Postmoderne Märchen 6

Die Fehler Hollywoods bei der Bedienung postmoderner Klischees reißen nicht ab. Die identitäre Lösung sozialer Konflikte auf der Leinwand provoziert immer fort neue Online-Proteste. Sieht man davon ab, dass permanent unnötige, lieblose Neuverfilmungen erfolgen, gibt es ernste Kritikpunkte.

Eine Idee ist die Besetzung weißer Rollen mit schwarzen Personen. Diese ist antirassistisch gedacht, kann aber selbst Rassismus in den Plot einführen, wo vorher keiner war. So wird geplant, Professor Snape in der neuen Harry Potter-Serie schwarz zu besetzen. Entsprechend bekommt das Mobbing in seiner Jugend durch den weißen James Potter eine rassistische Note. Zudem tritt der eigentlich in der Serie thematisierte Rassismus zwischen Zauberern und Muggeln (Menschen ohne magische Fähigkeiten) in den Hintergrund. Hatte es in der Kinofilmreihe schon selbstverständlich nicht-weiße Charaktere gegeben, wird nun auch die Hauptfigur Hermine – ein solches Magie-Rassismus-Opfer – derart neu besetzt.

Was Rassismus bekämpfen soll, ruft oft Rassisten auf den Plan. So zum Beispiel, wenn die mythischen Gestalten Athene, Helena und Klytaimnestra und Eurylochos aus Homer’s Odyssee in der diesjährigen Neuverfilmung von Christopher Nolan schwarz besetzt werden. Das ist legitim, wirkt aber aufgesetzt, wenn der Rest des Casts weiß ist. Zudem betont Helena gerade, dass ihr Gesicht den Trojanischen Krieg auslöste. Ähnlich wie beim Fantasyfilm Pan (2015) kritisierten Griechen, dass kein Grieche für die Hauptrollen gecastet wurde. Zudem sprach man angesichts der Plotänderungen von kultureller Aneignung, so als dürfte ein Sagenstoff nicht geändert werden. Während Allround-Komponist HANS ZIMMER den Score für die neue Harry Potter-Serie komponieren soll, wurde für Die Odyssee LUDWIG GÖRANSSON verpflichtet.

Nicht minder bizarr wurde um den Film Vaiana (2016) gestritten, der vor zwei Jahren einen zweiten Teil und dieses Jahr bereits eine Realverfilmung erhielt. Neben Disneys neuen Lieblingstopoi Girl-Boss-Thema für die weibliche Hauptfigur und Apologetik der Theokratie fällt einmal mehr die Umdeutung eines Mythenstoffs in 08/15-Fantasy auf. Kritisiert wurde nicht nur diese Simplifizierung polynesisch-religiöser Inhalte sondern auch der Verkauf künstlicher tätowierter Haut als Kostümausstattung.

Interessant ist, wie viele Sängerinnen und Sänger an dem Soundtrack von OPETAIA FOA’I (TE VAKA), MARK MANCINA und LIN-MANUEL MIRANDA mitgewirkt haben: Auf der amerikanischen Seite AULI’I CRAVALHO, ALESSIA CARA, JERMAINE CLEMENT, CHRISTOPHER JACKSON und NICOLE SCHERZINGER (PUSSYCAT DOLLS), auf der deutschen DEBBY VAN DOOREN, ANDREAS BOURANI, HELENE FISCHER, THOMAS AMPER, RICARDA KINNEN, TOMMY MORGENSTERN und MARION MARTIENZEN. Neben weiteren Schauspielern versuchen sie den generischen Popsongs Leben einzuhauchen.

Wie bei Disney üblich ist der Soundtrack um einen herausragenden Song gebaut. Hier ist es „How Far I’ll Go“, das wirklich Fernweh ausdrückt. Cara singt ihn übrigens schlechter als Cravalho. Als Songbeauftragter bricht sich Miranda einen ab, einigermaßen witzige Folksongs als Grundlage für die Männertitel zu singen („Where You Are“, „You’re Welcome“).

Für den Soundtrack der 2026er-Neuverfilmung hat das Team aus Foa’i, Mancina und Miranda die Kritik an der Unterrepräsentanz von Nicht-Amerikanern ernst genommen. Foa’i und seine Weltmusikband Te Vaka erhält in den Titeln einen größeren Raum. Die Schauspieler Cathrine Laga’aia (Vaiana), Frankie Adams, John Tui, Jemaine Clement, Rena Owen und Moses Mackay stammen alle aus Australien bzw. Neuseeland. In Deutschland setzte man auf Lina Larissa Strahl, CHAIRA FUHRMANN und ROGER RECKLESS (DAVID MAYONGA). Dass dabei aber wiederum nur wertlose Weltmusik entsteht, war abzusehen.

 

Vaiana. Deutscher Original Film-Soundtrack
(Walt Disney Records)
16.12.2016

Vaiana. Deutscher Original Film-Soundtrack
(Walt Disney Records)
26.06.2026

FacebooktwitterpinterestlinkedintumblrmailFacebooktwitterpinterestlinkedintumblrmail