ULVER am 08.02.2010 in der Volksbühne


Transgenre-Musiker am Werk: Wenn Komplexität zum Kunstwerk wird.



ULVER also. ULVER live, hier und heute in Berlin, im schwarzen Vakuum der Volksbühne, das ausgefüllt werden will mit Ton und Macht und Musik, mit Katharsis und etwas verdammt Großem, etwas, das der Zuschauer nie wieder vergessen soll. Die Erwartungshaltung ist enorm gegenüber einer Band mit 15 Jahren Musikgeschichte – bisher immer nur im Studio am kreieren, jetzt erstmals auf der Bühne zu erleben -, an eine Band mit Tiefgang, an jemanden wie Garm, der ein Künstler ist, der Neues aus Nichts schafft und ULVER seither über jegliche Grenzen hinaus katapultiert hat.

Aber hat er das wirklich? Die Meinungen zu dem letzten Album Shadows Of The Sun (2007) sind gespalten. Wo sind die visionären Ideen, und ist da wirklich noch der Puls einer Band zu spüren, die es immer genauer wissen wollte als die anderen, die es weiter und weiter hinaus auf den Kontinent der unentdeckten Musik trieb?

In Interviews (Terrorizer 2007) klagt Garm über den Druck des Künstlerdaseins, alles nichts, was man nicht schon vorher kannte, von dem Dilemma etwas zu schaffen, wenn vielleicht aber gerade gar nichts da ist, etwas aus sich gebären, wenn man nur die eigenen Gedärme in sich trägt. Und jetzt sind sie plötzlich trotzdem da, ULVER, live. Der richtige Zeitpunkt? Ein Versuch, einen Mythos in aller Demut und Bescheidenheit zu retten? Können ULVER den gesetzten Maßstäben gerecht werden?

Denn die hohen Erwartungshaltungen bei den Fans werden nicht etwa von der Band, sondern von den Promotern und Medien geschaffen, während sich die Norweger stattdessen in stiller Disziplin üben und die Zähne zusammenbeißen. Am Ende wundern sie sich dann selber darüber, wenn sie es geschafft haben, einen Gig hinter sich zu bringen („We did it. Faced the music. And you.“ aus ULVERs ergänzt das schon so lang bestehende Triumvirat um ULVER hervorragend zum Quartett, und auch die leider anonymen Video- und Lichtinstallateure haben Meisterarbeit geleistet.

Licht und Bild unterstreichen nämlich die Musik, statt sie zu übermalen, interpretieren sie aber auch nicht, sind nicht suggestiv (außer bei ‚Operator‘, wo ein klassischer Selbstmord in aller Intensität und Verzweiflung inszeniert wird), sondern lassen dem Zuschauer Raum und Zeit für jede Menge Inputs und eigene Ideen. Fibonacci-Zahlen und mystische Symbole mischen sich mit Bildern von Ästhetik, künstlerischer Verfremdung, Tod und Gewalt, so dass man sich wie Clockwork Orange-Alex in der Gehirnwäsche-Szene vorkommt: Wenn man die Leinwand nur lang genug anstarrt, dann starrt sie zurück!

Dazu wechselt das Licht von aggressivem Rot zu kaltem Blau oder trostlosem Grau. Warm strahlt es ganz am Ende, wenn ein weiß gekleideter Junge vor einer weißen Wand unwissend, unsicher und irgendwie verloren in den menschenvollen Raum schaut, minutenlang, und der Zuschauer kennt den Titel des letzten Songs, der durch Mark und Bein geht: ‚Not Saved‘.
Weniger durch Mark und Bein geht allerdings die Einblendung beim vierten Song des Abends (komplette Setlist siehe unten), ‚Rock Massif‘, wenn da plötzlich auf der Leinwand steht: „WWII Footage censored considering and concerning the historical ground on which we stand. Ulver – Berlin – February 8th 2010“. Zu den Fanfaren- und Posaunenparts des Songs werden eigentlich zusammengeschnittene Szenen von Raketenangriffen, Nazi-Aufmärschen u.ä. gezeigt, wie man auf den zahlreichen youtube-Videos sehen kann:



Nett gemeint, die Zensur, aber fehl am Platz, denn gerade in den sozialkritischen Ansatz der Band hätte eben jene anklagende Kriegshaltung gepasst. Ob ULVER die Fähigkeit der Deutschen zur Abstraktion unterschätzen?

Aber zum Glück war das der einzige Ausfall, und damit lautet die Antwort also „Ja“, ja, ULVER konnten mit Hilfestellungen und Abstrichen den gesetzten Maßstäben gerecht werden. Der Abend ließ Horizontüberschreitungen zu, spielte mit dem Universum und stellte den Menschen bestmöglich in all seiner Komplexität und Paradoxie dar. Ein Dank geht also an ULVER, die es sich zur schwierigen Lebensaufgabe gemacht haben, darzustellen, was sonst nur schwer zu sehen ist.

Setlist

1. Eos (Shadows Of The Sun)
2. Let the Children go (Shadows Of The Sun)
3. Little Blue Bird (Quick Fix of Melancholy)
4. Rock Massif (Svidd Neger)
5. For the Love of God (Blood Inside)
6. In the Red (Blood Inside)
7. (Your Call) Operator (Blood Inside)
8. Funebre (Shadows Of The Sun)
9. Plates 16-17 (Marriage Of Heaven & Hell)
10. Hallways of Always (Perdition City)
11. Porn Pieces or the Scars of cold Kisses (Perdition City)
12. Like Music (Shadows Of The Sun)
13. Not Saved (Teaching In Silence)

http://www.jester-records.com/ulver/ulver.html
http://www.myspace.com/ulver1

Autor: [EMAIL=daniela.saleth@popmonitor.de?Subject=Kontakt von der Website]Daniela Saleth[/EMAIL]

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