THE WHIP am 17.04.2008 im Magnet Club


I wanna be trash!



1990 ging ich in meinen Lieblings-Plattenladen in der nächstgroßen Kreisstadt meines Heimatdorfes im tiefsten Südwesten Deutschlands. Wie immer bewegte ich mich geradewegs auf das Regal „Rock’n’ Roll & Rockabilly“ zu. Den schlechten Musikkenntnissen des Platteneinordners oder aber eines Versehens hatte ich zu verdanken, dass ich diesmal nicht mit dem 25. Livealbum der Stray Cats an die Kasse ging, sondern mit etwas, das meinen zukünftigen Musikgeschmack verändern sollte wie nichts zuvor: Dem Sampler Rave on, der die Crème de la Crème des damaligen „Madchester Rave“ versammelte: von den Charlatans über die Soup Dragons bis zu Inspiral Carpets.

Zeitsprung: Ein Freitagabend im April 2008. Mit den Jahren bin ich gereift, gealtert, um einige Illusionen ärmer geworden. Was sich nun aber in der nächsten Stunde auf der Bühne des Magnet Club abspielt, scheint diese Jahre mit einem Schlag wegzuwischen, und ich fühle mich, zumindest für einige kurze Momente, wie das 14jährige Mädchen, das damals wie Alice im Wunderland hinter dem Spiegel eine ganz neue Welt entdeckte. Anlass für solch pathetische Emotionen sind THE WHIP aus – man wird es erraten – Manchester. Der Sound auf ihrem Debütalbum X Marks Destination wird verglichen mit Justice, ihren Bandkollegen beim Label Kitsuné, und Simian Mobile Disco. Mit ihnen verbindet sie dieser gerade so angesagte Mix aus Pop-Rock-Elektro, doch THE WHIP klingen einerseits etwas eintöniger als die vorgenannten, andererseits auch ein bisschen dreckiger und weniger perfekt produziert.

Live auf der Bühne kommt das Ganze dann noch besser. Hier dominieren die Gitarren über die Synthieklänge, und Lil Fee ist der lebende Beweis, dass Frauen an den Drums richtig reinhauen können. Auf dem zumindest im vorderen Bereich gut gefüllten Konzertraum ging das Publikum von der ersten Minute an mit – und zwar nicht mit zaghaftem Fußwippen, sondern mit tatsächlichen Dance-Moves. Überhaupt, das Publikum: eine richtig nette Zusammenstellung. Der Informatikstudent im 28. Semester, der in den 80ern zwar keine Freundin hatte, dafür aber richtig gut im Pac-Man-Spielen war, tanzte neben Pubertierenden der H&M-Generation, die wiederum manchmal ihre junggebliebenen GOA-Mamis dabeizuhaben schienen. Gut, dass das alles funktioniert, denn eigentlich passt diese Band nicht so richtig in die Location, man würde sich etwas weniger Etabliertes wünschen, einen alten Schlachthof, einen stillgelegten U-Bahn-Schacht oder eine ehemalige Kirche. Und statt bunter Pillen werden diesmal Schokoladentäfelchen verteilt, wie langweilig ist doch das neue Jahrtausend.

Über das Konzert an sich bleibt sonst nicht viel zu sagen. Danny Saville hat als Frontmann genau die richtige Mischung aus gerade noch gesunder Arroganz und Charisma – und wenn er dann mitten im Song zur Gitarre greift, dann ist das zusammen mit seiner rauen Stimme nur eins: purer Sex. THE WHIP verstehen es, das Publikum mit sich zu reißen, es innerhalb eines Stücks wie in Trance immer weiter hoch zu treiben, um es dann fast explodieren zu lassen. Dass es dann aber zwischen den einzelnen Songs eine Pause gibt, ist mehr als grausam und eigentlich schon Coitus interruptus. Und dann bestrafen sie ihre Fans auch noch damit, dass sie nach dem unglaublich guten Schlusslied ‚Trash‘ keine Zugabe mehr geben.
Einfach umdrehen und gehen, das macht vielleicht einen guten One-Night-Stand aus, aber die Fans hätten sicherlich gerne noch etwas gekuschelt.

www.thewhip.net
www.myspace.com/thewhipmanchester

Autor: [EMAIL=sandra.wickert@popmonitor.de?Subject=Kontakt von der Website]Sandra Wickert[/EMAIL]

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