The Spirit Of Iuvenium – The Nameless Love

„Die namenlose Liebe“? Man muss schon sehr verklemmt sein oder hinter dem Mond leben, um aufblühende Homosexualität noch immer so zu beschreiben. Oder ist es Nostalgie für jene Zeit, als man noch verkniffen über „jene besonderen“ Beziehungen sprach? Das Dungeon Synth-Projekt THE SPIRIT OF IUVENIUM widmet sich einem Klassiker der Homo-Literatur und des queeren Films: Heimliche Freundschaften.

An den Keyboards sitzen hier TONY HICKS und AMOS HART aus den USA. Ihre Arbeit ist ein Side-Project von LORD CHIEFTAIN CONIFER (ACHEULEAN FORESTS, TROLLKJERRING, KASKASKIA). Der erste Track trägt nicht nur den Originaltitel des Films, sondern beginnt mit der Wiedergabe einer seiner Szenen („Les Amitiés Particulières“). Die Heimlichkeit der Handlung im Versteck wird dann mit Keyboard, Synthies und Glöckchen dargestellt. Die Mystik von Kinderchören aus dem Film wird anschließend in „Notre Amour“ aufgenommen. Es folgt mit „Les Amours Singulières“ ein finsterer, majestätischer Orgeltrack, der die Strenge und Unerbittlichkeit der katholischen Lehre zur Homosexualität unterstreicht. Diese führt fast zwangsläufig zum Selbstmord junger Schwuler („The Death Of Hyacinth“).

Das Cover zeigt, worum es geht: Eine Engelsstatur oder besser gesagt, der Liebesgott Amor steht zwischen zwei Jünglingen. Während die Novelle von 1943 die erste Liebe zweier pubertärer Zöglinge in einem katholischen Internat verhandelt, zeigt der Film von 1964 die Beziehung zwischen einem jungen Mann und einem Jungen dort. Beides entsprach dem Autor Roger Peyrefitte: So war sein Buch autobiografisch, während er sich bei den Dreharbeiten zu dessen Verfilmung in einen sehr jungen Schauspieler verliebte.

Obwohl sich Peyrefitte als Schwulenaktivist äußerst kritisch mit dem Vatikan seiner Zeit anlegte, war er doch rechtskonservativer Verehrer der Römisch-Katholischen Kirche (RKK). Und so kritisiert der Film die dort grassierende Homophobie sowie den sexuellen Missbrauch der Priester, während das Buch durchaus epigonenhaft agistisch ist: Es stellt den Katholizismus als ständiges Nebenher von römischen Christentum und griechischer Päderastie dar, worauf auch zwei Titel verweisen („Ganymed“, „The Death Of Hyacinth“). Die RKK schaltete die heidnische Konkurrenz also dadurch aus, indem sie sie integrierte.

Weil sie Jesus Christus und seine Mutter Maria als unmenschlich-lustfreie Götter darstellen, ziehen die christlichen Kirchen bis heute Menschen als ihr Personal an, die sich Lust nur als Herrschaft denken können. Indem man nach außen vollkommen natürliche Homo-, Bi- und auch Heterosexualität als „Sünde“ verdammt, fördert man Pädo- und Neoterophilie im Innern. Während z.B. die RKK v.a. Knaben und junge Männer sexualisiert, sind es in evangelischen Kirchen v.a. Mädchen und junge Frauen. Laut einer Studie von 2021 wurden in Frankreich seit den 1950ern etwa 216.000 Minderjährige von rund 3.000 kath. Geistlichen missbraucht, die meisten davon Jungen.

Glücklicherweise erhält derlei musikalische RKK-Propaganda heutzutage nur noch in kleinen Sparten wie Dungeon Synth Asyl. Projekte wie DANTEFEVER oder CHAUCERIAN MYTH verehren die alte RKK, deren Leibfeindlichkeit ein letzter Schatten ihrer einstigen Macht ist.

Wer ordentlich homophobe RKK-Propaganda sehen will, der besuche das Museum Berlin Dahlem. Hier befindet sich das Gemälde „Amor Sacro E Amor Profano“ (1602), auf dem Bagliones himmlischer Amor Caravaggios irdischen Amor besiegt, womit der eine Maler dem anderen Homosexualität vorwirft. Dies wird subtil anhand zerbrochener Pfeile am Gesäß des irdischen Amors dargestellt, der offenbar in flagranti mit einem Dämon erwischt wurde. Caravaggio machte sich daraufhin über die Kunstfertigkeit seines Kollegen Baglione lustig, was in einem Rechtsstreit endete.

 

The Spirit Of Iuvenium
The Nameless Love
(Pacific Threnodies)
VÖ: 24.02.2022

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