Psychoanalytische Tricks in Musikvideos

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Die Liste toter Rock- und Popmusiker 2016 reißt nicht ab. Nun hat es auch noch den STATUS QUO-Gitarristen RICK PARFITT getroffen und WHAM!-Sänger GEORGE MICHAEL. Letzteren erwischte es mitten in der weihnachtlichen „Last Christmas“-Zeit. Auch in diesem Jahr kehrte der unausweichliche Song pünktlich für über 10 Wochen in die Charts zurück. Jeder kennt ihn und das dazugehörige Video. Zum Erfolg des berühmten Musikclips trug die psychologische Korrektheit bei, mit der er gedreht ist. Psychoanalytische Tricks wenden einige Videoregisseure an und werten so manchen Pophit auf.

Das Video zu „Last Christmas“, in dem auch SPANDAU BALLET-Bassist MARTIN KEMP auftaucht, folgt in seinen Szenen dem Text des Songs, indem es die beschriebenen Gedanken und Gefühle visualisiert: Michael sieht bei einem gemeinsamen Urlaub mit Freunden die Frau wieder, der er vor einem Jahr die Liebe gestand. Sie hatte ihm jedoch bereits am nächsten Tag einen Korb gegeben („but the very next day you gave it away“). Seine Liebe wird versinnbildlicht durch eine Brosche, die er ihr schenkte. Für einen Moment der Erinnerung sieht man sie samt Brosche an Michael gelehnt an dem Abend, als er sie ihr schenkte. Die Erinnerung daran wird als Szene hervorgerufen, weil ein Jahr später die Brosche von Wham!-Partner ANDREW RIDGELEY getragen wird – jedoch verkehrt herum. Die Frau hat diesem also ihr Herz (die Brosche) weitergeschenkt. Was die bedeutungsvollen Blicke nicht zeigen können, zeigt die Brosche.

Auf ähnliche Weise tritt das Ungesagte in GWEN STEFANIS Video zu „Cool“ hervor: Es stammt von der britischen Regisseurin Sophie Muller, die bereits für NO DOUBT mehrere Videos gedreht hatte und sich auf Sängerinnen-Musik spezialisiert hat. Hier trifft STEFANI einen alten Geliebten mit seiner neuen Partnerin, wodurch sofort in Form von Szenen die Erinnerungen an das vergangene Glück aber auch an die Trennung ausgelöst werden. Diese Erinnerungen treten bei beiden hervor, doch können sie nicht darüber sprechen, da die neue Partnerin anwesend ist. Daher geben sie sich ein geheimes Signal: Sie trinken gleichzeitig aus ihren Kaffeetassen als Erinnerung an den damaligen Italienaufenthalt, was dem damaligen Kuss gleichkommt. Im Anschluss hat Stefani gut Lachen: Sie könnte ihn also noch immer haben, wenn sie nur wollte.

Weitaus platter und uneleganter macht LADY GAGA von psychoanalytischer Bildsprache Gebrauch, nämlich in JONAS ÅKERLUNDS (BATHORY) Video zu „Paparazzi“: Hier muss Gaga herausfinden, dass ihr Freund nur mit ihr liiert ist, um auf die Titelseiten zu kommen. Weil sie ein Foto verhindern will, wirft er sie von einem Balkon. Ihr Sturz wird durch eine Spiralen-Animation visualisiert, wie man sie aus Alfred Hitchcocks Vertigo kennt. Die Darstellung zeigte dort die pathologische Höhenangst des Helden Scotti an, während sie in „Paparazzi“ Gagas Rachepsychose zeigen soll. Als sie schwer verletzt an die Seite ihres Freundes zurückkehrt, erscheinen für Momente Bilder von durch sie getötete Models – offenbar alles Geliebte von ihm. Schließlich vergiftet sie auch ihn und zeigt sich selbst an, um in die Schlagzeilen zurück zu kehren. Dass sie für die Morde ins Frauengefängnis kommt, erfährt der Zuschauer erst in Åkerlunds Video zu „Telephone“.

Während in Vertigo der quasi nekrophile Scotti die Betrügerin Judy zum Geist der getöteten Madeleine macht, fügt sich LANA DEL REY in ihren Songtexten ganz in die Rolle, nur das Symptom eines Mannes zu sein: Stirbt er, ist ihr Leben nichts mehr wert und sie muss ihm in den Tod folgen. Wie ein roter Faden zieht sich das Thema Todessehnsucht durch viele ihrer älteren Songs („Kill Kill“, „The Man I Love“, „Dark Paradies“, „Without You“), wofür sie auch Kritik erhielt. Auf diesen Vorwurf reagierte sie mit Videos eines anderen Plots. So folgt sie in „Summertime Sadness“ einer Frau in den Freitod und stirbt in „Born To Die“ in einem Autounfall, während der Mann überlebt. Allerdings wird sie im ersten Video zum Geist, während sie im anderen in den Himmel kommt.

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