Moon Duo + Lorelle Meets The Obsolete | 28.03.17 | Berlin

Wer eine leise Ahnung davon bekommen will, wie Rockmusik heute klingen würde, hätte es die elektronische KRAFTWERK-Revolution nicht gegeben, der ist bei einem Psychedelic- und Krautrock-Konzert richtig. Entstammten doch die späteren Kraftwerker genau diesem Umfeld. Nun ist es bitter, dass all der R’n’B- und HipHop-Pop, der heutzutage die Charts verklebt, durch sie möglich wurde. Die Rapstars können kaum verhehlen, wie unwichtig ihnen die Beats zu ihren Porno-Texten sind. Von ihnen ist eine Jugend geprägt, die Musik als selbstverständliches Nebenbei-Medium betrachtet. Das äußert sich etwa auf Rap-Konzerten, bei denen die Teens vor lauter Langeweile von Anfang bis Ende mit ihrem Smartphone filmen oder chatten, als spiele es irgendeine Rolle, dass gerade sie dabei sind. Wie gut also, dass es wieder Bands wie die beiden gibt, die am 28. März im Berliner Lido auftraten.

Es ist aufgrund des Andrangs und der Veranstaltung die richtige Entscheidung, das Konzert vom Bi Nuu ins Lido umzusiedeln. Dessen Saal füllt sich stark um 21 Uhr, als die sechs Mexikaner von LORELLE MEETS THE OBSOLETE aus der Menge heraus auf die Bühne treten und ihre Instrumente packen. Sie lassen die krautigen und ruhigen Stücke ihrer letzten Veröffentlichung Balance vom September 2016 aus und spielen einen rockigen Slot. Sängerin Lorelle sieht in ihrem Kleid aus wie eine Mischung aus Charlotte Roche und GRACE SLICK. Ihre Band vermag immer mehr Zuschauer zu beeindrucken. Doch bekanntlich herrscht im Lido aus Lärmschutzgründen ein striktes Zeitmanagement, weshalb sich die Band nach einer halben Stunde ohne Zugabe brav verabschiedet.

Schon vor 22 Uhr stehen RIPLEY JOHNSON und SANAE YAMADA mit drei Technikern auf der Bühne und installieren ihr hochgerüstetes Set. Dann um Punkt 22 Uhr starten sie vor einem proppenvollen Saal mit dem Opener ihres jüngst veröffentlichten Werkes, „The Death Set“. So ganz gefällt ihnen der Sound offenbar noch nicht, denn schon während der Performance wird weiter an Effektmaschinen und Kabeln gewerkelt. Occult Architecture Vol. 1 wird fast gesamt gespielt. Dazu gesellen sich ausgewählte Stücke früherer Platten wie etwa „Free Action“ in freier Umsetzung. So wirkt bei den lang gezogenen Outros jedes Ende wie ein Abbruch.

Diese elektrisierende Musik verlangt den Akteuren alles ab. Der Gitarrist mit Brille und Rauschebart, die Effektistin im Diskoqueen-Outfit und ihr Live-Drummer JOHN JEFFREY sind fast pausenlos aktiv in einer Mischung aus Arbeit und Tanz. Sie nehmen ihr Publikum komplett gefangen und lassen es nicht los.

Bei dieser Mischung aus Kraut und Hard Psych kann sich das hörende Subjekt ähnlich wie beim Techno komplett im Rhythmus gehen lassen und den eigenen Gedankenstrom hineinlegen. Entsprechend sind Johnsons Texte eher Leerformeln, die der Hörer selbst füllen kann. Das Moon Duo schafft es, seine eigentlichen Tracks als prickelnde Vorspiele zur Hauptsache zu gestalten: Die Gitarren- und Elektrosolos, in denen sie und ihr Publikum dahinfließen. Wer rocklos sozialisiert wurde, dem wird diese Musik freilich nur wie ständige Wiederholungen und die Bühnenvideos wie Bildschirmschoner-Grafiken vorkommen.

Konzert und Zugabe schließen 23:15 Uhr nach dem harten STOOGES-Cover „No Fun“.

Moon Duo
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Fotos: © Conrad Wilitzki

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