Rammstein – Rammstein

RAMMSTEIN zündeln wieder, so will wohl das Cover zu ihrer neuen selbstbetitelten Scheibe weismachen. Ihr Coup mit der Vorabsingle „Deutschland“ ist sowas von profimäßig geglückt, dass andere Bands vor Neid erblassen. Die einstigen NDH- und Crossover-Rocker haben sich inzwischen zu sowas wie Gothic Popper entwickelt und bieten acht Jahre nach ihrem Best-of eine Zusammenfassung ihrer bisherigen Themen an.

So tagesaktuell waren Rammstein allerdings noch nie. Das viel diskutierte Video „Deutschland“ lockte mit NS-Symbolik und Drehort gezielt auf rechte Fährte, um dann mit der Zeile „Deutschland, meine Liebe kann ich dir nicht geben“ alles einzureißen. Eine generelle Kritik an Nationalismus oder gar an dem Konstrukt Nation an sich ist das freilich nicht. Im Musikvideo werden in postmoderner Manier nicht nur mehrere Filme zitiert, sondern auch Rammstein treten in zig Gewändern auf: als Deutschritter, Mönche, Kolonialisten, Nazis und KZ-Häftlinge, SED-Funktionäre und RAF-Mitglieder. Welche Deutschland-Klischees haben sie eigentlich noch nicht verbraten? Auch Rammstein-Bildthemen sind wieder präsent: die Band als Hunde („Mein Teil“), Schneewittchens Kristallsarg („Sonne“) sowie die Gipsköpfe des Best-of-Covers. Hinter dem Dreh steht der Ex-Chef von Aggro Berlin, Specter. Dass auch MANNY MARC, FRAUENARZT, OLEXESH, HARRIS und DJ MAXXX mitspielten, ließe sich wie eine kleine Entschuldigung Deutschraps für rechte Phrasen lesen. Oder war dies etwa Dankbarkeit für die HipHop-Bloßstellung durch TILL LINDEMANN im letzten Jahr („Mathematik“)?

Ebenfalls technolastig klingt „Radio“. Kein Wunder, mit diesem Appell für Kunstfreiheit erinnert die Band an ihre musikalischen Ursprünge in der DDR, als es gefährlich sein konnte, „West-Musik“ wie KRAFTWERKS Radio-Aktivität zu hören.

Dann beginnt die Aufzählung der typischen Sex-Themen der Band. Es ist, als ob sie selbst vormacht, wie man sie kopiert. Statt einem triebgesteuerten Monster („Weißes Fleisch“) ist der freundliche „Hallomann“ wohl näher an einer Charakterisierung eines Missbrauchtäters. „Ausländer“ verrührt Sextourismus („Pussy“) mit der Asyl-Problematik („Mein Land“). „Zeig Dich“ wiederholt die Kirchkritik aus „Halleluja“ und nutzt obendrein den Songaufbau von „Zerstören“. Dieser Song könnte so auch von SUBWAY TO SALLY stammen.

Dass sexueller Missbrauch („Hallomann“) und Prostitution („Puppe“) zu Lustunfähigkeit, Borderline usw. führt („Was Ich Liebe“), ist bekannt. Die Frage der gewaltlosen Triebabfuhr ist auch im 21. Jahrhundert ungeklärt.

Die Angst, Beziehungen einzugehen, hat selbst schon ANNETT LOUISAN besungen und so ist das akustische „Diamant“ wie ein zweites „Der Den Ich Will“. Till singt jetzt so fein, dass man die Rauheit der früheren Produktionen fast vergisst.

Insgesamt also nichts wirklich Neues von Rammstein, aber so massentauglich wie nie. Die waren immer Türöffner in Richtung härtere Musik und dürften das hiermit noch weiter treiben.

 

Rammstein
dito.
(Universal Music)
VÖ: 17.05.2019

www.rammstein.de

Live

28.05.19, Gelsenkirchen, Veltins Arena
08.06.19, München, Olympiastadion
12.06.19, Dresden, Rudolf-Harbig-Stadion
13.06.19, Dresden, Rudolf-Harbig-Stadion
16.06.19, Rostock, Ostseestadion
22.06.19, Berlin, Olympiastadion
02.07.19, Hannover, HDI Arena
13.07.19, Frankfurt/Main, Commerzbank-Arena

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