’s Face‘. Es geht hier darum, einen Schläger anzuheuern, der den Partner des Objekts der Begierde ordentlich aufmischen soll. Zeilen wie „blowing off her face“ und „being buried alive in crystal meth“ sind dabei eher erheiternd als schockierend.

Im Mittelteil verzetteln sich THE MAGNETIC FIELDS in nicht durchweg überzeugenden Ideen. Das abschließende Song-Triplett ist dann aber so durchschlagend wie jenes, das die Platte eröffnet. ‚I Don’t Like Your Tone‘ ist ein charmanter Love-and-Hate-Battle. ‚Quick!‘ ist stark und baut auf ein PHIL SPECTOR-mäßiges Melodrama auf; es trällert sich durch seine eindringlichen und flehenden Lyrics. Und schließlich ‚All She Cares About is Mariachi‘, welches tatsächlich um nichts gehen mag, aber ungemein unterhaltsam ist.

‚Unterhaltsam‘ ist hier nicht abfällig gemeint, denn für MERRITT ist dieses Prädikat eine Auszeichnung. Ein knapp 30-Minütiges Album soll wohl auch eher als beglückender Zuckerrausch, denn als zeitloser Meilenstein verstanden werden:

Zur Veröffentlichung von Love At The Bottom Of The Sea stellen THE MAGNETIC FIELDS die neuen Songs im Stream zur Verfügung. Bis kommenden Sonntag (04.03.) kann das Album noch kostenlos angehört werden.

THE MAGNETIC FIELDS am 24.05.12 live in Berlin in der Passionskirche

THE MAGNETIC FIELDS
Love At The Bottom Of The Sea Album
(Domino Records)
VÖ: 02.03.2012

www.houseoftomorrow.com
www.myspace.com/themagneticfields
www.dominorecordco.com

Autor: [EMAIL=alexandra.wolf@popmonitor.de?Subject=Kontakt von der Website]Alexandra Wolf[/EMAIL]

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