Billie Eilish – Happier Than Ever

Das Cover der zweiten LP von BILLIE EILISH verrät einiges: Erstens ist sie jetzt als millionenschwerer Superstar keineswegs glücklicher und entsprechend auch nicht ihre Musik. Zweitens hat sie ihren burschikosen Baggyclothes-Green Hair-Look mit flauschigem Blondchen-Flair ausgetauscht. Hier wird wohl jemand vor den Augen der Popwelt verbrannt, während BRITNEY SPEARS gerade erst ihre Freiheit erkämpft.

Als Interscope Records vor vier Jahren mit der EP Don’t Smile At Me eine 17jährige als nächstes großes Ding platzierte, fragte sich der Feuilleton warum und fand die Antwort in einem glänzenden Konzept: Während MARILYN MANSON wegen Gewaltvorwürfen im Abseits landete und LANA DEL REY zu langweilen begann, wurde auch der Platz frei für einen Düster- und Retropop der Post-Millenials. Billie wurde ganz plötzlich zum Everybody’s Darling der Trap- und Sadcore-Szene.

Denn mit dem Soundcloud-Mäuschen Eilish hatte nun Interscope mehr als die glänzende Slow-Ballade „Ocean Eyes“ von 2015. Mit ihrem Bruder FINNEAS O’CONNELL, der ihn geschrieben hatte, war auch gleich ein genialer Songwriter und Produzent im Paket. Dieser gestaltete für seine Schwester mal elektronischen mal akustischen Trappop. Von TYLER THE CREATOR lernte man, die Optik von Schockrock zu klauen und die Social Media taten ihr Übriges. Billie konnte Abermillionen Teenage-Girls als neue Stimme der Generation Z aus der Seele sprechen. Mit dem Album When We All Fall Asleep, Where Do We Go? (2019) wurde sie zum Weltstar und durfte im vergangenen Jahr sogar den aktuellen James Bond-Song „No Time To Die“ singen.

Verglichen mit dem Vorgänger laufen die 16 Tracks auf Happier Than Ever ziemlich standardisiert ab. Hier sind weniger skurrile Elektroideen oder wirre Beats zu finden. Diese aufgeräumte und auch melodiearme Produktion wirkt nicht so überproduziert und damit glaubhafter. Allerdings kommt einem das hässliche Wort ‚Füllmaterial‘ in den Kopf, wenn man nach einem neuen „Bad Guy“ sucht und nicht ansatzweise findet. „Therefore I am“ ist ihm am Ähnlichsten.

Die 20jährige scheint den Geist einer 40jährigen zu haben, die mit ihrer Karriere hadert. Dabei ist ihre Lebenswelt jetzt noch weiter weg von der gewöhnlicher Jugendlicher denn je. Sie muss wie so viele andere Teenstars zuvor ihr Erwachsenwerden zelebrieren. In „Getting Older“ stellt sie raunend fest, dass die Musik jetzt nur noch ihre Arbeit ist („Things I once enjoyed, just keep me employed now“) und in dem Spoken Word-Text „Not My Responsibility“ hadert sie mit der oberflächlichen Diskussion ihres Klamottenstils im Internet: „If I wear more, if I wear less / Who decides, what that makes me, what that means?“ Dass Sexismus dahintersteckt, vermutet sie in „Male Fantasy“.

Möglich, dass jetzt einige Teens meinen, Billie wäre bereits verbraucht und Ausschau nach dem nächsten Ding halten. Doch Halt! Auf der Habenseite ist einerseits der ruhige „Billie Bossa Nova“ und der Elektrotrack „Oxytocin“, die beide dunkle Erotikfantasien transportieren. In „My Future“ macht sie sich im Lofi-Trend bequem und der akustische Sadcore „Your Power“ beklagt seelische Misshandlung. Im dazugehörigen Video sitzt Billie gleich einem weiblichen Prometheus an einem Berg und wird langsam von einer Würgeschlange erstickt. Dem beklagten bösen Ex schickt sie zunächst das Titelstück mit Lana Del Rey-Retro-Gitarre zurück. Das verwandelt sich plötzlich in einen echten, wütenden Rocksong: Im dunklen Video zu „I Don’t Relate To You“ ertrinkt Madamchen wie einst Alice Im Wunderland in ihren eigenen Tränen. 17 Jahre nach AVRIL LAVIGNEs „My Happy Ending“ hat hier wieder ein Mädel zum Rock gefunden. Wäre das nicht eine Zukunft? Bleib bloß nicht im Pop, will man ihr zurufen. Denk dran, was mit Britney geschah.

 

Billie Eilish
Happier Than Ever
(Darkroom/Interscope Records/Universal)
VÖ: 30.07.21

www.billieeilish.com

Live

19.06.22, Frankfurt, Festhalle
21.06.22, Köln, Lanxess Arena
30.06.22, Berlin, Mercedes-Benz Arena

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