THE TELEVISION PERSONALITIES – My Dark Places

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Nach elf Jahren in der Versenkung ist die Lieblingsband von Kurt Cobain und spürbare Inspiration für Pete Doherty wieder zurück – reduzierter als je zuvor.



DANIEL TREACY – und mit ihm auch THE TELEVISION PERSONALITIES – war so lange verschwunden, dass diese Band im Grunde aus dem Musikbewusstsein verschwunden war. Vor mittlerweile 29 Jahren, 1977 also, erschien neben [i]Nevermind The Bollocks Here’S The Sex Pistols[/i] auch DANIEL TREACY erstmals auf der Bildfläche. Und was war eine seiner ersten Taten innerhalb der florierenden Londoner Musikszene? Er macht sich mit dem legendären ‚Part Time Punks‘ über den Hype lustig. Aber, auch wenn man es angesichts der Song- und Albentitel – das vorerst letzte Album (1995) hieß [i]I Was A Mod Before You Was A Mod[/i] – anders denken könnte, der humorvolle Umgang mit anderen beschäftigte DANIEL TREACY weit weniger als die schonungslose Selbstreflexion. Der Humor ist zwar allgegenwärtig, steht aber nicht im Vordergrund, sondern ist vielmehr der Honig, der die bittere Medizin erträglich macht. Und das ist bis heute so geblieben.

Dass die Einflüsse aus elf Jahren Abwesenheit, in denen TREACY schon für Tod gehalten wurde, er sich aber eigentlich seiner „Leidenschaft“ für Drogen hingegeben und eine Gefängnisstrafe abgesessen hat, auf die Person DANIEL TREACY keine harmonische Wirkung hatten, kann man sich denken und auf [i]My Dark Places[/i] auch sehr gut hören. Textlich wie musikalisch waren auch frühere TELEVISION PERSONALITIES-Songs weder eingänglich noch in irgendeiner Form ausgeglichen, aber die neuen Songs sind um ein Vielfaches verstörender, chaotischer und in der Regel eher Skizzen von Songs.

Gleich der Opener ‚Special Chair‘ wird durch einen ständig wiederholten Klavieranschlag schmerzhaft unrhythmisch. Die erste Single ‚All The Young Children On Crack‘ ist ein Wechsel aus Akustikgitarrengezupfe und einem von Klatschen begleiteten Hip-Hop-Beat, auf den TREACY einredet. Beängstigend verzweifelt und undistanziert beschreibt er seine Gefühlslage mit ‚Sick Again‘ und bei ‚Knock It All Down‘ rechnet er voller Selbstzitate depressiv sondergleichen mit sich ab. Die Frage, wie Velvet Underground ihren Sound hinbekamen, beschäftigt ihn bei ‚Velvet Underground‘.
Sein Lieblingsthema ist und bleibt aber die Liebe, aber eben nur, wenn sie nicht so recht funktionieren mag. ‚Ex-Girlfriend Club‘, ‚I’m Not Your Typical Boy‘, ‚No More I Hate Yous‘, das fantastische ‚Tell Me About It‘ oder ‚I Hope You’re Happy Now‘ sind nur einige Beispiele.

DANIEL TREACY wie er früher klang gibt es eigentlich nur in einem Song auf [I]My Dark Places[/I], und zwar beim fast schon poppigen ‚She Can Stop Traffic‘.
So verstörend das Album beginnt, so versöhnlich endet es. ‚There’s No Beautiful Way To Say Goodbye‘ ist, auch wenn TREACYs Stimme das vertuschen will, eine astreine Ballade.

Sicherlich wird [i]My Dark Places[/i] nicht mehr die Wirkung erzielen, die eine neue TELEVISION-PERSONALITIES-Platte noch vor 20 Jahren hatte. Dass mit diesem Album eine Legende stirbt, wie man anlässlich dieses Comebacks mancherorts vernehmen konnte, ist – abgesehen von der TREACYs Ablebens – jedoch stark übertrieben. Das Überschreiten von Grenzen, die man einst selbst zerstört hat, ist freilich nicht mehr spektakulär, aber für Spektakel war schon immer die Jugend zuständig. [i]My Dark Places[/i] ist fesselnd und kann, wenn man es denn zulässt, auch kathartisch wirken und bringt noch dazu einen fast vergessenen Teil der Musikgeschichte wieder ins Rampenlicht. Recht so.

THE TELEVISION PERSONALITIES
[i]My Dark Places[/i]
(Domino/ Rough Trade)
VÖ: 24.02.2006

www.televisionpersonalities.co.uk
www.dominorecordco.com
www.verstaerker.com

Autor: [EMAIL=alexander.eckstein@b-i-b.de?Subject=Kontakt von der Website]Alexander Eckstein [/EMAIL]

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