50 Jahre Musik für Kinderhasser

Geht es gruseliger? Das Urbild des Kinderstars, HENDRIK NIKOLAAS THEODOR SIMONS, kurz HEINTJE, ist zurück in den Schlagercharts. Im vergangenen Jahr veröffentlichte er Heintje Und Ich, für das er seine einstigen Erfolge mit seinem kindlichen Ich im Duett sang. Vor einem Monat erschienen auch noch derart die Weihnachtslieder. Nun könnte man sagen, dem Mann steht es natürlich frei, weiter Geld zu scheffeln. Doch dem Vater von drei Kindern scheint bis heute nicht transparent zu sein, welche Rolle er zu Anfang der 1970er spielte: Er war das idealisierte Kind von Erwachsenen, die Kinder hassten.

Nun ist selbst der Begriff „Agismus“ in Deutschland ungeläufig. Dass Erwachsene Menschenfeindlichkeit gegen Minderjährige haben, erscheint vielen Menschen als fremd und unverständlich. Sind Kinder nicht die personifizierte „Hoffnung“? Richtig, so wie Frauen, als Objekt betrachtet, auch die personifizierte „Schönheit“ sind. Schaut man in die Kriminalstatistiken, wird klar, dass jährlich Tausende Kinder hierzulande Opfer von Gewalt werden. Allein 2017 wurden über 140 umgebracht.

Heintjes Ausnahmeerfolg ereignete sich Ende der 1960er, als Zehntausende Kinder und Jugendliche in deutschen „Erziehungsheimen“ eingesperrt, zur Arbeit gezwungen, misshandelt und missbraucht wurden. Der niederländische Knabe war in der damaligen Musiklandschaft das eine Starkind mit der Engelsstimme – sittsam, gläubig, gehorsam – hinter dem sie aus dem öffentlichen Blick verschwanden. An ihm wurde vielerorts der Nachwuchs gemessen.

Seine Lieder waren das Gegenprogramm zur Rockrevolution. Während ROLLING STONES und Konsorten der Jugend zum Aufbegehren rieten, sang Heintje permanent davon, Kummer und Leid zu ertragen. Während manche Teenager, die Rock hörten, dafür ins Heim gesteckt wurden, schmolzen Mütter, Großmütter und Ordensschwestern reihenweise vor den Plattenspielern dahin. Auch deren Schwarze Pädagogik verhalf dem Album Heintje 1968 zu fast vier Millionen Verkäufen.

Heintje war mit Liedern wie „Ich Bau‘ Dir Ein Schloss“ ein derartiges Phänomen, dass man sich zunächst singende Kinder nur in Bezug zu ihm vorstellen konnte (WILMA – „Heintje, Bau‘ Ein Schloss Für Mich“, JANNI & MICHA – „Heintje Und Wilma“). Interessanterweise schien jedoch selbst den damaligen Produzenten die Eindimensionalität der Figur „Heintje“ zu missfallen. So ließ man ihn in drei Heintje-Filmen den Engel spielen, während er sich in drei Die Lümmel von der ersten Bank-Filmen an dem Versuch beteiligte, die antiautoritäre 68er-Bewegung kulturell aufzunehmen und abzudämpfen.

Die Symbolkraft des damaligen Jungen wirkt bis heute. So scharen sich auf Youtube Konservative um die Heintje-Videos und träumen von der „guten, alten Zeit“, als an das elterliche Züchtigungsverbot noch nicht zu denken war. Man sollte ja meinen, die 68er hätten die alten Werte und Musikideale vollends zunichte gemacht. Doch in religiös-fundamentalistischen Kreisen haben sie sich gehalten: So wird laut Sektenexperten das angeblich gottgefällige „Recht“ der Eltern, ihre Kinder zu züchtigen, sowohl bei den „Zeugen Jehovas“ als auch bei den „Zwölf Stämmen“ oder der Schweizer „OCG“ hochgehalten. Kinder müssen hier nach wie vor, zu Unschuldslämmern stilisiert, singen. Apropos Schweiz: Der dortige evangelikale Kreationist Roger Liebi verbreitet seit Ende der 1980er, dass Rockmusik einen verderblichen Einfluss auf die Jugend hätte. Rock würde unmoralisch und dumm machen, mit einem Wort: ungehorsam.

Ein Glück, dass sich das Popbusiness auch für Kids weiterentwickelt hat und Rock/R’n’B ihnen zugänglich geworden ist. Wer seiner Großmutter aber unbedingt schlagerhaften Jungsgesang verschenken will, dem sei zu dem Volksmusik-Bengel LUCA STANGL aus Österreich geraten. Dieser kann sich weitaus selbstbewusster über die kindlichen Pflichten aufregen („Kuana Tuat Was I Wü“) als noch Heintje („Das Ist Für Die Großen Da“). Ja, er fordert Spaß ein („He – Schi-Heil, Schi-Heil“), statt wie Heintje nur das Leid einzusehen („Es Kann Nicht Immer Nur Die Sonne Scheinen“). Recht so.

 

Hein Simons
Heintje und Ich. Weihnachten
(TELAMO/WM Germany)
VÖ: 02.11.18

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